Vermögensverteilung in Deutschland

Der Satz „Die Privatvermögen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt“ wurde aufgrund einer Intervention des Wirtschaftsministers Philipp Rösler (FDP) in der Endfassung des aktuellen Armutsberichtes gestrichen.[1] Rösler hält diese Aussage lediglich für Wahlkampfrhetorik und verteidigte die Streichung mit der Begründung: „Jeder wisse, dass es Deutschland so gut gehe, wie schon lange nicht mehr. Das zeigten auch die guten Arbeitsmarkt- und Wachstumszahlen. Dies müsse auch dargestellt werden.[2]
Ich weiß nicht, auf welchem Planeten und in welchem Universum das Deutschland liegt, von dem der ehemalige Gesundheitsminister, welcher derzeit den Wirtschaftsministers spielt, spricht. In diesem Deutschland sieht die Sache bei weitem nicht so gut aus, wie in dem Land in Röslers Paralleluniversum.
Folgende Statistik zeigt die Vermögensverteilung im Jahr 2002 und 2007. Mittlerweile dürfte die Schere noch weiter auseinander gegangen sein.

Vermögensverteilung in Deutschland 2002 und 2007 im Vergleich
Vermögensverteilung in Deutschland 2002 und 2007 im Vergleich[3]
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Der Grafik ist zu entnehmen, dass 10 Prozent der Menschen über 60 Prozent des Vermögens besitzen. Die restlichen 90 Prozent der Menschen müssen sich die verbleibenden knapp 40 Prozent teilen. Etwa die Hälfte der Bevölkerung besitzt zusammen nicht einmal ein Prozent.
Die guten „Arbeitsmarkt- und Wachstumszahlen“ sind bei genauerem Hinsehen in dieser Welt auch nicht so gut. Aus Sicht der heutigen Politik sind die Arbeitslosenzahlen dann gut, wenn es wenig arbeitslose gibt. Die Arbeitslosenzahlen werden aber bekanntlich gerne nach unten hin „angepasst“, so dass in der Statistik weniger Menschen arbeitslos sind, als in der Wirklichkeit. So fallen etwa Teilnehmer von Fortbildungsmaßnahmen aus der Statistik der und auch solche, die es aufgegeben haben, einen Arbeitsplatz zu finden werden nicht als Arbeitslose berücksichtigt. Und die, die einen Job haben können immer öfter vom Gehalt nicht leben und müssen mit Sozialhilfe aufstocken.
Aber eigentlich ist diese Betrachtungsweise ohnehin nicht Zeitgemäß. Der Wohlstand einer Gesellschaft sollte nicht an der Maximierung des Beschäftigungsverhältnisses gemessen werden. In Anbetracht der Tatsache, dass immer mehr Vorgänge automatisiert werden, sollte der Wohlstand eher daran gemessen werden, wie wenig die Menschen arbeiten müssen, um gut leben zu können. Im Idealfall müssen Menschen überhaupt nicht mehr arbeiten, weil dies Roboter erledigen und können ihre gesamte Lebenszeit mit den Dingen verbringen, die ihnen Spaß machen. Wenn die Bevölkerung 10 Stunden am Tag für einen Hungerlohn schuftet, kann man zwar von Vollbeschäftigung (also von guten Arbeitsmarktzahlen) sprechen, aber wünschenswert ist dieser Zustand gewiss nicht. Anmerkung: nach dieser Definition könnte es so klingen, als wären die hohen Arbeitslosenzahlen jenseits der geschönten Statistiken positiv zu bewerten. Da in der heutigen Zeit der Arbeitsplatz die Voraussetzung für das Einkommen ist, ist dies nicht der Fall. So lange der Arbeitsplatzverlust mit dem Verlust des Einkommens gleichzusetzen ist, sind hohe Arbeitslosenzahlen tatsächlich problematisch. Dies soll hier aber nicht das Thema sein.
Als nächstes sind die Wachstumszahlen zu betrachten. Auch hier ist nach Definition der heutigen Politik „mehr Wachstum“ gleichbedeutend mit „besser“. Das dieses Wachstum aber zu einem großen Teil durch die Herstellung von Produkten generiert wird, die eigentlich nicht benötigt werden und eine unnötige Zerstörung der Umwelt und Verschwendung der Ressourcen zur Folge hat, das kommt den Politikern nicht in den Sinn. Aber vielleicht liegt das Deutschland, von dem einige Politiker sprechen, ja auch in einem Universum, in dem der Ressourcenvorrat unendlich ist.
Vielleicht gibt es dieses Paralleluniversum aber garnicht. Zumindest wurde es meiner Kenntnis nach noch nicht wissenschaftlich nachgewiesen. Dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder reden die Politiker von einer Welt die nur in ihrer Phantasie existiert, was etwas realitätsfremd wäre, oder sie nehmen an, dass es in der realen Welt tatsächlich so ist, wie sie es beschreiben. Wenn sie aber annehmen, dass grenzenloses Wachstum erstrebenswert ist, die Vermögen gleichmäßig verteilt sind und der Wohlstand an 1-Euro-Jobs zu messen ist, dann scheinen sie ein etwas fragwürdiges Verhältnis zur Umwelt zu haben. Das könnte aber bedeuten, dass manch ein Politiker unter Wahnvorstellungen leidet. Das klingt jetzt etwas drastisch, aber unter dem Begriff „Wahnvorstellung“, bzw. „Psychose“ fasst man nun mal psychische Erkrankungen zusammen, bei denen die Betroffenen eine gestörte Beziehung zu ihrer Umwelt haben.[4] Die Bevölkerung hat schon lange erkannt: Die Schere zwischen Arm und Reich geht in dieser uns allen bekannten Welt immer weiter auseinander. Wann merken das auch die Volksvertreter?


Literaturverzeichnis:
[1]
Bundeskabinett will entschärften Armutsbericht absegnen – Trotz Kritik; bef/Reuters; Focus Online; http://www.focus.de/politik/deutschland/trotz-zensur-kritik-bundesregierung-will-entschaerften-armutsbericht-absegnen_aid_933532.html; 06.03.2013
[2]
Bericht der Bundesregierung: Mehr Arbeit, mehr Armut; jok/dpa/AFP; Spiegel Online; SPIEGEL-Verlag; http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundesregierung-legt-umstrittenen-armutsbericht-vor-a-887221.html; 06.03.2013
[3]
Vermögensverteilung; Bundeszentrale für politische Bildung; http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61781/vermoegensverteilung; 10.11.2008
[4]
Wahnvorstellungen / Psychosen; Neurologen und Psychiater im Netz; http://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.de/npin/npinkrankheit/show.php3?id=90&nodeid=24