Wer nichts zu verbergen hat …

Immer wieder hört man die Aussage: „Wer nichts zu verbergen hat, der hat auch nichts zu befürchten“. Damit wird suggeriert, dass es einem ehrlichen und anständigen Menschen nicht stören muss, wenn er überwacht und ausspioniert wird, da es ohnehin nichts gibt, was ihm zum Verhängnis werden könnte.
Aber die Annahme, dass nur Kriminelle etwas zu verbergen haben, ist natürlich ein Trugschluss. Dabei wird einfach übersehen, dass wohl jeder etwas zu verbergen hat. So ist es häufig aufgrund abgeschlossener Verträge nicht erlaubt, gewisse Dinge preiszugeben (Passwörter, PIN-Nummern, Firmengeheimnisse, Krankenakten, …). Außerdem wird der ein oder andere auch persönliche Erlebnisse von anderen Menschen (Schicksalsschläge, Krankheiten, …) anvertraut bekommen, die sich auf dessen Stillschweigen verlassen.
Viele Dinge, die jeder legal zu verbergen hat, könnten durch eine umfassende Überwachung in falsche Hände geraten und negative Konsequenzen für die Betroffenen haben. Aber es kommt noch schlimmer. Aufgrund der mutigen Enthüllungen durch Edward Snowden kommen nach und nach die gigantischen Spionageprogramme der Geheimdienste ans Licht der Öffentlichkeit. Dabei werden gigantische Datenmengen (Big Data) analysiert und bewertet (Data Mining). Die Schlussfolgerungen, welche die Programme aus ihren Informationen ziehen, sind jedoch mitunter völlig falsch. Michele Catalano veröffentlichte in dem Artikel „pressure cookers, backpacks and quinoa, oh my!“ die schlimme Erfahrung einer Familie, die Opfer einer falschen Schlussfolgerung eines Computerprogramms wurde. Die Frau recherchierte im Internet über Schnellkochtöpfe, während ihr Mann unabhängig davon einen Rucksack suchte.
Beide kämen wohl nicht auf die Idee, mit diesen harmlosen Suchbegriffen in den Fängen der Joint Terrorism Task Force zu landen. Das Interesse an Kücheneinrichtung ODER Wanderausrüstung ist nicht unbedingt ein Anzeichen für terroristische Absichten. Allerdings ist nach dem Anschlag in Boston mit selbstgebastelten Bomben aus Schnellkochtöpfen, die in Rucksäcken versteckt waren, die Suche nach Kücheneinrichtung UND Wanderausrüstung durchaus verdächtig. Die Analysesoftware erkennt hier schnell einen Zusammenhang und schlägt auch schon einmal fälschlicherweise Alarm. Was ein solcher Fehlalarm für die Betroffenen bedeutet, kann sich jeder selbst ausmalen. Vermutlich wäre niemand glücklich darüber, wenn eines Morgens bewaffnete fremde Menschen an der Tür klingeln, um die Wohnung zu durchsuchen. Auf diese Erfahrung wird auch der unbescholtene Bürger verzichten können, bei dem die Agenten sicher nichts finden, weil er nichts angestellt hat.
Fazit: Vermutlich jeder hat (legal) etwas zu verbergen. Und bei den Überwachungsmaßnahmen geraten auch unbescholtene Bürger schnell in den verdacht, kriminell zu sein. Alle sind Verdächtig. Die Unschuldsvermutung gilt nicht mehr. Das ist gefährlich, denn auch der, der kein Verbrechen begangen hat oder zu begehen plant, könnte mit einer fiktiven Straftat in Verbindung gebracht werden, weil ein Computerprogramm die falschen Schlussfolgerungen aus den Unmengen überwachter Daten zieht.