Wachstum ist nicht die Lösung

Ein System, das in einer begrenzten Welt auf unbegrenztes exponentielles Wachstum setzt, muss früher oder später zusammenbrechen. Nun gut, eher früher, da ich von exponentiellem, also beschleunigtem, Wachstum sprach. Die Mainstream-Medien haben das mittlerweile auch erkannt, üben sich aber gleichzeitig in der Fähigkeit des „Doppeldenk“. Unter dem von George Orwell eingeführten Begriff versteht man die Fähigkeit, in seinem Denken zwei widersprüchliche Überzeugungen aufrechtzuerhalten und beide gleichzeitig als wahr zu akzeptieren.[1]

So schrieb der Stern kürzlich:

Dabei ist Wachstum dringend nötig, wenn überhaupt noch ein Weg aus dem Schuldturm führen soll. Realistisch ist das ohnehin nicht: Bei jeweils zwei Prozent Wachstum, Budgetüberschuss und Zinsen bräuchte Griechenland von 2015 an 57 Jahre, um wieder die Maastricht-Kriterien zu erfüllen. Die USA benötigten 22 Jahre und Deutschland immerhin 13. Selbst wenn das Wachstum dauerhaft bei wenig wahrscheinlichen drei und der Haushaltsüberschuss bei vier Prozent läge, würde Griechenland erst in 22 Jahren das Maastricht-Examen bestehen.[2]

Quelle: Der Stern

Die Autoren sehen Wachstum als Möglichkeit an, der Verschuldung zu entkommen, gehen aber gleichzeitig davon aus, dass es gar nicht möglich ist, mit einem realistischen Wachstum die Probleme tatsächlich zu lösen. Trotzdem ist Wachstum ihrer Meinung nach dringend nötig. Warum bitte schön ist es nötig, Wachstum – mit allen Facetten der damit einhergehenden Ausbeutung und Zerstörung – zu erzeugen, wenn dies gar keine Lösung ist? Wenn man kein ausreichendes Wachstum generieren kann, ist es auch nicht nötig damit zu beginnen. Das Unternehmen ist dann von vorne herein zum Scheitern verurteilt. Warum wird hier gleichzeitig angenommen, dass Wachstum nötig ist um die Probleme zu lösen, die Probleme aber – wie gleichzeitig angenommen wird – nicht mehr mit einem realistischen Wachstum gelöst werden können?
Abgesehen davon würde Wachstum die Problematik nur in andere Regionen der Erde und auf einen späteren Zeitraum verschieben – und dabei die Situation sogar noch verschärfen.


UPDATE (14.12.2010): Die Wirtschaft darf nicht einbrechen

Ein Paradebeispiel von Doppeldenk hat sich Zeitung „Die Welt“ gegönnt. In dem Artikel „Europas Wachstumsmodell ist gescheitert“ erklärt der Autor, dass es nicht damit getan ist, den Euro zu retten, denn die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander und die Schuldenberge sind gigantisch. Damit der Staat die Schulden abbezahlen kann, muss die Wirtschaft wachsen.[3]

Folglich darf die Wirtschaft nicht einbrechen. Sie muss wachsen, wachsen und nochmal wachsen, damit der Staat seine Schulden abzahlen kann.[3]

Abbezahlen heißt, dass man von den Schulden weg kommt. Im nächsten Abschnitt steht aber schon, dass es unmöglich sein dürfte, die Schulden zu tilgen.

Gleichwohl dürfte es unmöglich sein, von diesem Schuldenberg wieder herunterzukommen.[3]

Im Weiteren wird erläutert, dass das Wachstum in Deutschland auf der Verschuldung anderer Länder beruht und dass das Wachstum nicht ausreicht. Es muss mehr Wachstum generiert werden. Es wird von Lobbyisten der Banken berichtet, die zugunsten dieser Institute auf Abgeordnete einwirkten – egal ob in den USA oder in Europa. Und nun stehen nicht nur Großbritannien und die USA vor den Ruinen einer einst hochentwickelten Industriekultur. Die historisch hohen Staatsverschuldung droht die Länder zu erdrückend. Niemand hat eine Idee, wie die realen Wachstumskräfte der Länder wieder mobilisiert werden können, wie Die Welt berichtet. Es geht nur darum, das Wachstum zu steigern. Dabei hat der Autor doch bereits erkannt, dass es unmöglich sei, die Schulden abzubauen. Warum soll also – trotz dieser Erkenntnis – so weiter verfahren werden wie bisher? Verschuldung erzwingt Wachstum. Mit Wachstum kann man die Verschuldung nicht bekämpfen.

So wie bisher können weder die Import- noch die Exportländer weitermachen. „Was wir brauchen, ist ein neues Innovationssystem, in dem die Regierung, also Universitäten, die Basisentwicklung betreibt, und Private es vermarkten. Das bringt Wachstum, nicht der Finanzmarkt“, sagt Stiglitz. Und: „Keine der akzeptierten Theorien hat in irgendeiner Volkswirtschaft jemals dauerhaft funktioniert. Keine.“[3]

Eine gute Feststellung, dass in den bisherigen Volkswirtschaften keine der akzeptierten Theorien jemals dauerhaft funktioniert hatte. Hierauf aufbauend sollte man neue Theorien entwickeln können. Und da wären die Universitäten eigentlich ein guter Anlaufpunkt. Allerdings wird dort in erster Linie der geistige Abfall gelehrt, der allgemein akzeptiert ist. Freies und kreatives Denken hat an Universitäten wenig Platz. Hier müsste ein grundlegendes Umdenken stattfinden. Aber darum geht es in dem Artikel garnicht. Im Prinzip soll so weiter gemacht werden wie es die anerkannten Theorien – die nicht funktioniert haben – vorsehen. Wachstum über alles, aber mit dem Unterschied, dass das Wachstum nicht durch die Banken angetrieben werden soll, sondern durch die Universitäten.


Literaturverzeichnis:
[2]
Staatsbankrott - FEUER AM DACH; Bernd Johann, Markus Voss, Thoma; http://www.focus.de/finanzen/banken/staatsbankrott-feuer-am-dach_aid_551497.html; 15.09.2010
[3]
Europas Wachstumsmodell ist gescheitert; Günther Lachmann; http://www.welt.de/debatte/article11618183/Europas-Wachstumsmodell-ist-gescheitert.html; 14.12.2010