Unpräziser Gebrauch der Sprache

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie unpräzise die Sprache verwendet wird? In der letzten Zeit habe ich in Bezug auf die Fußball-Europameisterschaft immer wieder so Aussagen gehört wie „Wir gewinnen“. Da stellt sich mir natürlich die Frage: Wer ist mit „wir“ gemeint? Auf die Frage, wer mit „wir“ gemeint ist, erhält man dann durchaus die Antwort: Deutschland. Ich habe nicht mitgespielt und die meisten, die solche Aussagen trafen, standen ebenfalls nicht auf dem Rasen. Und überhaupt: Wer ist denn eigentlich Deutschland. Beim Think-Tank Bertelsmann würde man jetzt vermutlich den Werbespruch „Du bist Deutschland“ zu hören bekommen. Aber kann man das das so veralgemeinern? Nun, man kann schon. Aber dann sollte man sich über die Konsequenzen im Klaren sein.
Jetzt, wo sich die finanziellen Probleme weltweit immer deutlicher zuspitzen, und die Verschuldung der Staaten rasant zunimmt, überschlagen sich Politiker und Lobyisten förmlich mit Forderungen zu Eindämmung des Chaos. Und da fallen dann auch Aussagen, dass Deutschland vom Euro profitiert hat und deshalb nun bezahlen soll.

Deutschland profitiert – und soll zahlen
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Hintergrund der Forderung von Monti und anderen Regierungschefs ist, dass Deutschland nicht nur besonders stark vom Euro profitiert, sondern aktuell in der Schuldenkrise auch von deutlich niedrigeren Zinsen. Die Zinskosten Deutschlands als „sicherer Hafen“ für Anleger sind so niedrig wie seit Jahren nicht.[1]

Quelle: Der Spiegel

Das ist stark veralgemeinert. Profitiert haben in erster Linie die (meist global agierenden) Konzerne. Die Gewinne werden aber bestenfalls an die Aktionäre und Vorstände weitergegeben. Der normale Arbeiter auf dem Gebiet der Bundesrepublik kann froh sein, wenn er noch ein Einkommen hat. Bezahlen werden jetzt aber ganz sicher nicht die Profiteure in Deutschland, sondern der gewöhnliche deutsche Bürger. Die vereinfachte Aussage, dass Deutschland vom Euro profitiert hat und deswegen soll Deutschland bezahlen, täuscht (bewusst ode unbewusst) darüber hinweg, dass die Profiteure und die Zahler durchaus ganz unterschiedliche Individuen sein können. Sie werden lediglich wilkürlich unter dem Begriff „Deutschland“ zusammengefasst.
Angenommen es bekommen von 10 Menschen mit einem roten Pullover 2 Leute einen Koffer mit 1.000.000 Euro. Die anderen gehen leer aus. Unglücklicherweise gehören Sie zu den 8 Menschen, die nichts bekommen. Nun kommt jemand zu Ihnen und verlangt von Ihnen 10.000 Euro. Seine Forderung begründet er damit, dass „die mit dem roten Pullover“ von den Geschenken profitiert haben und nun auch dafür zahlen sollen. Sie haben einen roten Pullover an und damit ist es ganz klar Ihre Pflicht, zu bezahlen. Fänden Sie das gerecht?

Immer wieder spannend sind auch Aussagen wie „Die Märkte atmen auf“.[2] Die Wortwahl suggeriert, dass „die Märkte“ lebende Wesen sind, die Luft zum Atmen benötigen. Dabei handelt es sich dabei mitnichten um Lebewesen, sondern um ein Konstrukt aus Handlungen, Konventionen und Regeln.

Eigentlich habe ich gegen Veralgemeinerungen oder auch die Anwendung einer bildlichen Sprache, die durchaus das Verständnis erleichtern kann, nichts einzuwenden. Mir scheint aber immer öfter, als würde man (wer auch immer) mit Veralgemeinerungen und einer bildlichen Sprache versuchen, Dinge anders erscheinen zu lassen, als es ihrer Natur entspricht. Die Konsequenz daraus ist, dass wir ein falsches Bild von der Realität vermittelt bekommen und unser Handeln entsprechend nicht gezielt planen können. Die Entscheidungen basieren schleißlich auf falschen Annahmen. Darüber sollte man sich bewusst sein, wenn man es akzeptiert, dass die Sprache sehr unpräzise verwendet wird und man sich nicht die Mühe macht, Aussagen zu hinterfragen, um zu erfahren, was wirklich gemeint sein könnte.


Literaturverzeichnis:
[1]
Rettungspaket plus – Monti wirbt für den Billionen-Schirm; http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/rettungspaket-plus-monti-wirbt-fuer-den-billionen-schirm-a-810589.html; 21.01.2012
[2]
Euro-Krise – Der Gipfeldurchbruch geht auf Kosten von Kanzlerin Merkel; http://www.morgenpost.de/politik/ausland/article107301733/Der-Gipfeldurchbruch-geht-auf-Kosten-von-Kanzlerin-Merkel.html; 29.06.2012

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