Was steckt hinter der „Bauernhofkampagne“?

Der bayerische Landwirtschaftsminister Helmut Brunner startet eine Bauernhofkampagne. Sein Ziel ist es, so schreiben die Medien, jedem Grundschulkind in Bayern die Zusammenhänge zwischen Lebensmittelproduktion und der Natur aufzuzeigen. Dazu soll jeder Schüler zukünftig mindestens einen Tag auf einem Bauernhof verbringen.[1]
Hier stellt sich mir die Frage: Worum geht es wirklich? Denn die Verbindung zur Natur hält sich in der modernen industriellen „Lebensmittelproduktion“ in engen Grenzen.

Es mag zwar tatsächlich einige Vorzeigebauernhöfe geben, auf denen wenige Tiere gehalten werden, aber diese Höfe taugen in erster Linie dazu, das Image der Branche aufzubessern. Tendenziell haben diese Familienbetriebe auf Dauer keine Chance gegen die großen und stark subventionierten Massentierhaltungsbetriebe zu bestehen. Die über 50 Milliarden Tiere, die jedes Jahr weltweit geschlachtet werden, müssen irgendwo herkommen. Um sich diese Größenordnung vorzustellen, bedenken Sie, dass wir bei der Menschheit schon jetzt von einer Überbevölkerung sprechen, dabei gibt es von dieser Spezies gerade einmal knapp über 7 Milliarden Individuen.
Man kann also davon ausgehen, dass es nicht der Normalfall ist, die Tiere auf kleinen Familienbauernhöfen zu halten, sondern dass die industrielle Produktion mit ihrer Massentierhaltung den heutigen Zustand besser repräsentiert.

Um die vielen Lebewesen bis zum Schlachtalter zu ernähren, müssen große Mengen an Futtermittel angebaut werden. Das soll natürlich möglichst billig sein, weshalb Monokulturen heutzutage das Landschaftsbild prägen. Diese sind anfällig für „Schädlinge“, wogegen man mit reichlich Chemie vorgeht. Die Herbizide, Pestizide Fungizid und auch Düngemittel gelangen früher oder später in die Gewässer. Auch sollte der Energieaufwand für die Logistik (säen, ernten, transportieren, …) nicht vergessen werden. Auch der Wasserverbrauch ist enorm.
Weiterhin werden die vielen Tiere zumeist auf engstem Raum in ihren Exkrementen gehalten. Ohne Medikamente würden sie nicht einmal die kurze Zeit bis zu ihrer Schlachtung überstehen. Eine Folge davon ist die Bildung von Krankheitserregern, die gegen Medikamente überaus resistent sind, was auch für Menschen lebensgefährliche Folgen hat. Durch Hormone und Qualzucht werden die Nutztiere weiter … optimiert. Das Leid, das sie dadurch Erfahren bleibt weitgehend hinter den hohen Mauern verborgen.
Die mit antibiotikaresistenten Krankheitserreger (welche sich auch durch die meist artwidrige Ernährung bilden) und Chemie angereicherten Ausscheidungen müssen natürlich auch irgendwo entsorgt werden. Eine ordnungsgemäße Behandlung, wie es für solche Schadstoffe angebracht wäre, ist aber teuer und nicht vereinbar mit billigem Hackfleisch beim Discounter. Die Gülle muss also anderweitig beseitigt werden. So werden jedes Jahr unvorstellbare Mengen von dieser stinkenden Brühe auf den Feldern verteilt und gelangt irgendwann ins Grundwasser oder über Bäche und Flüsse in die Meere.

Zerstörung der Umwelt, Ausbeutung der Ressourcen, Leid und Qual der Tiere. Das sind die wesentlichen Begriffe, mit denen man die industrielle Massenproduktion an tierischen „Lebensmitteln“ (Füllstoffe wäre der bessere Ausdruck) am treffendsten beschreiben kann.

All dies kann man sich nur schlecht vorstellen. Auf den Packungen im Supermarktregal findet man keine Abbildungen, wie sie in einem Stall aufgenommen werden könnten. Dort werden absurderweise glückliche Tiere in schönster Natur gezeigt, die mitunter ihre Artgenossen als Leckerei anpreisen. Aber was soll man von der Werbung erwarten? Über die grenzwertigen Machenschaften der Werbeindustrie habe ich kürzlich den Artikel „Wie wehrt man sich gegen irreführende Werbung?“ geschrieben.
Das Hinterfragen dieser offensichtlichen Diskrepanzen ist jedoch nicht gewünscht und im Allgemeinen sind auch die Produzenten nicht sehr glücklich, wenn man sich in ihren Anlagen umschauen möchte. Es gibt dennoch immer wieder engagierte Menschen, die weder Risiken noch Mühen schauen, um zu überprüfen, ob es stimmt, was man uns erzählt. Hier einige Antworten:

Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=1hUdhZoHD10

Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=Gd7IXSNPKxg

Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=kgksZ8D9raA

Gewiss werden einige Tiere unter besseren Bedingungen gehalten, als es in den hier verlinkten Videos gezeigt wird. „Artgerecht“ kann aber auch das nicht sein. Und einigen Tieren geht es noch sehr viel schlechter, auch wenn man sich das nur schwer vorstellen kann. Viele der Videos über die Zustände in den heutigen Ställen und Schlachthäusern, die bei Youtube eingestellt wurden, sind (zumindest in Deutschland) nur nach vorheriger Anmeldung zu sehen, weil sie zu brutal sind. Das alleine spricht schon für sich.

Glauben Sie nun im Ernst, dass ein Landwirtschaftsminister Grundschüler mit solchen Zuständen konfrontieren möchte? Die Kinder würden sicher einen Schaden davontragen, von dem sie sich nie wieder gänzlich erholen können. Soetwas wird kein Politiker riskieren.
Viel eher kann man davon ausgehen, dass der Minister die Kinder auf Vorzeigebauernhöfe lotsen möchte, um ihnen den Konsum tierischer Produkte erst richtig schmackhaft zu machen. Das Fleisch, das die Kinder dann essen, wird aber gewiss nicht von diesen Vorzeigebetrieben kommen, sondern aus Produktionsanlagen, die den Kindern nicht gezeigt werden und in die man nur hereinkommt, wenn man sich in der Dunkelheit heimlich durch eine Tür schleicht.
Und tatsächlich, die Bauernhöfe, die an dem Projekt teilnehmen, müssen über eine erlebnispädagogische Qualifikation verfügen oder sich zu einer entsprechenden Fortbildung verpflichten.[1] Es werden also penibel die Höfe herausgesucht, bei denen zu erwarten ist, dass sie ein geschöntes Bild vermitteln.


Literaturverzeichnis: