Weltspartag = Weltschuldentag

Wer ein hohes Einkommen hat und viel Geld besitzt, muss nicht sein gesamtes Einkommen verwenden, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Er kann somit einen Teil des Geldes sparen. Da Geld lange haltbar ist, kann man das Geld zum Sparen in einen Safe legen und es dort horten. Das führt jedoch zu einem Problem. Dieses Problem tritt immer auf, wenn jemand spart, also Geld hortet.
Jedes Jahr im Oktober zelebrieren die Sparkassen und einige andere Banken seit dem 1. Internationalen Sparkassenkongress in Mailand im Jahr 1924 den Weltspartag. Wenn Kinder an dem Tag ihr Sparschein zur Bank bringen, erhalten sie traditionell kleine Geschenke und können das gesparte Geld manchmal auch an einem eigens für Kinder eingerichteten Schalter einzahlen. An diese Weltspartage kann ich mich noch erinnern. Das war irgendwie ein besonderes Erlebnis und natürlich waren die Geschenke, wie etwa eine neue Spardose, verlockend. Aber im Nachhinein musste ich feststellen, dass man bei diesen Spartagen für Dumm verkauft wird.
Uns Kindern wurde erklärt, dass sparen gut und wichtig sein, verschwieg uns aber, dass Geld, welches jemand in seinem Sparschein aufbewahrt, anderen Menschen nicht zur Verfügung steht, um damit einzukaufen. Hier sind wir bei einem ganz wichtigen Punkt angelangt: Geld erfüllt verschiedene Funktionen. Es dient beispielsweise als Tauschmittel. Wir tauschen im Laden das Geld gegen die Waren. Geld kann aber auch als Zahlmittel dienen, um Schulden zurückzuzahlen. Und natürlich dient Geld als Vergleichsmittel. Dadurch dass die Waren mit Preisen ausgezeichnet sind, können wir vergleichen, welche Produkte in einem Laden weniger Kosten, als sie in einem anderen Laden kosten. Und nun fehlt noch eine weitere Funktion des Geldes. Es kann auch als Schatzmittel dienen um seine Vermögen aufzubewahren. Das Problem ist nun, dass sich die verschiedenen Funktionen, die das Geld erfüllt, gegenseitig ausschließen. Geld, das als Schatzmittel im Tresor liegt, steht nicht als Tauschmittel zur Verfügung. Der Gesellschaft entsteht ein Schaden, wenn Geld gehortet wird, weil ihr damit ein Teil des Geldes entzogen wird. Geld sollte möglichst immer im Umlauf sein, denn nur so kann es etwas bewirken.
Natürlich sind wir gezwungen zu sparen. Jemand, der von der Hand in den Mund lebt und jedes Geldstück, das er einnimmt sofort wieder ausgibt, wird bald ein Problem bekommen, wenn eine unerwartet hohe Rechnung zu begleichen ist. Hierfür sind Reserven unbedingt notwendig. Aber man sollte sich eben bewusst machen, das Sparen durchaus auch Nachteile hat und die verschiedenen Funktionen des heutigen Geldsystems automatisch zu Konflikten führen müssen. Davon erzählte man uns Kindern nichts bei der Bank. Nun gut, man könnte annehmen, dass die Mitarbeiter bei den Banken davon ausgehen, dass kleine Kinder diese Dinge ohnehin nicht verstehen und man es den Kindern besser erst erklärt, wenn sie älter sind. Dies geschah jedoch auch nicht. Weder in der Grundschule, noch auf der weiterführenden Schule wurden die Grundlagen des Geldsystems erläutert. Und auch die Eltern wurde und werden nicht mit solchen nicht ganz unwichtigen Details des Geldsystems behelligt.
Das bisschen Geld in den Sparscheinen der Kinder macht von der gesamten Geldmenge natürlich nur einen winzig kleinen Teil aus und der Gesellschaft entsteht somit auch kein großer Schaden, wenn Kinder einen Teil des Taschengeldes sparen, um sich später ein Fahrrad oder den Führerschein für ein Auto leisten zu können. Wie sieht es aber mit den richtig großen Vermögen der reichsten Menschen der Welt aus? Einige Menschen sind so reich, dass es kaum möglich ist, das Geld wieder auszugeben. Diese reichen Menschen haben also jeden Tag Weltspartag, schließlich müssen sie immense Geldbeträge horten.
Wer wenig Geld hat, muss fast das gesamte Einkommen aufwenden, um die täglichen Kosten zu begleichen. Wer aber wirklich reich ist und ein hohes Einkommen hat, benötigt selbst dann wenn er in großem Luxus lebt, nur einen Teil seines Einkommens, um sich Essen Trinken und hin und wieder eine Yacht oder ein Flugzeug zu kaufen. Den anderen Teil wird er sparen. Beispielsweise, indem er das Geld in einen Tresor liegt. Da ist es gut aufgehoben, es geht ja nicht kaputt und hat auch kein Ablaufdatum.
Bedenkt man, dass die Vermögen extrem ungleich verteilt sind, wird das Problem offensichtlich. Im Jahr 2000 besaß das reichste Prozent der Weltbevölkerung 40 % des Weltvermögens. Die reichsten 10 % besaßen zusammen 85 % des Weltvermögens, die ärmeren 50 % zusammen nur 1 %. Dieses Ungleichgewicht verschärft sich zudem zunehmend. Nach Berechnungen von Oxfam ist die Vermögenskonzentration sogar noch deutlich stärker. Nach Oxfams Berechnungen aus dem Jahr 2014 verfügen die reichsten 85 Menschen über denselben Reichtum wie die ärmere Hälfte der Erdbevölkerung zusammen. Nach dem Bericht verfügen diese 85 reichsten Menschen über ein Vermögen von 1 Billion Britische Pfund, was dem Vermögen der 3,5 Milliarden ärmsten Menschen entspricht.[1]
Wenn ganz wenige reiche Menschen fast das gesamte Vermögen besitzen und sie dieses Geld auch nicht mehr ausgeben können, dann steht den restlichen Menschen nur wenig Geld zur Verfügung, um die Rechnungen beim Handwerker zu bezahlen oder den Einkauf zu tätigen. Bereits vor fast 15 Jahren musste sich die Hälfte der Weltbevölkerung ein Prozent des gesamten Vermögens teilen und damit auskommen. Das restliche Geld, wird gehortet.
Allerdings reicht das verfügbare Geld kaum, um den üblichen Handel mit Waren und Dienstleistungen zu bezahlen. Die ärmeren Menschen sind also darauf angewiesen, zusätzliches Geld zu bekommen. Welch ein Glück für die Reichen! Die müssen nämlich jetzt keine großen Tresore mehr kaufen, um das Geld unterzubringen, sondern verleihen es an die „Bedürftigen“. Dann ist das Geld zwar erstmal weg, aber da die Finanzelite kein Wohltätigkeitsverein ist, wird sie das Geld nicht ohne Hintergedanken verleihen. Wer mehr Geld hat, als er braucht, überlegt üblicherweise recht bald, was er machen könnte das sich sein Geldberg weiter vergrößert. Eine Möglichkeit ist es eben, das Geld zu verleihen und dafür … Zinsen zu fordern. Zinsen haben verschiedene Funktionen. Sie sind beispielsweise eine Art Entschädigung für das Risiko, das man eingeht, wenn man sein Geld zeitweise einem anderen Gibt und damit rechnen muss, das Geld nicht mehr zurückzubekommen. Zinsen sind quasi das Zuckerbrot, welches es den Vermögenden schmackhaft macht, das Geld zeitweise aus der Hand zu geben, so dass andere Menschen davon etwas kaufen können. Die Reichen erhalten also eine Entschädigung dafür, dass sie das Geld der Allgemeinheit zur Verfügung stellen, welches sie den anderen Menschen durch das Horten vorenthalten. Aber natürlich gibt es kein Zuckerbrot ohne die berühmte Peitsche. Irgendwann muss jeder Schuldner das geliehenen Geld samt Zinsen zurückbezahlen. Als kleiner Anreiz, diese Verpflichtung ernst zu nehmen dienen die Drohungen, was einem alles blüht, wenn man nicht pünktlich sein Schutzgeld … die Zinsen, zahlt. Haus weg. Hof weg. Leben in Armut und Demut unter der Brücke. Wer Schulden hat ist ein Sklave und kann jeden Tag die Peitsche knallen hören, wenn er darauf achtet.
Aber so richtig gut wird dieses System auf diese Weise nicht funktionieren. Warum? Ganz einfach. Wenn nur eine bestimmte Geldmenge vorhanden ist, die zum größten Teil bereits im Besitz ganz weniger Menschen ist, dann können die übrigen vielen Menschen das vermögen der Reichen nur dann vermehren, wenn sie für die Bezahlung der Zinsen von dem Geld etwas abzweigen, das sie noch besitzen. Wenn 50 % der Menschen ein Prozent des Vermögens besitzen, dann benötigt man nicht viel Fantasie, um zu erkennen, dass es bei diesen Menschen nicht mehr viel zu holen gibt.
Aber auch hier kennt das Finanzsystem eine Lösung, welche weder den Kindern beim Weltspartag erläutert wird, noch dem erwachsenen Bankkunden beim Gespräch mit dem Finanzproduktverkäufern der Banken. Die Lösung sieht so aus: Banken verleihen nicht das Geld, das sie in Form von Einlagen ihrer vermögenden Kunden besitzen. Wenn jemand einen Kredit von der Bank erhält, schöpft die Bank das Geld für den Kredit aus dem Nichts auf Basis einer lächerlich geringen Mindestreserve. Dabei entsteht neues Geld. Die Mindestreserve dient als eine Art Sicherheit, um dem aberwitzigen Geschäft einen Hauch von Vertrauenswürdigkeit zu verleihen und beträgt hierzulande derzeit 1 Prozent. (Siehe auch: Geldschöpfung und Mindestreserve im Glossar der Bundesbank.)
Wenn eine Bank also eine Einlage von einem Euro hat, kann sie Kredite in Höhe von 100 Euro vergeben. Die Einlagen erhalten die Banken, wenn sie beispielsweise am Weltspartag die Sparscheine der Kinder schlachten und sich deren Ersparnisse einverleiben. Oder wenn ein Milliardär ein Konto eröffnet und seine Ersparnisse darauf einzahlt. Wenn ein Kind oder ein Milliardär (was sich nicht ausschließen muss) sein erspartes zur Bank trägt, dann gibt zunächst das Kind der Bank einen Kredit. Ja richtig. Wenn man Geld bei der Bank einzahlt, gibt man ihr einen Kredit. Die Bank nimmt das Geld und schreibt auf, dass das Kind einen Anspruch auf das Geld hat und es später zurückfordern kann. Für das Kind ist das Geld weg und es erhält auf dem Sparkonto als Entschädigung vielleicht sogar einen Zins von vielleicht ein oder zwei Prozent auf den Euro, der im Sparschein lag und nun der Bank gehört. (Und wenn die Bank zwischenzeitlich in die Pleite schlittert, ist das Geld des Kindes weg.)
Wenn ein Kind einen Euro gespart hat und am Weltspartag zur Bank trägt, dann erhöht sich damit die Mindestreserve der Bank um einen Euro. Die Bank zahlt dem Kind für den einen Euro ein oder zwei Prozent Zinsen und schenkt ihm eine neue Spardose und Bank kann ihrerseits Kredite in Höhe von 100 Euro vergeben und dafür zehn oder zwanzig Prozent Zinsen einstreichen. Ein gutes Geschäft für die Bank. Da wundert es dann auch nicht, dass die Banken den Weltspartag nutzen, um die Kinder zu animieren das Geld aus dem Sparschein an die Bank abzutreten. Davon, dass das Kind dabei der Bank einen Kredit gibt und dafür nur mit einem Billigspielzeug und vielleicht kaum nennenswerten Zinsen abgespeist wird, während die Banken das Geld aus dem Nichts vervielfältigen und den großen Reibach machen, erzählt man weder den Kindern noch den Eltern etwas. Und wenn die Kinder irgendwann gelernt haben, ihr Erspartes zur Bank zu tragen, dann liefern sie das Geld später auch ganz ohne Belohnung ab. Zinsen gibt es auf viele Konten schon lange nicht mehr und Spielsachen gibt es ab einem gewissen Alter natürlich auch nicht mehr.
Wenn also Kinder ihr Sparschein zur Bank tragen oder reiche Menschen ihr Vermögen auf einem Konto einzahlen, dann kann die Bank dieses Geld als Mindestreserve für Kreditvergaben verbuchen und ein vielfaches davon in Form von Krediten in Umlauf bringen. Dadurch weitet sich die Geldmenge aus und die Zinsen, welche die reichen Menschen erhalten, können von dem neuen Geld bezahlt werden, so dass die restlichen Menschen nichts von dem bisschen, das sie noch haben abgeben müssen. Der Nachteil ist offensichtlich: die Schulden steigen immer weiter. Der Weltspartag ist also gleichzeitig ein Weltschuldentag.
Da davon auszugehen ist, dass die reichen Menschen ihr Geld zu höheren Zinsen anlegen, als ein Kindergartenkind, das sein Sparschein zur Bank trägt, und auch die Banken immer höhere Zinsgewinne erzielen wollen, ist leicht ersichtlich, dass ständig neue große Geldmengen hinzukommen müssen, um alte Zinsforderungen zu begleichen. Tatsächlich findet aufgrund des Zinseszinses sogar eine exponentielles Beschleunigung statt. Es müssen immer schneller immer mehr Kredite aufgenommen werden, um die Zinsen für alte Schulden zu bezahlen. So steigt der Reichtum auf der einen Seite immer schneller an, während die Verschuldung auf der anderen Seite ebenfalls immer schneller zunimmt.
Es muss ständig neues Geld geschaffen werden, das aber nicht bei den Menschen ankommt, die wenig haben und es benötigen würden, sondern bei den Menschen, die sowieso schon so viel Geld haben, dass sie das Geld nicht mehr ausgeben können und deshalb verleihen. In diesem Geldsystem werden keine Probleme gelöst, sondern immer nur in die Zukunft verschoben und dabei vergrößert. Wenn man einen Kredit aufnimmt, um die Zinsen alter Schulden zu begleichen, hat man zunächst etwas Zeit gewonnen, aber irgendwann sind dann noch höhere Zinsen zu bezahlen, da ja die Schulden angestiegen sind.
Dieses System funktioniert also nur, wenn es immer wieder gelingt, Menschen zu finden, die sich verschulden, damit genügend Geld geschaffen werden kann, um die Zinsen der alten Schulden zu bezahlen. Es handelt sich also um ein klassischen Schneeballsystem, das wenigen Menschen ein bedingungsloses Spitzeneinkommen ohne die Erbringung einer Leistung zusichert, während der Rest der Menschheit schuftet, sich verschuldet und nichteinmal mit einem Grundeinkommen rechnen kann, das zum Leben reicht. Dabei werden viele Rohstoffe verbraucht und die Umwelt zerstört. Die einen Menschen haben also jetzt schon mehr Geld, als sie benötigen und bekommen immer mehr Geld, ohne dafür arbeiten zu müssen, während die anderen Menschen zwar arbeiten, aber sich vom Lohn, der ihnen nach den Abzügen bleibt, gerade das nötigste für den Alltag leisten können – wenn überhaupt. Das ist die Realität hinter den markigen Werbesprüchen der Banken, die einem weismachen wollen, dass sich Vermögen einfach so vermehrt. Vermögen vermehrt sich nicht einfach so und Geld arbeitet nicht. Es sind Menschen, die dafür arbeiten. Und wenn sich das Vermögen einer Person vermehrt, ohne dass sie dafür arbeiten muss, dann muss eine andere Person den Vermögenszuwachs erarbeiten.

Dadurch das Geld gehortet und damit dem Kreislauf entzogen werden kann, ergibt sich die Möglichkeit, einen Zins als Belohnung zu verlangen, wenn man das Geld wieder in Umlauf bringt. Damit immer genügend Geld vorhanden ist, um die durch Zins und Zinseszins exponentiell wachsenden Zinsforderungen zu begleichen, müssen die Banken neues Geld erschaffen. Dies geschieht in Form der Geldschöpfung bei der Kreditvergabe. Damit wenige Menschen immer reicher werden können, müssen sich die restlichen Menschen verschulden. Da wundert es kaum, dass die Banken kein Interesse daran haben, die Menschen über die wahren Zusammenhänge aufzuklären. Stattdessen locken sie schon die Kinder mit bunten Geschenken und bringen sie dazu, sich frühzeitig in das System einzugliedern. Man erzählt ihnen vom Wert des Sparens, legt aber gleichzeitig mit dem Geld aus den Sparschweinen der Kindern den Grundstein in Form der Mindestreserve für die Verschuldung der Menschheit durch die Vergabe von Krediten zum eigenen Wohl und dem Wohl einer kleinen reichen Finanzelite.


Literaturverzeichnis: