Schöne neue Welt des Internets der Dinge

Internet der Dinge! Alles – von der Zahnbürste über den Toaster bis zum Lastkraftwagen – soll einen Internetanschluss bekommen. So stellen sich die Verantwortlichen bei den großen Konzernene und das personal der Marketingabteilungen die Zukunft vor. Ein Segen wäre das für die Kunden. Man stelle sich nur mal all die Möglichkeiten vor:

  • Die Gerätschaften können dann automatisch das Leben der Menschen organisieren. Der Kühlscharnk bestellt neues Bier, wenn der Vorrat zu Neige geht und der Kühlschrankbesitzer schon zu besoffen im Eck liegt, um noch aus eigener Kraft zum Auto zu laufen und zum Supermarkt zu fahren.
  • Die Zahnbürste macht einen Termin beim Zahnarzt aus, weil der Besitzer sie so selten benutzt, dass es vermutlich mittlerweile einige Löcher zu sanieren gibt.
  • Der Fernseher studiert den Programmplan und schaltet immer auf die Lieblingssendungen des Zuschauers um, wenn der Zuschauer dies nicht mehr kann, weil er schon vor Stunden eingeschlafen ist.

Hach, klingt das nicht herrlich. Bald können die Geräte so viele tolle Dinge, die völlig unnötig aber absolut cool sind. Dabei verbrauchen sie auch noch reichlich Strom, was die Energiewirtschaft ankurbelt. Und Wirtschaftswachstum ist superplusgut, wie die von der Realität abgekanzelte Superplusgutkanzlerin immer wieder betont :)

Nun ja, so toll wird das nicht werden. DIe neue Technik wird eher dazu dienen, die Preise der billiggeräte aus China hoch zu halten, die Menschen auszusionieren und sie mit Werbung zu bombardieren. Und gleichzeitig müssen die Hersteller auch nicht mehr viel Zeit zum Testen der Geräte investieren, da sie die Produkte ja auch später noch übers Internet patchen können, um die bei der schlampigen Entwicklung übersehenen Fehler zu reparieren.
Und auch eine Befürchtung, die ich vor einiger Zeit in einem Gespräch äußerte bewahrheitete sich mittlerweile in ähnlicher Weise: Wenn die Hersteller zukünftig dank immerwährender Datenverbindung zu jedem Gerät patches einspielen können, dann ist es zwar möglich, dass das Auto über Nacht dank neuer Software für die Motorsteuerung 0,00214 Sekunden schneller von 0 auf 100 Kilometer pro Stunde beschleunigt, es könnte aber auch sein, dass das Auto am nächsten Morgen nicht mehr startet, wenn man zu einer dringenden Besprechung (ach nein das heißt ja miottlerweile Meeting) fahren muss. Ein Auto wurde zwar meines Wissens nach noch nicht kaputtgepatcht, dafür hat aber ein Fernsehhersteller einen Teil seiner Geräte mit einem automatischen Update nachträglich beim Kunden außer Betrieb gesetzt.[1]

Und ansonsten dürfte die modernen Errungenschaften der Netzwerktechnik auch eher zum Nachteil der Kunden sein. Im Fernsehen schaue ich beispielsweise schon seit vielen Jahren keine Sendungen mehr, weil sie so mit Werbung verseucht sind, dass man keinen Film mehr in voller Länge genießen kann. Dank Internet haben die Fernsehhersteller jetzt einen Weg gefunden, auch die Menschen mit Werbung zu belästigen, die Filme auf DVD oder Blu-ray-Disk kaufen und anschauen (Ja, „Blue“ wird hier wirklich ohne „e“ und damit falsch geschrieben, um die Bezeichnung als markanten Markennamen eintragen zu können). Und auch wer nur private Urlaubsfilme im Kreise seiner Familie genießen möchte, ist vor Werbeeinblendungen dank der Segnungen des Internets nicht mehr sicher.

Alle 20-30 Minuten Werbung bei einen Film, den ich gekauft habe, und aus meinem privaten Netzwerk auf mein Smart-TV sende? Was sich nach einem schlechten Scherz anhört, ist nun bei einigen Modellen von Samsungs Smart-TVs aufgetreten. Schon über 200 Kommentare finden sich unter der Nachricht, die auf der Internetplattform Reddit veröffentlicht wurde.[2]

Quelle: Netzwelt

Aber mit dem Risiko, dass die Geräte nachträglich beim Kunden kaputtgepatcht werden und die Menschen mit Werbung zumüllen, ist das Gefahrenpotential noch nicht erschöpft. Es droht weiteres ungemach. Auch der Datenschutz leidet. Während ein normaler Webseitenbetreiber sprichwörtlich mit einem Bein im Gefängnis steht, wenn er eine Angabe im Impressum vergessen hat oder die Datenschutzerklärung nicht bis zum letzten Wort absolut gesetzeskonform ist, schert sich bei den großen Elektronikkonzernen niemand um den lästigen Datenschutz. Da können die Geräte das Verhalten der Benutzer ausspionieren und die im Wohnzimmer geführten Gespräche aufzeichnen und an Dritte versenden.

If you enable Voice Recognition, you can interact with your Smart TV using your voice. To provide you the Voice Recognition feature, some interactive voice commands may be transmitted (along with information about your device, including device identifiers) to a third-party service provider (currently, Nuance Communications, Inc.) that converts your interactive voice commands to text and to the extent necessary to provide the Voice Recognition features to you. In addition, Samsung may collect and your device may capture voice commands and associated texts so that we can provide you with Voice Recognition features and evaluate and improve the features. Samsung will collect your interactive voice commands only when you make a specific search request to the Smart TV by clicking the activation button either on the remote control or on your screen and speaking into the microphone on the remote control.[3]

Quelle: Samsung

Aber mit der akustischen Spionage ist das Ende der Möglichkeiten noch nicht erreicht. Die Fernseher werden mittlerweile auch mit einer Kamera ausgestattet, die das heimische Wohnzimmer auch visuell ausspionieren kann.

Your SmartTV is equipped with a camera that enables certain advanced features, including the ability to control and interact with your TV with gestures and to use facial recognition technology to authenticate your Samsung Account on your TV. The camera can be covered and disabled at any time, but be aware that these advanced services will not be available if the camera is disabled. [3]

Quelle: Samsung

Der Hersteller ist zwar benmüht zu betonen, dass die Geräte nur Daten aufzeichnen und an Fremde senden, wenn der Benutzer dies ausdrücklich erlaubt, aber wie soll der Benutzer sicherstellen, dass die Geräte nicht vielleicht doch etwas ohne Erlaubnis übertragen? Vielleicht hat der Hersteller die Lizenzbedingungen ja mittlerweile eigenmächtig geändert oder ein Angreifer hat das System übernommen und spioniert nun die Wohnung und die Gewohnheiten eines zukünftigen Einbruchsopfers aus.

Diese aktuelle technische Entwicklung erinnert an einen Roman, der bereits im Juni 1949 erschien. Im dystopischen Roman „1984“, geschrieben von 1946 bis 1948 von George Orwell (eigentlich Eric Arthur Blair) wird ein totalitärer Präventions- und Überwachungsstaat im Jahre 1984 dargestellt. Im Roman überwacht eine allgegenwärtige „Gedankenpolizei“ permanent die gesamte Bevölkerung. Mit nicht abschaltbaren Geräten („Teleschirme“), die zugleich alle Wohnungen visuell kontrollieren und abhören kann die mächtige und gefährliche Gedankenpolizei die Menschen auch in ihren Wohnungen ausspionieren.

Das Datenschutz keine große Rolle spielt, verdeutlicht nun auch eine Studie vom Bayerischen Landesamt für Datenschutz. Leider werden die Unterlagen der mit Steuergeld finanzierten Untersuchung geheim gehalten, um die Konzerne zu schützen.

Prüfbericht: Smart-TVs sind Datenschleudern

Das Bayrische Landesamt für Datenschutz hat in einer groß angelegten Aktion aktuelle Smart-TVs auf Sicherheit und Datenschutz untersucht. Ergebnis: Die Geräte telefonieren häufig nach Hause – sogar beim normalen Fernsehgucken.

[..]

Wegen des Schutzes von Betriebsgeheimnissen und aus Wettbewerbsgründen wird der 40-seitige Prüfbericht nicht veröffentlicht.[4]

Quelle: Heise

Wenn Konzerne im großen Stil den Schutz persönlicher Daten ignorieren, werden sie von den mit Steuergeldern bezahlten Behörden geschützt. Wenn ein Privatanwender die Autofahrt zur eigenen Absicherung mit einer Kamera filmt, dann ist das für einige Politiker und Datenschutzbeauftragte ein riesen großes Datenschutzproblem und DashCams sollen ihrer Meinung nach verboten werden.

Vor diesem Hintergrund wird die eingangs erwähnte im Internet surfende Zahnbürste vermutlich auch eher den Konzernen dienen, als dem Benutzer. Die Zahnbürste mag zwar in Zukunft vielleicht die lästige Terminabsprache mit dem Zahnarzt übernehmen und unter Berücksichtigung der Einträge im Online-Terminkalender einen Termin vereinbaren oder neue Bürstenköpfe bestellen, aber sie kann auch gleich der Versicherung dank einer Kooperation mit dem Zahnbürstenhersteller eine Beitragserhöhung vorschlagen, wenn der Kunde dieser elende Hygieneschlamper die Zähne nicht ausgiebig pflegt. Und die Zahnbürste wird auch nicht unbedingt die günstigsten Bürstenköpfe von einem Drittanbieter bestellen, sondern die unverschämt teuren vom Zahnbürstenhersteller. Und zwar sobald die alte Bürste nach einmaligem Gebrauch hoffnungslos abgenutzt ist und schon erste Gebrauchspuren zeigt.

Unter diesem Aspekt ist die Planung, nahezu jedes Gerät zu vernetzen, äußerst bedenklich.
Es gab mal eine Zeit, da konnte man sich auf neue Errungenschaften der Technik freuen. Mit jeder neuen Generation wurden die Geräte besser und neue Innovationen machten das Leben leichter. Irgendwann gab es dann aber kaum noch echte Neuerungen mehr, sondern hauptsächlich nur noch marginale Veränderungen, die eigentlich unnötig sind aber dank ausgeklügelter Werbung als technische Innovation verkauft werden. Mittlerweile kann man froh sein, wenn die Geräte nicht wieder schlechter werden oder vom Hersteller nachträglich kaputgepatcht werden, wenn dieser entweder alte Fehler beheben oder neue unnötige Spielereien hinzufügen möchte. Hinzu kommt das unvorstellbare Spionage- und Missbrauchspotential der vernetzten Geräte.


Weiterführende Informationen:
Samsung SmartTVs may share private talks with 3rd party
Internet of Things: Milliarden Dinge hängen am Netz


Literaturverzeichnis:
[1]
Automatisches webOS-Update legt LG-Fernseher lahm; Heise; Immo Junghärtchen; http://www.heise.de/newsticker/meldung/Automatisches-webOS-Update-legt-LG-Fernseher-lahm-2595872.html?wt_mc=rss.ho.beitrag.rdf; 03.04.2015
[2]
Samsung Smart-TV: Fernseher blendet Werbung bei privaten Inhalten ein – Keine europäischen Nutzer betroffen; Netzwelt; http://www.netzwelt.de/news/151153-samsung-smart-tv-fernseher-blendet-werbung-privaten-inhalten-update-1202.html; 12.02.2015
[3]
Samsung Global Privacy Policy - SmartTV Supplement; Samsung; https://www.samsung.com/uk/info/privacy-SmartTV.html
[4]
Prüfbericht: Smart-TVs sind Datenschleudern; Heise; Ulrike Kuhlmann; http://www.heise.de/newsticker/meldung/Pruefbericht-Smart-TVs-sind-Datenschleudern-2562614.html; 02.03.2015