Was die Senkung des Leitzinssatzes durch die EZB bedeutet

FOCUS Money berichtet heute, dass die Europäische Zentralbank den Leitzins senken möchte. Dieser liegt derzeit bei 0,25 Prozent und dürfte mit dem nächsten Zinssenkungsschritt auf 0 Prozent gesenkt werden.[1]

Neue Ära der Geldpolitik Das müssen Sparer über die Enteignung durch die EZB wissen

Die EZB steht davor, eine neue Ära der Geldpolitik einzuläuten. Der Leitzins soll auf praktisch null sinken – und noch weitere Schritte könnten folgen. FOCUS Online beantwortet die wichtigsten Fragen.

Quelle: FOCUS Money

Bevor wir uns den Text näher anschauen, muss zunächst geklärt werden, um was es sich beim Leitzins handelt. Die Europäische Zentralbank (EZB) bestimmt drei verschiedene Leitzinsen:[2]

  • Hauptrefinanzierungssatz
    Zu diesem Zinssatz wird den Geschäftsbanken in einem wöchentlichen Tenderverfahren Zentralbankgeld zur Verfügung gestellt.
  • Spitzenrefinanzierungssatz
    Zu diesen Zinssatz können Banken – sofern sie entsprechende Sicherheiten hinterlegt haben – unbegrenzt und „über Nacht“ Liquidität aus dem Eurosystem bekommen.
  • Einlagesatz
    Zu diesen Zinssatz können Banken überschüssiges Zentralbankguthaben bis zum nächsten Geschäftstag im Eurosystem anlegen.

HINWEIS: Der Hauptrefinanzierungssatz, also der Zinssatz für das Hauptrefinanzierungsgeschäft ist der wichtigste Leitzins der EZB und wird daher häufig auch als „der“ Leitzins bezeichnet. Wenn im Folgenden also nur vom Leitzins gesprochen wird, dann ist damit der Hauptrefinanzierungssatz gemeint.

Bei Wikipedia[3] ist allgemein zum Leitzins nachzulesen:

Geldpolitisches Steuerungsmittel

Die Leitzinsen sind der Preis, zu dem sich Kreditinstitute bei Zentralbanken mit Zentralbankgeld versorgen können. Im Bereich der EZB entfaltet die Veränderung der Leitzinsen Signalwirkung auf die Volkswirtschaften der Mitgliedsstaaten. Eine Erhöhung des Leitzinses verteuert die Liquiditätsbeschaffung der Banken, so dass sie gezwungen sind, diese Verteuerung an ihre Bankkunden zu überwälzen, wollen sie keine Gewinneinbußen hinnehmen. Umgekehrt wird bei einer Leitzinssenkung die Geldaufnahme der Geschäftsbanken erleichtert, wodurch ihnen eine Weitergabe an ihre Bankkunden ermöglicht wird. Damit beeinflusst der Leitzins indirekt auch die Preisentwicklung, weil niedrige Leitzinsen eine Inflationsgefahr in sich bergen und umgekehrt.

Der Leitzins beeinflusst auch die Geldschöpfung der Kreditinstitute, indem eine Leitzinserhöhung die Geldschöpfungsmöglichkeiten der Institute einschränkt und umgekehrt. Die Geldschöpfungsmöglichkeiten der Banken wirken sich auf die Geldmenge aus. Will die Zentralbank die Geldmenge einschränken, so kann sie das über eine Erhöhung der Leitzinsen indirekt bewirken. Eine direkte Maßnahme zur Reduzierung der Geldmenge wäre die Erhöhung der Mindestreserven. Die Steuerung der Geldmenge über den Leitzins ist ein entscheidender Faktor für die Entwicklung des Preisniveaus.

Quelle: Wikipedia

Der Leitzins hat also Auswirkungen darauf, wie viel Geld durch die Geschäftsbanken geschöpft und in Umlauf gebracht werden kann. An dieser Stelle ist es nun wichtig zu verstehen, was unter „Geldschöpfung“ zu verstehen ist.

Wenn eine Geschäftsbank einen Kredit vergibt, dann verleiht sie nicht das Geld, das andere Kunden dieser Bank eingezahlt haben, so wie man es vielleicht erwarten würde. Bei einer Kreditvergabe bleibt das Geld der anderen Kunden unangetastet.
Nehmen wir an, die Bank vergibt einen Kredit an ein Unternehmen in Höhe von 10.000,00 Euro. Dann schreibt sie dem Unternehmen diesen Betrag auf dem Konto gut. Damit erhöht sich die in der Welt vorhandene Buchgeldmenge um 10.000,00 Euro. Im Gegenzug muss die Geschäftsbank aber 1 Prozent des Betrages auf ein Konto, das sie bei der Zentralbank unterhält, als Sicherheit in Form einer Mindestreserve einbezahlen (die verzinst wird, um zu gewährleisten, dass das Mindestreservesystem weder das Bankensystem im Eurogebiet belastet noch den effizienten Ressourceneinsatz behindert)[4]. In diesem Fall müssen von der Geschäftsbank100,00 Euro als Mindestreserve hinterlegt werden. Sollte die Geschäftsbank das Geld nicht haben, kann sie bei der Zentralbank ihrerseits einen Kredit in Höhe von 100,00 Euro aufnehmen. Dafür zahlt sie dann den Leitzins. Dieser Leitzins soll nun auf nahezu null oder sogar auf 0 Prozent gesenkt werden.

Eine ausführliche Beschreibung zum Ablauf bei der Geldschöpfung kann bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nachgelesen werden:

Geldschöpfung – Wie kommt Geld in die Welt?

Eine anschauliche Grafik gibt es ebenfalls zu dem Artikel:

Geldschöpfung – Geld aus dem Nichts

Kleiner Exkurs: Was passiert mit dem Geld, das die Bank dem Unternehmen geliehen hat?
Das Unternehmen wird es zum Beispiel für neue Anlagen investieren oder als Löhne an die Mitarbeiter bezahlen. Das Unternehmen wird aber auch Geld durch den Verkauf von Waren oder Dienstleistungen einnehmen und kann den Kredit dann zurückbezahlen. Dann ist das Geld wieder dem Kreislauf entzogen und die Schuld gelöscht. Zumindest in diesem vereinfachten Modell. Bislang hat die Bank ja noch keinen Gewinn gemacht. Deshalb wird sie vom Unternehmen verlangen, dass nicht nur das geliehene Geld zurückbezahlt wird, sondern auch Zinsen. An dieser stelle kommt dann das zerstörerische exponentielle Wachstum ins Spiel, da das Geld für die Zinsen ja bei der Kreditvergabe nicht geschaffen wurde und nur durch neue Verschuldungen in Umlauf kommt. Diese spezielle und extrem fatale Problematik soll jedoch hier nicht näher betrachtet werden.

Wenn die Europäische Zentralbank den Leitzins auf 0 Prozent senkt, dann können die Geschäftsbanken sich kostenfrei Geld bei der Zentralbank beschaffen. Zum einen können die Geschäftsbanken dann zu noch geringeren eigenen Kosten Kredite vergeben (und diesen Vorteil auch an die Kreditnehmer weitergeben) und zum anderen können sie sich bei der Zentralbank billig Bargeld beschaffen. Das Bargeld benötigen die Banken, um Abhebungen am Schalter oder Automaten zu ermöglichen. Sie dürfen es jedoch im Gegensatz zum Buchgeld nicht selbst schaffen, sondern nur über die Zentralbanken beziehen.

Wie auch die Reduzierung der Mindestreserve, erleichtert eine Senkung des Leitzinses die Ausweitung der Geldmenge durch Kreditvergaben seitens der Geschäftsbanken. Dadurch steigt natürlich die Inflation. Das vorhandene Geld wird weniger wert und die Sparer werden enteignet.
Die Erhöhung der Inflation ist lauf FOCUS Money das Ziel der EZB. Auf die Frage, warum die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins noch weiter senkt, wird im Artikel die Antwort gegeben, dass der EZB-Präsident Mario Draghi seit Monaten vor den Gefahren einer zu geringen Inflation für die Konjunktur im Euroraum warnt. Eine zu geringe Inflation könne zu einer Deflation (also eine Spirale sinkender Preise durch alle Warengruppen) führen, auch wenn Draghi diese Gefahr aktuell noch nicht sieht. Doch er betont, dass die Gefahr einer Deflation zunimmt, je länger die Inflation niedrig bleibt. Eine Zinssenkung könnte das Risiko verkleinern, denn tendenziell verbilligen niedrige Zinsen Kredite und Investitionen und kurbeln so die Wirtschaft an. Das wiederum stärkt normalerweise den Preisauftrieb, also eine Verteuerung der Waren.[1]

EZB-Präsident Mario Draghi warnt seit Monaten vor den Gefahren der Mini-Inflation für die Konjunktur im Euroraum. Eine Deflation – also eine Spirale sinkender Preise durch alle Warengruppen – sieht er zwar nicht. Doch Draghi betont: Die Gefahren nehmen zu, je länger die Inflation niedrig bleibt. Eine Zinssenkung könnte das Risiko verkleinern, denn tendenziell verbilligen niedrige Zinsen Kredite und Investitionen und kurbeln so die Wirtschaft an. Das wiederum stärkt normalerweise den Preisauftrieb.

Quelle: FOCUS Money

Bislang ist im FOCUS-Bericht vom Hauptrefinanzierungssatz, also dem Zinssatz für das Hauptrefinanzierungsgeschäft, die Rede. Mit der Senkung dieses Zinssatzes soll also dafür gesorgt werden, dass die Geschäftsbanken leicht selbst Geld beschaffen können und entsprechend günstig Kredite vergeben können. Sollte es eine entsprechende Anfrage nach billigen Krediten geben, könnte dadurch die Geldmenge ausgeweitet werden, was zur gewünschten Inflation und damit zur Enteignung der Sparer führen würde.

Bei FOCUS Money ist dann weiter die Frage zu lesen, was die angedachten Strafzinsen für Banken bezwecken sollen. Hier geht es nun nicht mehr um den Hauptrefinanzierungssatz, sondern um den Einlagesatz, der bereits seit einiger Zeit bei 0 Prozent liegt. Die Überlegung ist nun, diesen Zinssatz unter 0 Prozent zu drücken. Auch diese Maßnahme soll der Ausweitung der Geldmenge und damit der erhöhung der Infaltionsrate dienen, wie nachfolgendem Zitat zu entnehmen ist:

Normalerweise bekommen Banken, die Geld bei der Zentralbank parken, einen Zins gutgeschrieben. In der Krise senkten die Währungshüter diesen Einlagenzins auf null Prozent. Drücken sie ihn nun unter Null, würde die EZB den Banken de facto einen Strafzins aufbrummen, wenn diese Geld bei ihr horten.

Das Ziel ist eine Schwächung des Euro, um dadurch einen Anstieg der Inflationsrate zu erreichen. Banken sollen überschüssige Liquidität nicht bei der EZB parken, sondern das Geld in Form von Krediten an Verbraucher und Unternehmen weiterreichen. Diese könnten investieren und so der Konjunktur auf die Sprünge helfen. Die Wirkung ist jedoch umstritten. Manche Volkswirte meinen, Banken könnten einfach Bargeld horten – oder die Kosten auf ihre Kunden abwälzen. In diesem Fall wäre die Maßnahme kontraproduktiv: Statt die Kreditvergabe anzukurbeln würden Kredite teurer.

Quelle: FOCUS Money


Noch einmal zur Klarstellung: Im Bericht bei Focus Money wird leider nicht zwischen den verschiedenen Leitzinssätzen (Hauptrefinanzierungssatz, Spitzenrefinanzierungssatz, Einlagesatz) unterschieden. Es wird einfach von einer allgemeinen Senkung des Leitzinses gesprochen. Bislang gelten folgende Leitzinssätze (gültig ab: 13.11.2013):[3]

Hauptrefinanzierungssatz: 0,25 %
Spitzenrefinanzierungssatz: 0,75 %
Einlagesatz: 0,00 %

Wenn der Hauptrefinanzierungssatz auf 0 Prozent gesenkt wird, dann können sich die Geschäftsbanken bei den Zentralbanken praktisch zum Nulltartif Geld leihen. Ebenso, wenn der Spitzenrefinanzierungssatz auf 0 Prozent gesenkt wird. Wenn die Geschäftsbanken aber kein Geld leihen möchten, sondern Geld anlegen wollen, dann erhalten sie dafür den Einlagesatz. Dieser wurde bereits auf 0 Prozent gesenkt, was zur Folge hat, dass die Geschäftsbanken keine Zinsen für ihre Einlagen bei der Zentralbank erhalten. Wird dieser Zinssatz auf einen negativen Wert gesenkt, dann müssen die Geschäftsbanken zukünftig sogar dafür bezahlen, wenn sie Geld bei einer Zentralbank anlegen möchten. Es wird erwartet, dass sie im Falle eines Strafzinses das Geld eher investieren und damit die Wirtschaft ankurbeln, als es das überschüssige Geld bei den Zentralbanken zu parken.


Literaturverzeichnis:
[1]
Neue Ära der Geldpolitik – Das müssen Sparer über die Enteignung durch die EZB wissen; csf/dpa; FOCUS Money; http://www.focus.de/finanzen/banken/neue-aera-der-geldpolitik-leitzins-draghi-mini-zinsen-enteignet-die-ezb-heute-die-sparer-das-muessen-sie-wissen_id_3896980.html; 05.06.2014
[2]
Die Leitzinsen der Europäischen Zentralbank; bankenverband; http://bankenverband.de/service/fakten-zahlen/leitzinsen/die-leitzinsen-der-europaeischen-zentralbank; 29.01.2014