Typisch Vegetarier

Im nachfolgenden Video zeigt Joyce Ilg auf humorvolle Art, Ausschnitte aus dem Alltag eines Vegetariers in Gesprächen mit Fleischessern. Das Video wurde jedoch von einem Unternehmen gesponsert, das hauptsächlich im Fleischgeschäft tätig ist. Das führt natürlich zu der Frage, wie man dies bewerten soll.


Auf der einen Seite ist es natürlich nicht schlecht, wenn große Konzerne nach und nach Abstand von der Ausbeutung anderer Lebewesen nehmen und versuchen, ihre Produktpalette dahingehend umzubauen, dass mit der Herstellung der Waren zukünftig immer weniger Tiere gequält und geschlachtet werden. Es ist klar, dass ein großer Fleischbetrieb nicht von einen Tag auf den anderen sagen kann, dass sie zukünftig nur noch vegetarische oder gar vegane Produkte herstellen. Damit würden sie vermutlich nahezu alle bisherigen Kunden verlieren und kaum neue Kunden gewinnen, weil sie dann in einen anderen Markt einsteigen auf dem sie selbst keine Erfahrung haben und auf dem schon einige andere Anbieter tätig sind. So gesehen ist es besser, wenn ein Fleischkonzern mit einer kleinen vegetarischen Produktpalette startet und die Kunden darauf hinweist, dass sie beim nächsten Fleischkauf auch mal die vegetarischen Produkte testen können.

Auf der anderen Seite basiert dieses Umdenken vermutlich einfach auf einer Kalkulation die besagt, dass es lukrativ ist, relativ leicht herzustellende vegetarische Produkte zu einem hohen Preis an Kunden zu verkaufen. Fleisch ist relativ aufwändig in der Herstellung und wird dann billig in den Supermarktregalen verramscht. Ohne Subventionen und Ausblendung der fatalen Folgen für Tiere, Umwelt und Menschen wäre dieses Geschäftsmodell wohl kaum tragfähig. Wenn beim Weg vom Feld über das Tier zur Wurst auf den Zwischenschritt verzichten könnte und direkt vom Feld zur Wurst kommt, dürfte das finanzielle Vorteile haben.
Ein ehrliches Umdenken und die Umstellung auf vegetarische oder gar vegane Produkte dürfte somit weniger einem echten Umdenken und dem plötzlichen Mitgefühl mit den Tieren verbunden sein, sondern einfach den lukrativen Gewinnaussichten. Dies ist natürlich nicht so schön. Aber im Endeffekt ist es vielleicht garnicht so wichtig, aus welchen gründen ein Konzern auf das töten von Tieren verzichtet. Wichtig ist, dass möglichst wenig Tiere gequält werden. Und wenn die großen Konzerne nach und nach ihre Produktion umstellen, ist das durchaus erfreulich, egal ob aus Mitgefühl oder aus Gier nach noch mehr Geld.
Viele Dinge, die wir haben wollen, möchten wir, weil uns die Werbung suggeriert, dass wir diese Produkte unbedingt brauchen. Die ungesunden Dinge in den bunten Packungen essen und trinken wir nicht, weil sie der Körper bräuchte. Ganz im Gegenteil. Das meiste von dem Zeug in den Supermarktregalen ist eher schädlich. Wir kaufen diese Dinge aber, weil wir die Produkte aus der Werbung kennen, weil sie aufgrund von Zucker und Geschmacksverstärkern lecker sind und weil sie leicht verfügbar sind.
So ist es auch mit Fleisch. Die Werbung sagt uns, das Fleisch toll ist, zudem schmeckt ein Fleischgericht meist gut und Fleisch ist leicht verfügbar und billig. Deshalb ist es für viele Menschen ganz normal, bei jeder Gelegenheit Fleisch auf den Teller zu laden. Wer kein Fleisch isst, ist ein Außenseiter. Ich bin mir sicher, dass sich dies ändern würde, wenn die Werbung zukünftig vegetarische Produkte in den Vordergrund stellen würde. Diese schmecken mitunter ebenfalls gut, sind aber nicht ganz so leicht verfügbar wie Fleisch und sie sind meistens leider auch sehr teuer. Wenn die Konzerne ihre Marktmacht nutzen und die Menschen zum Umdenken bewegen, können sie immer mehr vegetarische Produkte verkaufen, was dann auch wieder die Verfügbarkeit verbessert und vielleicht werden irgendwann die Preise für einen größeren Teil der Bevölkerung bezahlbar sein. So könnten sich nach und nach die Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung wandeln. irgendwann gibt es dann vielleicht kaum noch Bedarf nach Fleisch. Dann würden weniger Felder benötigt, weil der ineffiziente Weg über das Tier bei der Nahrungsproduktion entfällt (das dürfte für die du-isst-den-Tieren-das-Essen-weg-Fraktion schwer verständlich sein), was zur Folge hat, dass wieder mehr Flächen für die Natur verfügbar wären. Außerdem müsste man nicht Unmengen an stinkender Gülle auf den Feldern „entsorgen“ und würde dementsprechend auch das Grundwasser weniger mit Nitriten, Nitraten und anderen Stoffen aus der Gülle belastet. Weiterhin könnte der Antibiotikaeinsatz stark zurückgehen, was wiederum die Bildung antibiotikaresistenter Krankheitserreger verhindern würde.

Wenn die großen Konzerne ihre Marktmacht nutzen und den Menschen eine fleischfreie, vielleicht sogar eine vegane Ernährung nahelegen würden, ist es zunächst nicht so wichtig, ob die Konzerne dies aus Mitgefühl oder aus Gier tun. Im Endeffekt würden alle Lebewesen auf diesem Planeten davon profitieren. Dies zeigt, dass auch egoistisches Verhalten durchaus positive Auswirkungen haben kann. Schön wäre es natürlich, wenn die Verantwortlichen bei den großen Konzernen eine umsichtige Geschäftspolitik aus tiefer innerer Überzeugung anstreben würden. Dies dürfte jedoch eher unrealistisch sein, weil man in der heutigen Welt leichter durch aggressives Verhalten zu Macht und Reichtum und in die Führungspositionen großer Konzerne kommen wird, als durch Mitgefühl und Rücksicht. Diejenigen, welche die Entscheidungen treffen werden sich bei ihrem Handeln also stärker von den Erfolgsaussichten und der zu erwartenden Rendite leiten lassen, als vom Wunsch anderen Lebewesen nicht zu schaden.
Es ist also vielleicht nicht schlecht, wenn die großen Unternehmen und Konzerne ihr Werbebudget verstärkt dazu nutzen, vegetarische und vegane Produkte bekannt zu machen, selbst wenn das eigentlich nicht ihrer ursprünglichen Unternehmenskultur entspricht. Und im obigen Video wird erfreulicherweise auch deutlich auf die Platzierung der Werbung hingewiesen.