Windkraftanlagen! Pro oder Contra? Oder vielleicht Prontra?

Wachstum, Wachstum über alles!


Ein Auszug aus der Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim Jahrestreffen 2013 des World Economic Forumam 24. Januar 2013 in Davos:[1]

Wir haben ein Jahr hinter uns, in dem das Wirtschaftswachstum in fast allen Industrieländern relativ gering ausgefallen ist. Die Weltwirtschaft ist in 2012 insgesamt gerade einmal um drei Prozent gewachsen.

Und Bei Merkur-Online ist zu lesen:[2]

Wirtschaftswachstum sicherzustellen sei eine Daueraufgabe, sagte Merkel in ihrem am Samstag veröffentlichten wöchentlichen Video-Podcast.

Damit ist klar, wohin die Reise gehen soll: immer schneller, immer mehr! Ein Wachstum der Wirtschaft von lediglich drei Prozent pro Jahr hat eine Verdopplung der Wirtschaft etwa alle 25 Jahre zur Folge – und drei Prozent sind Frau Merkel eigentlich zu wenig.

Im Zentralen Fahrzeugregister (ZFZR) des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) waren am 1. Januar 2013 insgesamt etwas über 60 Millionen Fahrzeuge registriert.[3] Bei der Verdopplungsrate, welche mit einem Wachstum von drei Prozent einhergeht, müssen im Jahr 2040 schon über 120 Millionen Autos in Deutschland angemeldet sein. Und auch in allen anderen Bereichen sieht es so aus. Telefone, Computer, Fernseher, Spielzeug, Essen, Trinken, Heizen, Bauen, … überall muss bei einem Wachstum von drei Prozent der Umsatz in 25 Jahren im Vergleich zu heute verdoppelt sein.
Natürlich muss dann auch mit einer annähernden Verdoppelung des Ressourcen- und des Energieverbrauches gerechnet werden.


Wo soll die Energie für das Wachstum herkommen?


Doch wo soll die Energie herkommen? Öl ist massig vorhanden und mit Atomkraft lässt sich ein beachtlicher Strombedarf decken. Dies kann aber keine Lösung sein. Verbrennungsmotoren verschmutzen die Umwelt und mit den dagegen eingeführten Katalysatoren handeln wir uns neue Probleme ein. Und die Nutzung radioaktiv strahlender Stoffe zur Stromproduktion kann ohnehin durch nichts gerechtfertigt werden. Die Gefahren und Folgen für die Umwelt über viele Jahrtausende hinweg sind nicht zu kontrollieren. Kernenergie kann keine Lösung sein. Sie kann nichteinmal eine Zwischenlösung auf dem Weg zu neuen Technologien sein. Was also tun?
Zunächst sollten wir natürlich dieses ominöse Wirtschaftswachstum hinterfragen. Wir müssen nicht jedes Jahr drei, vier oder fünf Prozent mehr essen und trinken oder Kleidung anziehen. Wir müssen nicht ständig mehr produzieren, konsumieren und wegwerfen. Wir könnten sogar den Verbrauch vieler Güter reduzieren. Viele von uns haben gewiss einen Lebensstand erreicht der nicht nur ausreicht, sondern auch überdimensioniert ist. Es sollte eigentlich zukünftig darum gehen, weniger zu verschwenden und die Ressourcen gerechter zu verteilen, so dass niemand mehr Not leiden muss. Das heißt nicht, dass wir auf alle Annehmlichkeiten verzichten müssen. Geräte, die lange halten und leicht repariert werden könnten, würden schon einen wichtigen Beitrag leisten. Wir können immer noch ein Mobiltelefon haben. Aber es muss nicht jedes Jahr ein neues Telefon sein. Und auch unser Lebensmittelkonsum ist zu hinterfragen. Ein großer Teil der Nahrung wird weggeworfen, und auch durch den hemmungslosen Fleischkonsum werden wertvolle Rohstoffe verschwendet und die Umwelt, die wir doch schützen wollen, zerstört. Wir benötigen kein Fleisch zum leben und zum genießen gibt es mittlerweile viele vegetarische und vegane Alternativen. Es ist nur eine Sache der Gewöhnung. Trotzdem klammern sich manche Menschen an ihr Schnitzel, wie der Ertrinkende an ein Senkblei, um es mit den Worten des genialen Kabarettisten Hagen Rether zu formulieren. Ein Umdenken in diesen Bereichen wäre ein wichtiger Schritt, weg vom hemmungslosen „immer schneller, immer mehr“.
Ja, wir könnten den Verbrauch in vielen Bereichen gleichmäßiger verteilen oder gar reduzieren. Das steht aber im Kontrast zum propagierten Wirtschaftswachstum.
Wir brauchen dieses Wachstum nicht und wenn dieses Wachstum nicht durch Politik und Wirtschaft aufgrund der Vorgaben des zinsbasierten Finanzsystems erzwungen werden würde, müssten wir uns auch keine Gedanken darüber machen, wie wir ständig mehr Öl, Gas und Strom bekommen.
Leider möchten sich viele Menschen über diese Zusammenhänge keine Gedanken machen. Selbst Leute, die sich dem Umweltschutzgedanken stark verbunden fühlen, stellen den Wachstumszwang nicht in Frage, sondern überlegen nur, wie das vorgegebene Wachstum möglichst ohne große Belastung der Umwelt erreicht werden könnte. Das ist leider die Realität und somit müssen wir vorerst mit diesem verschwenderischen Wachstum leben.
Mit Kohle- und Atomkraftwerken kann das Wachstum durchaus noch eine Weile weitergeführt werden. Diese Technologien müssen aber besser früher als später aufgrund der immensen negativen Folgen für die Umwelt ausscheiden. An deren Stelle könnten alternative Energiequellen treten, wie sie von Menschen vorgeschlagen werden, die sich den Schutz der Umwelt auf die Fahne geschrieben haben. Sonne, Wind und Wasser sind die naheliegenden Optionen. Vorübergehend könnte das auch klappen. Wenn der Energieverbrauch nicht zu groß ist und auf ausreichend große Speicherkapazitäten zurückgriffen werden kann, um Zeiten mit wenig Wind und wenig Sonneneinstrahlung zu überbrücken, kann unser Strombedarf vielleicht aus diesen sogenannten „regenerativen“ Energiequellen gedeckt werden. Wir werden aber auf Dauer nicht umhinkommen, den Wachstumszwang dennoch zu hinterfragen. Wenn wir von Kohle- und Atomstrom auf Strom aus Wind- und Wasserkraftwerken umsteigen, müssen wir uns diese Frage lediglich früher stellen, als bei der Nutzung von Kohle- und Atomenergie. Das dürfte auch eine Erklärung dafür sein, warum die lobbygesteuerten Politiker wenig Interesse bei der Förderung der Stromproduktion aus regenerativen Quellen hat: niemand möchte das Wirtschaftswachtum hinterfragen, weil er dann an den Grundfesten unserer Wirtschaftsordnung rütteln müsste. Also verschließen die meist sehr kurzfristig orientierten Politiker die Augen und hoffen, dass sie sich mit Kohle- und Atomkraftwerken genügend Zeit erkaufen können.
Derjenige, dem wirklich am Umweltschutz gelegen ist, muss also neben den Überlegungen zur Nutzung alternativer Energiequellen auch den Wachstumszwang hinterfragen und in den Fokus der Öffentlichkeit rücken, denn je mehr wir auf nachhaltige Energiegewinnung setzten, um so schneller werden wir mit den Problemen des Zwangs zum grenzenlosen exponentiellen Wachstum konfrontiert.


Es weht der Wind der Veränderung


Die Abkehr von gefährlichen und schädlichen Varianten der Stromproduktion und die Umstellung auf die Nutzung regenerativer Energiequellen, bringt natürlich Veränderungen mit sich. Diese Veränderungen können für die direkt Betroffenen durchaus sehr gravierend sein. Man denke beispielsweise an den Bau eines Windparks. Dass ein Anwohner, dem vielleicht nichteinmal der Einbau eines neuen Dachfensters genehmigt wurde, nicht erfreut ist, wenn neben seinem Haus ein Windpark mit über 100 Meter hohen Türmen aus der Erde gestampft wird, ist durchaus verständlich. Deutschland ist sehr dicht besiedelt. Egal, wohin man ein Windrad stellt, es wird immer Konflikte mit Anwohnern geben. Der Aufbau solcher Anlagen ist mit großen Eingriffen in die Umwelt verbunden und das Ausmaß steigt mit den ständig wachsenden Dimensionen der Windkraftanlagen.


Dafür oder dagegen, das ist hier die Frage!


Entsprechend schwierig ist es auch, sich pauschal für oder gegen den Ausbau der Windkraftanlagen zu positionieren, wie man es tun müsste, um beispielsweise bei der Umfrage des Politikers Josef Göppel zu antworten:[4]

Windstrom hat aktuell einen Anteil von 1% an der bayerischen Stromversorgung. Nach dem Energiekonzept der Bayerischen Staatsregierung sind 10% das Ziel bis 2020. Sind Sie für einen weiteren Ausbau der Windkraft in Bayern?

[ ] Ja, ich bin für weiteren Ausbau.
[ ] Nein, ich bin grundsätzlich gegen den Windkraftausbau.

Grundsätzlich ist die Nutzung der Windkraft ein guter Schritt weg von den Kohle- und Atomkraftwerken. Bevor man aber pauschal für den Ausbau stimmt, müsste geklärt sein, wo der Ausbau stattfinden soll. So manch einer, der dafür stimmt würde sich vermutlich umentscheiden, wenn er dann erfährt, dass der Turm des Kraftwerkes direkt neben seinem Haus errichtet werden soll. Und wer grundsätzlich dagegen ist, würde vielleicht doch dafür stimmen, wenn er nach einem Reaktorunfall des nahegelegenen Kernkraftwerks Haus und Hof verliert, weil die Gegend für tausende Jahre nicht mehr bewohnbar ist.

Wie würde ich bei einer solchen Umfrage antworten? Nun, wie bereits umfassend erläutert, müsste zunächst natürlich dem grenzenlosen Wachstumszwang Einhalt geboten werden, andernfalls kämen wir kaum mit dem Bau neuer Windkraftanlagen dem Zwang durch das grenzenlose exponentielle Wachtum hinterher. Es müssten auch dann noch immer neue Windräder aufgebaut werden, wenn es bereits gelungen ist, 100 Prozent des Energiebedarfs aus regenerativen Quellen zu decken, da der Bedarf im nächsten Jahr automatisch größer ist. Selbst wenn Windkraftanlagen nicht so gefährlich sind, wie beispielsweise die Nutzung der Atomenergie, sollten wir nicht jeden Flecken der Erde mit diesen Anlagen zupflastern. Und das wäre durchaus irgendwann geschafft, wenn nicht dem Wachstumszwang Einhalt geboten wird. Schließlich müsste selbst bei einem Wachstum von drei Prozent die Anzahl der Windkraftanlagen alle 25 Jahre verdoppelt werden. Das kann keine dauerhafte Lösung sein. Am Anfang werden wir kaum eine Veränderung sehen. Ist aber bereits das halbe Land zugebaut, dauert es nur noch einen Verdopplungszeitraum, also 25 Jahre in unserem Beispiel, bis das gesamte Land verbaut ist. Gut, dieses Beispiel ist sehr theoretisch und zugegebenermaßen auch etwas extrem. Es soll aber die Problematik verdeutlichen, die der geneigte Leser nun zwischen den Zeilen lesen konnte. Um es noch einmal deutlich zu sagen: es geht bei den Überlegungen sehr stark um das Problem des exponentiellen Wachstums. Das ist mir sehr wichtig, dies ausdrücklich zu betonen.
Um die Problematik des exponentiellen Wachstums zu erläutern, wird gerne das Beispiel vom Seerosenteich angeführt:

Eine Seerose verdoppelt jede Stunde ihre Fläche. Wann ist der Teich zur Hälfte zugewachsen?
Die Antwort: genau eine Stunde bevor er komplett zugewachsen ist!

Damit wird deutlich, dass die Veränderungen in einer bestimmten Zeit in einem System exponentiellen Wachstums irgendwann sehr groß werden. Das gilt auch für den mit dem geforderten Wirtschaftswachstum einhergehende Energieverbrauch. Wenn der Energieverbrauch annähernd mit der Wirtschaft exponentiell wächst, können regenerative Energiequellen keine Lösung sein, weil der Ertrag nicht mit dem Wachstum schritthalten kann. Dann brauchen wir uns keine Gedanken um den Schutz der Umwelt zu machen, weil Umweltschutz und Nachhaltigkeit ohnehin nicht mit exponentiellem Wirtschaftswachstum vereinbar sind. Hier sind dann übrigens auch Kernkraftwerke keine echte Option, da sich ein grenzenloses Wachstum auch mit diesen Anlagen nicht realisieren lässt. Es geht nur ein bisschen länger. Dafür wird aber auch die Schlussrechnung um so höher.
Wenn wir aber nur wenig Energie benötigen und den Bedarf nicht grenzenlos steigern, dann besteht eine reale Chance für die Nutzung regenerativer Energiequellen. Und wir müssen vor allem nicht so viele und auch nicht so große Anlagen bauen (lassen). Damit reduziert sich der Zwang, gigantische Windkraftanlagen immer näher an Siedlungen oder sensible Landschaften zu bauen. Außerdem könnte die Entwicklung zu tendenziell kleineren Anlagen gehen. Diese sind zwar leider nicht so effizient, wie die großen Anlagen, dafür stören sie deutlich weniger.

Vielleicht lassen sich auch kleinere Windkraftanlagen auf den ohnehin vorhandenen Masten der großen Überlandleitungen anbringen. Der zusätzliche Aufbau würde wohl kaum jemanden stören.
Und auch die Flüsse könnten stärker zur unscheinbaren Energieversorgung genutzt werden. Langsamdrehende Turbinen, die in den ohnehin begradigten Flüssen an den Randbereichen im Wasser versenkt werden, könnten kontinuierlich Strom produzieren, ohne dass sie das Landschaftsbild stören oder die Lebewesen im Wasser gefährden würden.
Ja, so würde ich auf die Umfrage antworten. Aber diese Option ist leider nicht vorgesehen.


Literaturverzeichnis:
[1]
Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim Jahrestreffen 2013 des World Economic Forum; Bundesregierung; http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Rede/2013/01/2013-01-24-merkel-davos.html; 24.01.2013
[2]
Sie legt Schwerpunkte fest – Das ist Merkels Agenda für nächsten Jahre; AFP; Merkur Online; http://www.merkur-online.de/aktuelles/politik/angela-merkel-will-schulden-abbauen-wirtschaftswachtsum-zr-3148631.html; 15.10.2013
[3]
Bestand – Jahresbilanz des Fahrzeugbestandes am 1. Januar 2013; KBA; http://www.kba.de/cln_033/nn_125264/DE/Statistik/Fahrzeuge/Bestand/bestand__node.html?__nnn=true
[4]
Umfrage des Monats – Umfrage zum Ausbau der Windkraft in Bayern; Göppel; http://www.goeppel.de/no_cache/aktuell/umfrage.html?PHPSESSID=c59d077982294f546c2ba10a69ded1ca