Staatsbankrott – Was passiert, wenn ein Land Pleite macht?

Als ich im Wirtschaftsteil bei Zeit Online den Artikel Staatsbankrott! – Was passiert, wenn ein Land Pleite macht: Ein Horrorszenario las, war ich anfangs sehr erstaunt, wie gut der Autor die Wirtschaftssituation in einem Gedankenspiel anhand eines fiktiven Staates zum Ausdruck bringt.

Willkommen in Musterland! Musterland liegt in Europa, es ist EU-Mitglied. In Musterland stehen mehrere große Banken vor dem Ruin – und zahllose Unternehmen. Wahlen sind angesetzt.
In Musterland gibt es jetzt Krisen-Burger wie in Dublin, bewaffnete Bankmanager wie in London, Angst wie überall. Die Zustände und die Ereignisse in Musterland sind zwar fiktiv, sie basieren jedoch auf Tatsachen anderswo. Musterland ist nicht Deutschland, nicht Irland, nicht Ungarn und nicht Großbritannien. Was in Musterland passiert, könnte aber auch hier und dort passieren. In Musterland kann man Weggabelungen erkennen, Haltemarken sehen. In Musterland kann man erfahren, was es heißt, wenn Sicherungsnetze reißen. Wenn die Politik versagt. Und was es bedeutet, wenn ein Land kippt.[1]

Quelle: Zeit Online


Die Wirtschaft bricht zusammen
Der Staat rettet mit Konjunkturprogrammen in Musterland vorläufig die Wirtschaft, verschuldet sich dabei noch mehr, hofft aber, dass die Wirtschaft wieder in Fahrt kommt und sich das Land aus den Schulden befreien kann. Die Finanzmärkte reagieren nervös, die Bonität des Landes wird herabgestuft, da die Wahrscheinlichkeit für einen Zahlungsausfall steigt. In der Folge bleiben die Investoren aus.

Fest steht: Das Land hat immer weniger Geld für seine Schulen, für den Straßenbau, für das soziale Netz.[1]

Quelle: Zeit Online

In dieser Reihenfolge wohl gemerkt: 1. Schulden, 2. Straße, 3. Soziale Netz! Erst müssen die (Zinsen der) Schulden bedient werden, was dann noch übrig bleibt kann für die Wirtschaft aufgebracht werden. Und wenn dann noch was übrig bleibt, dann kann es den Menschen im Land zugute kommen.
Das Musterland braucht dringend Hilfe. Aber weder der IWF, die EU, noch andere Länder springen ein. Nun bleiben die Investoren nicht nur aus, sondern beginnen, ihr Kapital abzuziehen. Die eigene Währung von Musterland stürzt ab und die Staatsanleihen gelten als Schrott (junk). Die Banker zahlen sich weiter Boni aus und die Menschen sind wütend. Banken werden gerettet und während die Menschen um ihr bescheidenes Einkommen bangen müssen. Wann werden die Demonstrationen im Land in Krawalle ausarten? Derweilen leeren sich die Staatskassen immer schneller bis sich die Frage stellt: Kredite ausländischer Gläubiger bedienen, oder doch eher die Gehälter der Beamten bezahlen? Für beides reicht das Geld nicht mehr. Die Entscheidung fällt zugunsten der Beamten aus. Die Schulden werden nicht mehr fristgerecht bezahlt, das Land ist pleite, was die weltweite Wirtschaftskrise weiter verschärft.

Bis zu dieser Stelle ist der Artikel sehr treffend! Aber nun …


Fragwürdige Rettung
Doch es muss nicht eintreten. So bitter die Zahlungsunfähigkeit ist: Sie ist nicht zwingend das Ende für einen Staat. In der Krise ist sie zuweilen, so skurril kann Ökonomie sein, gar die einzige Rettung.[1]

Quelle: Zeit Online

Die Einzige Rettung? Nun, lesen wir erst einmal weiter. Der Autor schreibt, dass die Zentralbank an der Stelle die Zinsen senken kann, wodurch Kredite billiger werden. Die Notenbanken können dem Staat zur Hilfe kommen, indem sie die Anleihen abkaufen, für die auf dem Markt ja kein Interesse mehr besteht. Die Zentralbanken beginne „Geld zu drucken“ um die Geldhortung der Investoren auszugleichen. Dadurch füllen sich die Staatskassen und ein neues Konjunkturprogramm kann gestartet werden. Dadurch würde der völlige Zusammenbruch der Wirtschaft noch einmal abgewendet werden.

Aber die Krise ist noch längst nicht überwunden. Die Wirtschaft schrumpft noch immer, eine Rückkehr zu den Wachstumsraten der Boomjahre ist nicht in Sicht.
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Musterland wäre geschwächt, aber nicht erledigt. Es könnte jetzt versuchen, sich allmählich aus der Krise zu arbeiten, den verbleibenden Schuldenberg abzutragen.[1]

Quelle: Zeit Online


Ein grundlegend neuer Ansatz ist nötig
An dieser Stelle wird es Zeit für einige Anmerkungen. Die Wirtschaft baute offensichtlich auf ein von privaten Banken aufgezwungenes Geldsystem auf, das eine Verschuldung bis zur Zahungsunfähigkeit erzwingt. Die Zahlungsunfähigkeit ist also nur mit viel Fantasie als Rettung zu interpretieren, sie ist viel mehr das Ergebnis eines langen Prozesses, der nicht zufällig abläuft, sondern systemimmanent ist. Um den völligen Zusammenbruch abzuwenden, werden nicht die Ursachen aus dem Weg geräumt, sondern es wird versucht Geld in den Markt zu pumpen. Dabei wird aber nicht sichergestellt, das dieses Geld in Bewegung bleibt und tatsächlich den Menschen zum Handeln zu Verfügung steht. Ganz im Gegenteil: die Mechanismen des zinsbasierten Geldsystems wirken noch immer und so wird das neu geschaffene Geld recht bald wieder dem Markt entzogen sein, weil es für Zinszahlungen aufgewendet werden muss. Die Verschuldung wird darüber hinaus durch diese Aktionen weiter angestiegen, schließlich ist das neue Geld auch nur als Kredit in den Kreislauf gelang der zuzüglich Zinsen und Zinseszinsen bedient werden muss. Das führt zu einer weiteren Verschärfung der Situation.
Dann wird von einer Rückkehr zu den Wachstumsraten von früher gesprochen. Warum Wachstumsraten? Nun, In diesem Geldsystem kommt neues Geld als Kredit in die Welt. Jedem Geldvermögen steht ein entsprechender Betrag an Schulden gegenüber. Nach einiger Zeit muss aufgrund der Zinsen und Zinseszinsen mehr Geld zurückgezahlt werden, als an Kredit vergeben wurde: Kredit + Zinsen und Zinseszinsen. Es muss neues Geld geliehen werden um alte Verbindlichkeiten überhaupt zurückzahlen zu können. Folglich muss zu JEDEM Zeitpunkt mehr Geld zurückgezahlt werden, als tatsächlich vorhanden ist. Wirft man einen Blick auf die Staatsverschuldung der Länder, so zeigt sich, dass die Verschuldung fast ausnahmslos (exponentiell) anwächst. Leider ist es jedoch so, dass im gleichen Maße mit dem Anwachsen der Geldmenge reale Werte geschaffen werden müssen. Die Wirtschaft muss entsprechend dem geldmengenwachstum mitwachsen. Eine Bank verleiht gewöhnlich kein Geld, wenn ihr keine Sicherheiten geboten werden können. Diese Sicherheiten müssen durch harte Arbeit erwirtschaftet produziert werden. Um den Lebensstandard gleich zu halten müssen die Menschen im Land von Jahr zu Jahr mehr arbeiten. Das Wirtschaftswachstum ist also durch das Anwachsen von Geldvermögen/Schulden-Paaren erzwungen. Wird in einem Jahr einmal genau so viel produziert und konsumiert, wie im Vorjahr, könnte man meinen, das es der Bevölkerung auch genau so gut geht, wie im Jahr davor. Aber das Stimmt nicht. Vom gleichbleibenden Geldbetrag, der erwirtschaftet wurde, muss ein größerer Teil an Zinsen abgetreten werden als im Vorjahr (schließlich bleibt die Verschuldung NICHT gleich, sondern wächst exponentiell). Damit bleibt am Ende bei gleicher Leistung weniger zum Leben übrig. Der Wohlstand sinkt – und das bei gleicher Produktivität.
Sinnvoll wäre es also, ein Geldsystem einzuführen, das kein Wachstum erzwingt, anstatt das schädliche Geldsystem zu erhalten und zu versuchen, die Wirtschaft krampfhaft an das System anzupassen. Ansonsten beginnt die Geschichte einfach wieder von vorne. Verschuldung, Wachstum, unerträgliche Zinslasten, Zusammenbruch … Das geht immer so weiter. An dieser Stelle hilft nur ein Ausstieg aus dem System.
Als nächstes schreibt der Autor, dass sich Musterland allmählich aus der Krise arbeiten und versuchen könnte, den Schuldenberg abzutragen. Klar, versuchen könnte Musterland dies. Aber erfolgreich wäre es damit nicht. Wenn man mit dem Fahrrad über einen Nagel gefahren ist und nun ein Loch im Reifen hat, kann man natürlich unaufhörlich Luft nachpumpen. Solange man aber nicht den Nagel und das Loch, also die Ursache für das Entweichen der Luft beseitigt hat, wird dies bestenfalls von bescheidenem Erfolg unter großer Kraftanstrengung gekrönt sein. Genau so ist es kaum möglich, eine grundlegende Verbesserung zu erzielen, wenn die Ursachen für die Krise nach wie vor ungemindert wirken. Egal, wieviel die Leute arbeiten, die Verschuldung wird wieder steigen und das Land in der Abhängigkeit privater Banken gefangen halten.
Aber möglicherweise würde es Musterland auf wundersame Weise doch gelingen, die Schulden abzutragen. Was wäre dann? Wir erinnern uns: Geld existiert in Form von Geldvermögen/Schulden-Paaren. Wenn ich mir 100 Euronen leihe und bei 10% Zinsen nach einem Jahr 110 Euronen zurückzahle, dann bin ich meine Schulden los. Ich habe aber auch das Geld nicht mehr und kann mir folglich nichts mehr damit kaufen. Das ist schlecht für die Wirtschaft. Gelingt es nun, sämtliche eigenen Schulden zu begleichen und auch noch das Geld für die anfallenden Zinsen aufzubringen (das dann naturgemäß einem anderen fehlen muss, der dann wiederum seinerseits nicht mal genug Geld für die Rückzahlung des geliehenen Geldes, geschweige denn für die Zinsen hat) ist kein Geld mehr da. Die Menschen können wieder Kartoffeln gegen Äpfel tauschen (oder eine Playstation gegen eine X-Box in der heutigen modernen Zeit). Also: Solange Geld da ist, wachsen die Schulden durch Zinsen und Zinseszinsen exponentiell an. Ist kein Geld mehr vorhanden, ist zwar die automatische Neuverschuldung gestoppt, aber der Handel kommt zum erliegen, weil kein geeignetes Tauschmittel in Form von Geld vorhanden ist, das den Handel vereinfacht.


Ein Geldsystem, das kein Wachstum erzwingt
Ziel sollte es also nicht sein, auf biegen und brechen, dieses irrsinnige Geldsystem am Leben zu halten und zu versuchen dem erzwungenen Wachstum nachzukommen, sondern ein Geldsystem einzuführen, das von vorne herein kein Wachstum erzwingt, sondern dem Markt „einfach“ so viel Geld zur Verfügung stellt, wie benötigt wird, um die angebotenen Waren kaufen zu können. Es kann nicht das Ziel sein, den Markt an das geld anzupassen, sondern es geht darum, das Geld an den Markt anzupassen. Weiterhin muss dafür gesorgt werden, dass das Geld nicht gehortet wird, sondern dem Markt jederzeit zur Verfügung steht. Zinsen, sind jedoch gänzlich ungeeignet um den Geldfluss sicher zu stellen, das würde nur wieder zum Problem führen, das Grundlage dieses Artikels ist. An dieser Stelle sollte man sich Gedanken über Schwundgeld oder dergleichen machen.
In der Geschichte um Musterland geht es nun leider immer absurder weiter: Hier wird nicht der Fehler im Geldsystem erkannt. Nein, hier sind die Menschen Schuld. Welch eine Verdrehung der Tatsachen!

Doch da ist die Wut der Bevölkerung. Da ist die Erwartung, dass der Staat den alten Wohlstand wiederbringe – und zwar schnell. Und da ist die Politik, die so viele Erwartungen geweckt hat. Noch nie ist es Politikern in westlichen Wohlstandsländern gelungen, den Leuten klarzumachen, dass sie künftig mit weniger zufrieden sein sollen. Dass es mit der Zeit besser wird, nicht schlechter, galt bislang als systemimmanent.[1]

Quelle: Zeit Online

Im Folgenden zwingt die Wut der Menschen die Politiker zu weiteren Handlungen, die negative Auswirkungen haben werden. Deshalb liegt die Schuld bei der Bevölkerung …
Doch warum sind die Menschen eigentlich wütend? Wo liegen die Ursachen für die Wut? Erst, wenn dies geklärt ist, kann man von einem planlosen schadhaften Handeln (wie es die Politik vorführt) dazu übergehen, konstruktive Lösungsansätze zu finden und die wahren Ursachen der Wut und damit der Krise zu beheben! Die Menschen müssen – wie wir jetzt wissen – nur deshalb mit weniger Zufrieden sein, weil ein immer größerer Teil ihrer Arbeitsleistung für Zinsleistung abgezweigt wird. Es wurde nur deshalb bislang immer besser, weil es zu Beginn eines solchen Systems noch leicht ist, die anfallenden Zinsen zu bedienen und trotzdem noch viel zum Leben übrig bleibt. Anfangs kann das Wirtschaftswachstum mit dem Wachstum der Zinsforderungen Schritt halten. Das wird aber immer schwerer und irgendwann ist der Punkt erreicht, bei dem die Menschen nicht mehr leisten können und dann beginnt offensichtlich zu werden, das mehr und mehr Abstriche gemacht werden müssen. Letztendlich mussten diese Abstriche schon von Beginn an gemacht werden, da ist es lediglich noch nicht aufgefallen. Es ist also keineswegs systemimmanent, das es immer besser wird, wie der Autor hier schreibt. Ganz im Gegenteil: Es ist systemimmanent, dass der Wohlstand früher oder später sinken wird.
Die Menschen müssen nur deshalb mit immer weniger zufrieden sein, weil das System schädlich für sie ist und ganz wenige Personen auf Kosten der Allgemeinheit ohne Leistung zu erbringen durch Zinsen und Zinseszinsen immer mehr Reichtum und Macht erhalten. Kein Wunder also, das es den Politikern nicht so recht gelingen mag, den Menschen klarzumachen, das sie zukünftig gefälligst mit weniger zufrieden sein sollen – und dafür auch noch mehr arbeiten müssen. Bei einem guten Geldsystem könnten die Menschen DAUERHAFT mit wenig Arbeit auf einem hohen Niveau leben ohne dabei die Ressourcen wie im heutigen Maße verschwenden zu müssen.


Politik und Wirtschaft
Der Autor schreibt weiter, dass die Regierung von Musterland immer mehr Geld ausgibt, welches die Zentralbanken „drucken“. Löhne, Renten und Sozialleistungen werden erhöht. Ein Boom wird ausgelöst und die Nachfrage steig wieder. Die Produktion kommt nicht hinterher was zur Folge hat, das die Preise anziehen. Die Deflation kippt in eine Inflation um und die Währung ist nach kurzer Zeit wertlos.

Das Geldvermögen der Sparer ist vernichtet. Das hat nur einen Vorteil: Auch die Schulden sind ausgelöscht, die gesamte Staatsschuld hatte zuletzt den Gegenwert einer Tageszeitung.[1]

Quelle: Zeit Online

Aha, hier schreibt der Autor sogar einen Satz über den Zusammenhang von Geldvermögen und Schulden. Das eine kann ohne das andere in diesem Geldsystem nicht existieren. Die Bedeutung scheint ihm jedoch nicht bewusst zu sein …

Musterland steht nun an der wichtigsten Weggabelung. Bleibt es demokratisch – oder erliegt es der Versuchung einer linken oder rechten Diktatur? »Zum Sturz einer bestehenden Gesellschaftsordnung«, so warnte einst der britische Ökonom John Maynard Keynes, »gibt es kein besseres Mittel als die Ruinierung ihrer Währung.«[1]

Quelle: Zeit Online

An dieser Stelle ist eigentlich über das Geldsystem an sich zu diskutieren, nicht über die politische Form der Regierung. Würde eine gute Basis in Form eines sinnvollen Geldsystems geschaffen, das der breiten Masse dient, anstatt lediglich einer kleinen elitären Gruppe, würden sich kaum radikale Strukturen bilden.


Literaturverzeichnis:
[1]
Was passiert, wenn ein Land Pleite macht: Ein Horrorszenario; Peter Dausend und Mark Schieritz; http://www.zeit.de/2009/11/Pleitestaat; 08.03.2009