Kranke Menschen in einer kranken Gesellschaft

Das Wirtschaftsleben findet heute hauptsächlich überregional oder sogar global statt. Lokale Gemeinschaften gibt es kaum noch. Die vielen lokalen Tante-Emma-Läden in den Straßen, die auch ältere Menschen zu Fuß erreichen konnten, sind wenigen großen Einkaufszentren gewichen. Die großen Parkplätze um die gigantischen Einkaufspalästen herum, zeigen deutlich, dass ein nicht unerheblicher Teil der Kundschaft weite Strecken zurücklegen muss, um die Märkte zu erreichen.
Viele kleine Elektroläden werden von großen Ketten verdrängt und die vielen Buchläden müssen wenigen Versandhändlern weichen, die den Markt beherrschen und die Waren von wenigen zentralen Versandzentren aus quer durchs Land schicken.
Bei dieser Entwicklung ändert sich auch die Struktur der Arbeitsplätze. Waren früher die Arbeitsplätze noch sehr verteilt und vor allem nahe bei den Wohnorten, müssen wir heutzutage oftmals lange Anfahrtswege zu den wenigen zentralen Bürokomplexen oder Verkaufsgeschäften der großen Konzerne in Kauf nehmen, die sich häufig dort befinden, wo die Mieten niedrig sind – also abseits der Stadtzentren. Und während früher die Kinder die Geschäfte der Eltern übernehmen konnten, müssen die Menschen heute quer durchs Land ziehen, um einen Arbeitsplatz anzunehmen, der von einem Mitarbeiter des Arbeitsamtes herausgesucht wurde. Und in einem Jahr steht vielleicht schon wieder ein Umzug an, weil man den Arbeitsplatz aufgrund von Umstrukturierungsmaßnahmen bei der Übernahme eines Konzerns durch einen noch größeren Konzern verloren hat.

Es ist keine Überraschung, dass in einer solchen Gesellschaft auch die familiären Strukturen zerbrechen. Während früher noch Kinder, Eltern und Großeltern zusammen gelebt haben, dominieren heute die Single-Haushalte.
Zudem haben sich die Rollen verändert. Nach dem heutigen Verständnis haben nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen einer Arbeit nachzugehen, am besten einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung bei einem großen Konzern mit besten Karrierechancen.
Da ist dann niemand mehr in der Familie, der sich um die Kinder kümmern könnte. Die Kleinen werden so schnell wie möglich in Kindergärten abgeschoben, so dass beide Elternteile wieder acht, neun oder zehn Stunden am Tag für das Wirtschaftswachtum arbeiten können.

Was aber, wenn ein Kind krank wird, gesundgepflegt werden muss und auch nicht mehr in den Kindergarten darf, bis es wieder genesen ist? Beide Eltern müssen arbeiten und die Großeltern leben weit entfernt.
Im Prinzip bleibt nur die Möglichkeit, dass die Mutter oder der Vater nicht zur Arbeit geht und sich um das Kind kümmert. Wenn man dafür aber seinen Urlaub aufbraucht, kann der Urlaub nicht zur Erholung genutzt werden, was frustrierend ist und irgendwann zu einer verminderten Leistungsfähigkeit bis hin zum Burn-Out führen kann. Wenn die Kinder krank sind, werden sich also auch die Eltern krank melden, um ihren Nachwuchs versorgen zu können. Dadurch entstehen den Unternehmen natürlich wirtschaftliche Schäden und die Eltern riskieren bei häufigen Fehlzeiten sogar eine Kündigung. Wer nicht gewinnbringend arbeitet, wird ersetzt. Aber durch wen könnten die Konzerne die häufig fehlenden Mitarbeiter eigentlich ersetzen? Es sind doch alle Menschen von der Zerstörung der Familien und dem immensen Konkurrenzdruck durch die Gloabalisierung betroffen. Konzerne haben durch ihre Lobbyisten mit Deckung der Politiker eine Welt geschaffen, in der sie die Renditen immer weiter erhöhen können. Die Mitarbeiter reisen auf eigene Kosten über weite Strecken zu den zentralen Arbeitsplätzen. Hochwertige Nahrung weicht ungesunden industriell gefertigten und zunehmend gentechnisch manipulierten Fertigprodukten. Handarbeit wird durch Billigschund aus Fernost ersetzt. An jeder Supermarktkasse wird man von den abartigen Produkten der Tabakindustrie zum Kauf verführt.
Wir verbringen viel Zeit im Straßenverkehr, um zum Arbeitsplatz zu kommen. Dabei atmen wir die durch Abgase verseuchte Luft ein. Wir ernähren uns ungesund, weil die Konzerne durch den Verkauf von minderwertigen Lebensmitteln in bunten Packungen die größten Gewinne einfahren und solche Produkte somit in großen Mengen in die Supermarktregale liefern. Wir rauchen Zigaretten und trinken Alkohol, weil die Produzenten uns mit Blick auf die Gewinne dazu verführen. Bei dieser ungesunden Lebensweise können sich auch gleich die Manager der Pharmakonzerne gierig die Hände reiben. Die Familien sind zerstört, weil wir dorthin ziehen müssen, wo uns ein Arbeitsplatz angeboten wird und nicht an dem Ort bleiben können, wo wir aufgewachsen sind.

Da stellt sich die Frage: wie findet ein Arbeitgeber in einer auf Wirtschaftswachstum ausgerichteten Gesellschaft überhaupt noch einen Mitarbeiter, der noch bei guter Gesundheit ist? Der nicht durch Junkfood, Zigaretten, Alkohol und Medikamente geschwächt ist und zudem in einem sozialen Umfeld wohnt, in dem bei Bedarf auch mal die Großeltern die Kinderbetreuung übernehmen könnten?

Das dürfte nur schwer möglich sein. Ein Unternehmer kann also leicht einen Mitarbeiter rauswerfen, der häufiger aufgrund von Krankheit fehlt oder sich um seine Kinder kümmern muss. Aber der nächsten Mitarbeiter, den er einstellen wird, hat gewiss die gleichen Probleme. Auch er wird sich von minderwertigen Füllstoffen aus dem Supermarkt ernähren, vielleicht rauchen und Alkohol trinken. Möglicherweise wird auch er Kinder haben, um die sich sonst niemand kümmern kann, weil der Ehepartner ebenfalls arbeiten geht und die übrige Familie weit entfernt lebt.

Die Fehlzeiten der Mitarbeiter sind ein Preis, den die Konzerne für ihr streben nach immer mehr Wachstum und immer größeren Renditen zahlen müssen. Die Geschäftsprozesse können nicht grenzenlos optimiert werden. Spätestens wenn die Optimierungen die Gesundheit der Menschen und die sozialen Strukturen zerstören, werden auch die Nachteile deutlich sichtbar. Irgendwann können die Menschen nicht mehr zum Arbeitsplatz kommen. Entweder weil sie selbst krank geworden sind, oder weil sie sich um Angehörige kümmern müssen. Damit müssen die Arbeitgeber leben. Oder sie bringen die Arbeit zu ihren Mitarbeitern, die zu Hause bleiben. Die modernen Kommunikationstechniken ermöglichen es, dass viele Arbeiten auch vom heimischen Sofa aus erledigt werden können. Um Telefonate zu führen, E-Mails zu beantworten oder einen Text zu schreiben muss man gewöhnlich nicht in einem Büro sitzen. So kann die Ressource „Mitarbeiter“ noch ein wenig mehr ausgebeutet werden. Aber der Preis wird hoch sein.

Eine Antwort auf „Kranke Menschen in einer kranken Gesellschaft“

  1. „Leider“ auf den Punkt gebracht…

    Ziemlich traurig, dass sich heute nur noch alles um das ach so tolle Geld dreht.

    Kranke Gesellschaft!

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