Zweistündige Schulung um eine Fahrkarte zu kaufen

Fahrplan hinter Gittern
Eigentlich ist es praktisch, mit der Bahn zu fahren. Man geht zum Bahnhof, kauft sich eine Fahrkarte und kann bequem und schnell ans Ziel fahren. Naja, zumindest in der Theorie. In der Praxis muss man eventuell erst einen langen Weg zu einem Bahnhof zurücklegen, dann muss man die Hürde meistern, eine Fahrkarte zu kaufen und anschließend steht man in einem überfüllten Bummelzug. Am Zielbahnhof angekommen ist nicht gleichzusetzten mit „am Ziel angekommen“. Vom Bahnhof muss man noch irgendwie zu seinem eigentlichen Zielort kommen. Dafür bezahlt man dann ein kleines Vermögen.
Während auf dem Internet-Auftritt der Deutschen Bahn Slogans folgender Art zu lesen sind, die man nur versteht, wenn man der englischen Sprache mächtig ist,

Neu: Jetzt bequem von Tür zu Tür
Die BahnCard mit City-Ticket

gestaltet sich die Reise mit der Bahn in der Realität weitaus weniger angenehm, wie in den einleitenden Sätzen bereits angedeutet. Bequem von Tür zu Tür? Mit der Bahn wohl kaum.

Da ist schon er eigentlich simple Erwerb einer Fahrkarte eine besondere Herausforderung. Früher ging man hierfür an einen Schalter und ein dafür geschulter Mitarbeiter händigte die passende Fahrkarte aus. Mittlerweile wurden die menschlichen Mitarbeiter durch Automaten ersetzt, die nicht geschult, sondern programmiert sind und weder Emotionen deuten können noch anderweitige soziale Kompetenzen besitzen. Automaten reagieren nach vorgegebenen Algorithmen auf bestimmte fest definierte Eingaben. Individualität und Flexibilität sucht man vergebens. Eine optimale Karte aus Kundensicht wird der Automat nicht von sich aus anbieten. Die erhält der Kunde bestenfalls, wenn er keinen Fehler bei den unzähligen Eingaben gemacht hat.
Nun steht man also an einem solchen Automaten, der mit etwas Glück auch tatsächlich einigermaßen funktioniert, und möchte eine Fahrkarte kaufen. Fahrkarten sind teuer. Zu teuer. Das hat sogar die Bahn erkannt, was sie aber natürlich nicht von regelmäßigen Fahrpreiserhöhungen abhält. Stattdessen wird eine sogenannte BahnCard angeboten, die man zusätzlich erwerben muss, um dann später die eigentlichen Fahrscheine etwas günstiger zu erhalten.
Beim Kauf der Fahrkarte am Automaten ist also darauf zu achten, dass die Preisminderung berücksichtigt wird, sofern man in Besitz einer BahnCard ist, die übrigens nur als Abo angeboten wird, dass sich selbstredend automatisch verlängert, wenn man es nicht rechtzeitig abbestellt. Außerdem muss man am elektronischen Fahrkartenverkäufer noch auswählen, welche Strecke man fahren möchte, wie viele Personen in welchem Alter und ob Haustiere mitfahren, welche Züge und welche Verkehrsverbünde genutzt werden dürfen, in welcher Klasse man reisen möchte (ja, wir haben eine Klassengesellschaft!) und ob man eine Hin- und eine Rückfahrkarte haben möchte oder nur eine Hinfahrkarte, außerdem muss eingegeben werden, ob man eine BahnCard besitzt und welche das ist (es gibt schließlich viele verschiedene) oder ob man irgend ein Spar-Ticket erwerben will, das aber nur bedingt verfügbar ist. Möchte man gleich eine Rückfahrkarte kaufen, muss man bereits bei der Hinfahrt wissen, um wie viel Uhr man die Rückfahrt antreten möchte. Eigentlich weitgehend unnötig, da die Fahrt um 14 Uhr normalerweise so viel kosten wird, wie die Fahrt um 15 Uhr.
Wenn man all diese Hürden gemeistert hat, hören die Probleme nicht auf. Der Zug kommt gleich und jetzt stellt man auch noch fest, dass die Preisminderung aufgrund der BahnCard nicht berücksichtigt wurde. Also noch mal das Ganze und diesmal bewusst darauf achten, dass man wirklich angibt, eine BahnCard zu besitzen. Wieder das gleiche Ergebnis. Der angezeigte Preis ist zu hoch. Was für ein Mist. Der Zug wird gleich einfahren und so akzeptiert man den Preis, der im aktuellen Fall doppelt so hoch ist, wie er bei einer BahnCard 50 sein sollte. Schnell wird ein 10-Euro-Schein in den oberen Schlitz gesteckt, doch Anstelle der erhofften Fahrkarte gibt der Automat den Schein wieder aus. Ein typisches Problem bei der Authentifizierung: Falschgeld muss als solches erkannt und zurückgewiesen werden, während reguläres Bargeld auch erkannt und dann natürlich akzeptiert werden muss. Der Automat erfasst nun verschiedene Parameter mit begrenzter Genauigkeit und errechnet einen Wert. Dieser ist nicht eindeutig. Die Grenzen sind leider sehr unscharf, so dass ein Schwellwert festgelegt werden muss, der für den Automat die Trennung zwischen Falschgeld und regulärem Geld darstellt. Setzt man den Schwellwert zu niedrig an, wird unter Umständen auch Falschgeld akzeptiert (falsche Akzeptanz, false acception), setzt man die Schwelle zu hoch an, wird das falsche Geld zwar sehr sicher abgewiesen, es wird mitunter aber selbst echtes Geld nicht mehr als solches erkannt und nicht angenommen (falsche Zurückweisung, false rejection). Scheinbar ist bei den Automaten die Einstellung sehr restriktiv und dadurch werden unglücklicherweise viele ehrliche Leute vor ein Problem gestellt: Anstelle der erwarteten Fahrkarte wird lediglich der Geldschein wieder ausgegeben, weil er vom Automaten als Fälschung gedeutet wird.
Nun taucht der Zug auf und so wird nach vielen Fehlversuchen ein neuer Versuch mit einem anderen Schein gestartet. Das selbe Ergebnis. Der Schein wird wieder ausgegeben, dafür keine Fahrkarte. Der Zug kommt näher. Weitere Versuche, keine Fahrkarte. Irgendwann akzeptiert der Automat dann glücklicherweise doch den Schein und druckt endlich die ersehnte Karte.
Nun gilt es, sich zu beeilen, da der Automat nicht an einem der beiden Zugänge zum Bahnsteig steht und auch nicht dort, wo der Zug hält, sondern in der Mitte des Bahnsteiges, um von beiden Zugängen gleich weit entfernt zu sein (so spart die Bahn sich einen Automaten). Also muss man wieder zurück laufen, um einen Einstieg des kurzen Zuges zu erreichen, der weiter am Zugang zum Bahnsteig hält und nicht so lang ist, dass er bis zur Mitte des Steiges reichen würde.

Die Bahn hat derweil auch erkannt, dass die Bedienung der Automaten etwas schwierig ist und einige Fahrgäste damit Probleme haben. Natürlich werden die Automaten nicht abgeschafft und die Fahrkarten wie früher von echten Menschen verkauft. Es werden stattdessen Kurse angeboten. So können Bahnkunden laut einer Pressemitteilung beispielsweise in Nürnberg an einem zweistündigen Seminar in Gruppen von etwa 15 Personen teilnehmen und sich in die Geheimnisse der Automatentechnik einweihen lassen. Aufgrund der großen Nachfrage und Beliebtheit wird das Angebot auch wiederholt. So ist es in der Pressemitteilung zu lesen. An dieser Stelle würde ich nicht unbedingt die Worte „Nachfrage“ und „Beliebtheit“ wählen, sondern eher von „Not“ und „Verzweiflung“ sprechen. Das klingt weniger positiv und hat somit einen größeren Realitätsbezug.
Ach so, für die Schulung, bei der man lernt, wie man bei der Bahn bezahlt, muss man nicht bezahlen. Lediglich für den Eintritt ins Bahn-Museum, in dem die Schulung stattfindet, muss man einen Obolus entrichten. Das ist doch mal ein freundliches Angebot. Da darf Museumseintritt bezahlen, um zu erfahren wie man modere Automaten bedient, weil es mittlerweile deutlich schwerer geworden ist, eine Bahnfahrt zu bezahlen, als es zu den Zeiten der Ausstellungsstücke im Museum der Fall war. Damals brauchte man noch keine Schulung, um eine Fahrkarte kaufen zu können.


Eine Antwort auf „Zweistündige Schulung um eine Fahrkarte zu kaufen“

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