Volkswirtschaftsle[h/e]re

Eine Universität ist eine Hochburg der Forschung und der Lehre. Ein Ort, an dem Menschen gemeinsam neue Erkenntnisse gewinnen, altes Wissen nachprüfen und gegebenenfalls revidieren und anpassen. In überschaubaren Laborversuchen oder großen Feldversuchen werden Theorien überprüft und in den hochschuleigenen Bibliotheken wird recherchiert und gegrübelt. Ja, das ist das Bild, das man von einer Universität haben könnte.
Schaut man sich jedoch im Bereich der Wirtschaftslehre um, dann fragt man sich, warum das nicht „Wirtschaftsleere“ heißt. Das unser heutiges Finanz- und Wirtschaftssystem mit seinem erzwungenen exponentiellen Wachstum früher oder später zusammenbrechen muss, was zu Leid und Elend führt, ist offensichtlich. Das ein nachhaltiges und ressourcen- bzw. umweltschonendes Handeln unter Bedingungen eines grenzenlosen Wachstumszwanges nicht möglich ist, ist auch einleuchtend. Es bedarf somit ein Geldsystem, das bei gleichbleibendem Wohlstand kein Wachstum erzwingt. Ein System, in dem nicht immer mehr produziert und verbraucht werden muss, um die Wirtschaft anzukurbeln, sondern ein System, in dem nur das produziert wird, was auch tatsächlich benötigt wird.

Das Geld beschreibt ja nur den Wert einer Sache. Das Problem ist der Zins – das Schmiermittel und Krebsgeschwür der Gesellschaft, wie Marx erkannte. Der Zins ist ein Grund, warum viele arme Länder nicht aus der Schuldenfalle herauskommen und warum unsere Wirtschaft so sehr auf Wachstum ausgerichtet ist. Um dem Zinswucher zu entgehen, entstehen heute immer mehr den Euro ergänzende Währungssysteme.[1]

Edgar Most, 1940 in Tiefenort, Thüringen, geboren, begann mit 14 als Banklehrling und wurde mit 26 jüngster Bankdirektor der DDR und später Vizepräsident der Staatsbank. Most war bis zum Ende der DDR SED-Mitglied, galt aber als unsicherer Kantonist. 1990 gründete er die erste private Bank in Ostdeutschland und schaffte als einziger ostdeutscher Banker den Übergang in die Führungsetage eines großen Finanzinstituts. Er wurde Chef der Deutschen Bank Berlin.

Quelle: TAZ

Lösungsvorschläge gibt es bereits einige. Zunächst muss dafür gesorgt werden, dass das Geld nicht existiert um sich selbst durch Zinsen und Zinseszinsen zu vermehren, sondern dass Geld lediglich dazu da ist, den Warenaustausch zu vereinfachen. Das Geld muss der Wirtschaft dienen, nicht umgekehrt. Die Geldmenge muss der Wirtschaft angepasst sein, nicht umgekehrt. Freigeld kann diese Probleme lösen und Versuche wie der Wörgl haben gezeigt, dass solche Initiativen von Erfolg gekrönt sein können. Menschen, die ein umlaufgesichertes Geldsystem verwendeten, lebten in gleichmäßig verteiltem Wohlstand auf hohem Niveau für alle Beteiligten. Mit kurzen Arbeitszeiten konnte ausreichend Geld verdient werden, um angenehm leben zu können und die Umweltbelastung hielt sich in Grenzen. Diese Freigeldsysteme, die für Wohlstand sorgen und es dem Einzelnen ermöglichen, seine Interessen auszuleben, seine Talente und Fähigkeiten zur Geltung zu bringen und sich zu entfalten ohne die Natur auszubeuten und zu zerstören, sollten das Maß der Dinge werden.
Die Dozenten an den Hochschulen jedoch interessieren sich dafür nicht. Sie predigen stupide das, was in den Lehrbüchern beschrieben wird. Tag für Tag beten sie komplexe mathematische Formeln herunter, mit denen das heutige Wirtschaftssystem in sich schlüssig beschrieben wird – scheinbar ohne zu verstehen, welche Folgen dies nach sich zieht. Selbst jetzt, da offensichtlich wird, dass das System wieder zusammenbrechen wird, wird an den Hochschulen kaum darüber nachgedacht. Anstatt alternative Geldsysteme zu erforschen und in Feldversuchen weiter zu erproben, wird an den alten Paradigmen festgehalten. Von Forschung, wie es sich für eine Hochschule gehört, kann kaum die Rede sein. Dabei gibt es so viele gute Ansätze. Es wäre gewiss machbar, darauf aufbauend ein System zu entwerfen und zu realisieren, dass keinen Zerstörungsmechanismus in sich birgt und Wohlstand und Umweltschutz gleichermaßen sichert. Doch die Damen und Herren klammern sich lieber an den Mast des sinkenden Schiffes, anstatt in ein Rettungsboot zu steigen, ihre alten Glaubenssätze zurückzulassen und davonzurudern um neue Welten zu erkunden.


UPDATE (07.05.2009):
Ein sehr aufschlussreicher und lesenswerter Artikel erschien nun auch bei merkur-online.de unter dem Titel „Wirtschaftskrise: Zinsen lassen Menschen verarmen“.
Jürgen Kremer studierte Physik, erlangte dann einen Doktortitel der Mathematik und programmierte später für eine Bank Computerprogramme zur Bewertung von Wertpapieren. Nun lehrt er als Mathematik-Professor am Rhein-Ahr-Campus in Remagen. Nachdem sich Kremer in volkswirtschaftliche Lehrbücher eingelesen hatte, kam er zu dem Schluss, dass hier keine Wissenschaft betrieben wird. Die Beweisführung vieler Ökonomen greife seiner Ansicht nach immer wieder auf Dogmen zurück und entferne sich von der Realität. Kremer schrieb darauf hin eine Computersimulation, die die Wirtschaftskreisläufe bei einem gegebenen Finanzsystem durchspielt und auch die Entwicklung auf längere Sicht berechnet. Die Simulation bestätigte, dass bei einem Zinssystem ein permanentes Wirtschaftswachstum vorhanden sein muss, damit das System nicht kollabiert. Das liegt daran, dass die automatisch steigenden Zinslasten durch reale Arbeit erwirtschaftet werden müssen. Gelingt dies nicht mehr, weil beispielsweise die Ressourcen erschöpft sind, wird kein Geld mehr verliehen. Schließlich würde das Verleihen von Geld dann keinen Gewinn mehr einbringen und darüber hinaus mit hohen Risiken verbunden sein. Der Geldkreislauf kommt zum erliegen und die Wirtschaft bricht zusammen. Da aber ein grenzenloses Wachstum aufgrund der begrenzten Ressourcen und der begrenzten Leistungsfähigkeit von Menschen und Maschinen ganz offensichtlich keinesfalls möglich ist, muss ein solches Geldsystem über kurz oder lang zusammenbrechen.
Das Computerprogramm bestätigte darüber hinaus eine zentrale These des Wirtschaftstheoretikers Silvio Gesell (*17.03.1862; †11.03.1930) der ebenfalls erkannte, dass Geld, welches gehortet und leistungslos vermehrt werden kann, zu Krisen und sozialen Verwerfungen führen würde. Silvio Gesell stellte die These auf, dass eine Umlaufgebühr hier Abhilfe schaffen würde: Geld wäre selbst bei einem Nullzins-Niveau permanent am zirkulieren und sowohl Einkommen als auch Wohlstand blieben stabil. Die Verarmung würde aufgehalten werden und der Zwang zum exponentiellen Wachstum mit dem wachsenden Rohstoffverbrauch wäre aufgehoben.[2]

Das diese Erkenntnisse allerdings in der Bevölkerung noch nicht sehr verbreitet sind zeigt sich daran, dass Werbebotschaften, die hohe Zinsen auf eine Geldanlage versprechen, bei den meisten Menschen gut ankommt und somit immer wieder im Alltag anzutreffen sind. Auf Plakaten, in Werbetexten auf Webseiten, … werden uns die vordergründigen Vorzüge von hohen Zinsen präsentiert und schmackhaft gemacht. Gewöhnlich merken diejenigen die sich angesprochen fühlen nicht, dass sie diejenigen sind, die durch das Zinssystem tatsächlich erheblichen Schaden erleiden. Nur eine kleine Minderheit profitiert letztendlich von dem System. Die Zielgruppe der Werbebotschaften, welche die Vorteile von Zinsen anpreisen, gehört jedoch gewöhnlich nicht zu der kleinen Gruppe, denen das System tatsächlich Gewinne verschafft. Vermutlich fühlen sich die eigentlichen Verlierer des Zinssystems als Gewinner angesprochen, weil sie die Problematik überhaupt nicht kennen und auch nicht verstehen. Wie verlogen diese Werbung ist, zeigt sich besonders deutlich dann, wenn sie neben einem Artikel auftaucht, der gerade die Gefahren des Zinssystems aufzeigt. So wurde neben dem Artikel „Wirtschaftskrise: Zinsen lassen Menschen verarmen“ Werbung eingeblendet, die einen Rechner anpreist, der den profitabelsten Tagesgeld-Zins ermitteln soll! Welch ein Hohn!

Die Überschrift des Artikels:

Zinsen lassen Menschen verarmen

… und die dazu (un)passende Werbung direkt neben dem Artikel:

Werbung für Zinsrechner

Und hier ein Link zu einem Bild mit dem Gesamtzusammenhang: Zinsen lassen Menschen verarmen – Berechnen Sie den profitabelsten Tagesgeld-Zins!


Literaturverzeichnis:
[2]
Wirtschaftskrise: „Zinsen lassen Menschen verarmen“; Martin Prem; http://www.merkur-online.de/nachrichten/wirtschaft/wirtschaftskrise-zinsen-lassen-menschen-verarmen-277426.html; 05.05.09