Raubtiere ohne Krallen

Menschen sind den Tieren in vielerlei Hinsicht unterlegen. Kein Fell schützt sie im Winter vor dem Erfrieren und im Sommer vor schädlicher Sonnenstrahlung. Menschen haben nicht die Kraft eines Bären und nicht die Schnelligkeit eines Leoparden. Können nicht schwimmen wie ein Fisch oder fliegen wie ein Vogel. Menschen können kein Gift produzieren, um sich zu verteidigen und haben kein Krallen zum jagen.
Dennoch ist die menschliche Spezies nicht den gejagten Arten zuzuordnen. Nein, der Mensch ist selbst ein Jäger, zumindest hält er sich dafür. Von der Natur vorgesehen ist dies jedoch nicht. Oder Etwa doch? Wie sieht es mit dem Gebiss aus, wenn schon keine Krallen vorhanden sind? Das ist doch das Gebiss eines richtigen Jägers! Eine Front scharfer Schneidezähne lassen sich da ausmachen. Naja, das spricht eher für einen Vegetarier. Pflanzenfressende Tiere haben ausgeprägte Schneidezähne zum abtrennen der pflanzlichen Nahrung. Fleischfresser haben gewöhnlich nur sehr, sehr kleine Zähne im vorderen Bereich des Gebisses. Weiter geht es mit den Eckzähnen. Die resultieren entwicklungsgeschichtlich aus den Fangzähnen, sind aber mittlerweile sehr weit zurück gebildet. Als Fangzähne dürften sie kaum noch taugen. Reißzähne wie bei einem echten Raubtier im hinteren Bereich des Gebisses hat ein Mensch überhaupt nicht. Die Backenzähne des Menschen dienen, wie bei pflanzenfressenden Tieren, zum Zermahlen vegetarischer Nahrung. Auch mit seinem Gebiss würden der Mensch keinen richtigen Jäger, wie etwa einen Wolf, ernsthaft beeindrucken. Als Jäger ist der Mensch also eigentlich überhaupt nicht geeignet. Der Erfolg als Jäger müsste somit eher bescheiden sein, was unweigerlich zum Verhungern und Aussterben der Art führen würde. Und die, die nicht verhungert sind, würden früher oder später einem richtigen Jäger zum Opfer fallen, der anständige Reißzähne und scharfe Krallen hat. Kurzum: Menschen taugen weder zum Jagen, noch zum Fliehen vor Jägern. Nach den Regeln der natürlichen Auslesen, wie sie nach den Erkenntnissen von Charles Darwin gelehrt werden, müsste die Menschheit schon längst als peinliche Fehlkonzeption aussortiert worden sein. Dennoch hat die menschliche Art viele Millionen Jahre der Evolution überlebt und ist nach wie vor nicht ernsthaft vom Aussterben bedroht. Menschen haben nicht einmal natürliche Feinde, die die Bevölkerung reduzieren und ein natürliches Gleichgewicht herstellen würden. Wenn die Menschheit sich nicht selbst vernichtet, kann sie noch lange Zeit auf diesem Planeten überleben.
Das ist in der Tat beachtlich, wenn man bedenkt, dass Menschen – körperlich gesehen – eigentlich zu nichts zu gebrauchen sind. Es muss also etwas anderes geben, dass den Menschen auszeichnet und all die gravierenden Unzulänglichkeiten kompensiert. In dem Moment, in dem man beginnt, darüber nachzudenken, hat man die Antwort auch schon gefunden. „Nachdenken“ ist das Stichwort: Intelligenz, Wissen und komplexes Denken (naja, mehr oder weniger) sind die Fähigkeiten, die den Menschen in eine sehr vorteilhafte Position bringen. Der Geist triumphiert quasi über den Körper. Wobei es bei einigen Menschen fraglich ist, ob sie tatsächlich denken. Einige Vertreter des Homo sapiens scheinen eine Möglichkeit gefunden zu haben, auch ohne Verstand zu überleben. Wie es ihnen gelingt, die körperlichen Nachteile auszugleichen, ist schwer nachzuvollziehen.

Ein Wolf kann zwar schnell rennen und hat auch anständige Reißzähne, so dass er eindeutig der von Natur aus besser ausgestattete Jäger ist, aber ihm fehlt selbst der Verstand, einen einfachen Toaster zu bedienen. Der Verstand ermöglicht es dem Menschen, sich Jagdwaffen zu bauen, so dass er gar keine Krallen braucht. Da wo Krallen sein sollten, hat der Mensch nur Fingernägel, die weder scharf noch spitz sind, aber das müssen sie auch nicht sein. Das würde nur das Verletzungsrisiko bei der Maniküre erhöhen. Reißzähne sind auch nicht wirklich nötig, schließlich zappelt die Nahrung gewöhnlich nicht mehr, wenn sie auf dem Teller liegt. Niemand muss die Fangzähne ins Steak rammen, um die Beute am Fliehen zu hindern. Reißzähne würden außerdem beim Lachen unangebracht sein. Der Wolf hat diesbezüglich weniger Glück. Er braucht Reißzähne da ihm der Verstand fehlt, den Hasen einfach zu schießen und in der Pfanne zuzubereiten. Er ist nach wie vor auf seine Zähne angewiesen und kann deshalb auch nicht freundlich lächeln.
Auf das Fell können Menschen auch verzichten, schließlich ermöglicht der Verstand es, Unmengen von Kleidungsstücken zu entwerfen. Für jede Jahreszeit und Gelegenheit ist was passendes dabei. Ein Wolf muss zur Saufparty das gleiche Fell tragen, wie bei einem feierlichen Empfang. Hätten Menschen ein Fell anstatt der Kleidung, gäbe es auch nicht jedes Jahr eine neue Mode. Das wäre langweilig. Außerdem wäre der Abfluss der Dusche ständig mit Haaren verstopft.
Mangelnde Kraft, die einem Bären von Natur aus gegeben ist, versucht sich der ein oder andere in einem Fitnessstudio zu erarbeiten. Das funktioniert durchaus recht gut. Manchmal sogar so gut, dass der Betreffende vor lauter Kraft nicht einmal mehr laufen kann. Andere nutzen einfach ihren Verstand und kaufen sich einen Gabelstapler, wenn die Kraft nicht reicht, die Palette Bier auf die anderen Paletten zu stapeln. Dem Bär stellt sich das Problem gar nicht erst, er trinkt gewöhnlich kein Bier.
Der Leopard an sich ist zwar schneller als ein Mensch, aber nur, wenn der Mensch zu Fuß unterwegs ist. Das ist allerdings, dem Verstand sei Dank, nur noch selten der Fall. Gegen einen Sportwagen kommt ein Leopard beim besten Willen nicht an. Er hält das auch nicht ein paar tausend Kilometer lang durch. Vielleicht liegt es daran, dass der Leopard kein Super Plus mag, sondern nur Wasser trinkt.
Dass Menschen nicht fliegen können hält sie nicht davon ab, es dennoch zu tun. Dafür ist lediglich ein Flugzeug, oder ein Hubschrauber nötig. Die gibt es bereits fertig zu kaufen, man kann sie aber auch aus alten Autoteilen selbst bauen, wie es der Student Mubarak Muhammad Abdullahi aus Nigeria getan hat.[1]
Baumsteigerfrösche (klüger klingt die wissenschaftliche Bezeichnung: Dendrobatidae) benetzen ihre Haut mit einem giftigen Sekret. Das hat den Vorteil, dass Feinde schnell sterben, wenn sie einen gefressen haben und somit keine seiner Artgenossen mehr verspeisen können. Andere Tiere, Schlangen etwa, nutzen ihr Gift weniger zur Verteidigung, sondern mehr zur Jagd. Wie auch immer. Menschen haben diesbezüglich Pech. Die Natur hat ihnen weder Giftdrüsen, noch Giftzähne beschert. Ist aber weniger tragisch, denn dafür haben Menschen ja den Verstand. Der ist zwar nicht giftig, aber er ermöglicht es dem Menschen, sich das Gift anderer Lebewesen zu Nutze zu machen. Nicht umsonst nennt man die Baumsteigerfrösche auch Pfeilgiftfrösche. Clevere Naturvölker im Regenwald verwenden das Gift der Frösche zur Beutejagt. Wie bereits geklärt ist, sind Menschen wenig geeignet als Jäger, deshalb haben die Indianer Blasrohre als Jagdwaffe entwickelt, die das Fehlen der Krallen kompensieren. Mit den vergifteten Pfeilen Funktionierten diese Waffen auch hinreichend gut.

Auf den ersten Blick ist die Menschheit aufgrund ihre sparsamen körperlichen Ausstattung zum Aussterben verurteilt. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass es dem Menschen gelungen ist, durch innovative Errungenschaften, wie der Nutzbarmachung des Feuers, der Erfindung des Rades oder dem Verkauf von Spielekonsolen die meisten Nachteile zu kompensieren oder zumindest zu kaschieren. Ein geniales Konzept. Da können sich Wölfe, Bären und Baumsteigerfrösche noch einiges abschauen.


Literaturverzeichnis:
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