Werbung: Vom Fenster ins Gehirn

Werbung für die Tonne
Der Tag war anstrengend. Sie haben hart für ein mehr oder weniger kärgliches Einkommen gearbeitet, um die Miete und ein wenig Essen bezahlen zu können. Doch wohin sie auch blicken oder hören, werden sie aufgefordert, das Geld für alle möglichen Dinge auszugeben, die sie eigentlich nicht brauchen und sich vielleicht auch garnicht leisten können. Überall stehen Werbetafeln und -säulen. Im Radio läuft ständig Werbung. Im Fernsehen läuft Werbung. Der Wetterbericht auf dem Smartphone wird von Werbung dominiert. Der Briefkasten quillt jeden Tag vor lauter Werbung über und auch der Papiercontainer ist schon voller Werbung. Sie möchten Informationen im Internet Recherchieren, müssen sich aber erst durch die Werbung klicken. Sie schlagen eine Zeitung oder eine Zeitschrift auf und sehen … Werbung.
Nach dem Arbeitstag möchten Sie nach Hause. Sie laufen vorbei an der allgegenwärtigen Reklame zum Hauptbahnhof. Während sie eine Fahrkarte am Automaten kaufen, versuchen Sie die Werbung im Gebäude zu ignorieren. Sie sind spät dran und hasten über den Bahnsteig – vorbei an weiterer Werbung – zum Gleis. Den Zug erreichen Sie gerade noch und können sogar einen freien Fensterplatz ergattern. Nachdem der Zug angefahren ist, schließen Sie die Augen, versuchen den Stress und die bunte Reizüberflutung durch die schillernde Werbewelt zu vergessen. Doch dann passiert es. Sie werden müde und lehnen den Kopf gegen die Fensterscheibe. Und da ist sie wieder: die verflixte Werbung. In Ihrem Kopf hören Sie Stimmen, die sie auffordern, sich das neuste Bezahlfernsehen aufs Handy zu holen. Niemand sonst kann die Stimmen hören. Sie sprechen nur zu Ihnen. Aber wie kann das sein? Leiden Sie etwa unter beginnender Schizophrenie?
Die gute Nachricht: Vermutlich leiden Sie nicht unter fatalen Einbildungen.
Die schlechte Nachricht: Sie haben gerade ein neues „innovatives“ Werbekonzept der Marketingindustrie kennengelernt. Wenn entsprechende Berichte stimmen, dann sollen Scheiben in öffentlichen Verkehrsmitteln zukünftig derart in Schwingung versetzt werden, dass Fahrgäste, die ihren Kopf an die Scheibe lehnen, durch Vibrationen des Glases Stimmen hören.[1]



Literaturverzeichnis:
[1]
Düsseldorfer Agentur entwickelt sprechendes Zugfenster; SpotOn; Focus Online; http://www.focus.de/kultur/vermischtes/sky-duesseldorfer-agentur-entwickelt-sprechendes-zugfenster_aid_1035622.html; 05.07.2013