Wieviel Arbeit braucht der Mensch?

Die letzten nicht-sesshaften Menschen konnten ihren Lebensunterhalt durch Jagen und Sammeln mit einem Zeitaufwand von zwei bis drei Stunden am Tag erarbeiten, so wollen es Kulturwissenschaftler herausgefunden haben. Als die Menschheit sesshaft wurde und begann, die Nahrung selbst anzubauen, stieg zwar die Kontrolle über das Essensangebot, aber es nahm auch die Menge der Arbeit zu. Es genügte nun nicht mehr, das Essen in der Natur einzusammeln, man musste es jetzt ja auch anbauen und kultivieren. Die Felder waren zu bestellen, was natürlich eine harte und sehr ungesunde Arbeit ist. Eine gewisse Erleichterung brachten neu entwickelte Werkzeuge, die damals noch in Handarbeit gefertigt wurden.
Die Arbeitsabläufe wurden mit der Zeit zunehmend optimiert und die Produktionsgeschwindigkeit konnte beständig erhöht werden. Dies erforderte natürlich ein hohes Maß an Disziplin bei den Arbeitern, deren Tagesablauf durch den optimierten Produktionsprozess genau festgelegt war. Kinder, die nach ihrer Geburt naheliegenderweise weder diszipliniert sind, noch die nötige Geduld für immer wiederkehrende, monotone Fließband-Aufgaben habe, müssen natürlich für diese Art der Arbeiten erst noch konditioniert werden. Das Schulsystem leistet hier seit eh und je gute Dienste.[1]
Mit der Erfindung der Dampfmaschine und vor allem der Nutzung elektrischer Energie, sollten sich dann sehr bald weitere grundlegende Änderungen ergeben. Die Arbeitsabläufe konnten immer stärker automatisiert werden was es möglich machte, in noch kürzerer Zeit noch mehr Produkte herzustellen. Und man brauchte immer weniger Menschen für die bisherige Arbeit. Viele Arbeitsplätze gingen verloren. Im Gegenzug entstanden zwar neue Arbeitsplätze für die hochkomplexe Entwicklung immer größerer Roboteranlagen, diese können aber den Verlust an Arbeitsplätzen durch die Automatisierung nicht kompensieren. Hinzu kommt, dass für die Entwicklung der Maschinen ein umfassendes Fachwissen nötig ist, das sich nicht jeder ohne weiteres aneignen kann. Diese Arbeiten können also nur von relativ wenigen Menschen durchgeführt werden. An diese neuen Bedingungen musste auch das sogenannte „Bildungssystem“ angepasst werden. Es genügt nun nicht mehr, dass die Schulen den Menschen neben einigen grundlegenden Fertigkeiten wie Rechnen und Schreiben vor allem Disziplin und Gehorsam beibringen. Es müssen jetzt (möglichst schnell) Fachkräfte herangezogen werden, die einen kleinen aber schwierigen Themenbereich gut verstehen und damit effizient arbeiten können. Der Bologna-Prozess[2][3] an den Hochschulen zeigt diese Entwicklung recht deutlich. Die Studenten lernen nicht mehr zu lernen und sich neues umfassendes Wissen anzueignen. Bei einem sehr straffen Zeitplan wird den Studenten nur noch spezielles Fachwissen für zukünftige Arbeiten in Form von Modulen eingetrichtert. Ein Modul ist eine Art Bauelement. Und wie es bei Bauelementen üblich ist, können auch diese Module so kombiniert werden, dass am Schluss aus den Studenten Arbeitskräfte entstehen, die für die speziellen Bedürfnisse der Konzerne maximal nützlich sind. Diese gezüchteten Fachidioten, die von immer weniger immer mehr wissen, bis sie am Ende von nichts alles wissen, entwickeln dann die nächste Robotergeneration, welche die Arbeit von weiteren Menschen übernimmt.
Ganz schlecht ist die Entwicklung natürlich nicht. Die anstrengenden aber nötigen Arbeiten werden von Robotern erledigt, so dass die Menschen sich in ihrer neu gewonnenen Freizeit mit angenehmen Dingen, wie Bildung (richtige Bildung, keine Ausbildung), Kunst und Kultur beschäftigen können. Unglücklicherweise ist das Einkommen auch im heutigen System noch direkt an die Arbeit gekoppelt. Die aber wird ja zu großen Teilen nicht mehr von Menschen erledigt, weshalb die Menschen auch kein Geld mehr bekommen, welches sie für Bildung, Kunst und Kultur ausgeben könnten. Ein Dilemma, aus dem die Menschheit nur entrinnen kann, wenn sie dieses Finanzsystem grundlegend überdenkt und an die aktuelle Entwicklung anpasst.


Literaturverzeichnis:
[1]
Regelmäßige Arbeitszeiten – Wie die Menschen fleißig wurden; Frankfurter Allgemeine Zeitung; Joachim Voth; http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/regelmaessige-arbeitszeiten-wie-die-menschen-fleissig-wurden-11519136.html; 05.11.2011
[2]
Bologna-Prozess; Wikipedia; http://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess; 20.06.2012
[3]
Der Bologna-Prozess; Universität Trier; http://www.uni-trier.de/index.php?id=43457; 01.07.2012