Keine Steuern für Gewalt?

Für den deutschen Computerspielepreis musste in der Kategorie „Internetionales Spiel“ das Computerspiel Anno 1404 kurzfristig nachnominiert werden. Der Grund dafür war ein Streit: Die Fach-Jury, hatte drei Spiele vorgeschlagen, die bei der Haupt-Jury allesamt durchgefallen sind. Die Begründung der Haupt-Jury, die unter anderem mit Politikern besetzt ist, war, dass ein mit Steuergeldern finanzierter Preis nicht an ein Spiel gehen, in dem Gewalt vor kommt.[1]

Aha.

Aber Steuergelder verwenden, um Panzer und Soldaten nach Afghanistan schicken, die dort gewaltsam und ganz real Menschen töten und die Umwelt zerstören, das ist in Ordnung? Mit Steuergeldern finanzierte Kriegs-U-Boote als Geschenke an Israel sind auch in Ordnung? Wo sind diese Politiker, die große Töne spucken, wenn es nur um virtuelle Spiele geht, wenn dann tatsächlich ganz real Menschen zu Tode kommen?
Wie wäre es mit dem Ziel: Keine Steuergelder für Ausstellungen, in denen Gewalt vorkommt? Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden, das Luftwaffenmuseum der Bundeswehr in Berlin-Gatow oder die Wehrtechnische Studiensammlung in Koblenz, die dem Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung organisatorisch zugeordnet ist, könnten dann auch geschlossen werden. Dies allerdings wäre etwas bedauerlich, da dann interessante Zeugnisse der Zeitgeschichte – die leider nun mal von Gewalt geprägt ist – verloren gingen und nicht mehr als Mahnung dienen könnten.


UPDATE (02.05.2010): Anmerkung bezüglich des Kommentars von Skeptiker, am 2. Mai um 12:45 Uhr:

Es scheint mir als hätten nicht alle Politiker die gleiche homogene Meinung, manche wollen also keine Gewalt (hier in Form von Spielen) Fördern. Klingt doch gut, oder? Schade, dass die gleichen Leute anscheinend nicht Verteidigungsminister sind.

Gewiss gibt es Politiker, die sich für eine gute Sache einsetzen, während andere nur daran denken, wie sich sich selbst bereichern können. Allerdings werden hier politische Scheingefechte auf unwichtigen Schauplätzen ausgetragen, während an anderer Stelle weitgehend unbemerkt Menschen durch ganz reale Handlungen tatsächlich zu Schaden kommen.

Zumindest zwei der drei Politiker in der Jury, Monika Griefahn und Thomas Jarzombek sprechen sich auf den ersten Blick sogar tatsächlich gegen beispielsweise den Krieg in Afghanistan aus.

3 von 35 Jurymitgliedern sind Politiker die nichts mit Afghanistan zu tun haben aber du findest trotzdem einen Zusammenhang? Interessant…

Dennoch haben auch diese beiden sehr wohl etwas mit dem Krieg zu tun. Manche mehr, andere weniger.

So sprach sich Monika Griefahn (Mitglied des Bundestages; Mitglied im Ausschuss für Kultur und Medien; Sprecherin der SPD-Fraktion für Kultur und Medien)[2] bei einer Abstimmung am 02.07.2009 für einen AWACS-Einsatz in Afghanistan zum Schutz der dortigen Soldaten aus.[3][4] Ihrer Meinung nach sollen die Auslandseinsätze der Bundeswehr „eher nicht“ gestoppt werden, aber immerhin ist sie dafür, den Militärhaushalt zu veringern, sofern keine Hilfseinsätze davon betroffen sind.[5]

Thomas Jarzombek (Mitglied des Landtags Nordrhein-Westfalen und Beauftragter der CDU-Landtagsfraktion für Neue Medien; Medienpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion)[2] ist gerne vorne mit dabei, wenn es um die Verlängerung von militärischen Einsätzen im Ausland geht. So stimmte er nicht nur der Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes zu[6][7], sondern stimmte auch für einen Bundeswehreinsatz in Bosnien Herzegowina[8].

Sowohl Griefahn, als auch Jarzombek unterstützen militärische Einsätze nur, wenn sie als Hilfseinsätze zu verstehen sind. Dies ist sicher in Ordnung und widerspricht nicht ihrer Haltung, Computerspielen gegenüber. Allerdings sind diese Einsätze gewöhnlich nicht humanitärer Natur, wie beispielsweise Christoph Hörstel (zugegebenermaßen nicht ganz unumstrittener Journalist und Politikberater) aufzeigt:

Der Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan wird immer riskanter. Schuld daran ist eine Politik, die mit militärischen Mitteln vorgeblich Frieden in das Land am Hindukusch bringen will – und die Lage doch nur immer mehr verschärft. Die wahren Motive des Nato-Einsatzes werden verschwiegen: Es geht um Rohstoffe, um den Bau von Pipelines und nicht zuletzt um strategische Vorteile gegenüber dem Iran und China. So wird Terror nicht bekämpft, sondern erzeugt. Christoph R. Hörstel, einer der besten Kenner des Landes, deckt die Hintergründe des militärischen Engagements der USA und ihrer willigen Helfer auf und sagt im Detail, was geschehen muss, um dem seit Jahrzehnten von Krieg und Gewalt heimgesuchten Land endlich Frieden zu bringen.[9]

Quelle: Christoph R. Hörstel; Sprengsatz Afghanistan; Klappentext

Link: Afghanistan - Lügen


Folglich unterstützen beide Politiker – möglicherweise aus Unwissenheit – Einsätze, die tatsächlich machtstrategischen Interessen dienen. Seitens der Bevölkerung gibt es scheinbar keine breite Mehrheit für den Krieg, ganz im Gegenteil: Die Unterstützung der Öffentlichkeit sinkt und der Druck auf die Politiker wächst. Sie müssen sich immer neue Begründungen einfallen lassen, um die Kriegseinsätze zu legitimieren.[10][11][12][13]

Bemerkenswert ist, dass lediglich die Linken immer wieder mit plausiblen Begründungen weitgehend geschlossen gegen diese Einsätze stimmten.


Kommen wir nun zu Dorothee Bär (Mitglied des Bundestages; Mitglied im Ausschuss für Kultur und Medien; Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion im Unterausschuss Neue Medien)[2], drittes Mitglied der Jury aus politischen Kreisen. Auch sie unterstützte den Einsatz von AWACS-Flugzeugen in Afghanistan.[14][15]
Aber das nur am Rande. Einer Pressemitteilung vom 12. März 2009 bezüglich eines informellen Abendessens der Bertelsmann-Stiftung zur Folge, sprach Dorothee Bär mit dem Friedensnobellpreisträger Dr. Henry A. Kissinger über die Zukunft der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Dabei ging es um die globale Finanzkrise, als auch um den Krieg in Afghanistan.[16]

„Ich versicherte Dr. Kissinger, dass Europa die Vereinigten Staaten nicht als Gegengewicht, sondern als Partner sieht,“ unterstreicht die Bundestagsabgeordnete. „Besonders jetzt in Zeiten der Finanzkrise und angesichts des Krieges in Afghanistan muss die transatlantische Gemeinschaft auf einem festen Fundament gemeinsamer Werte gegründet sein.“[16]

Quelle: Dorothee Bär, Pressemitteilung, 12.03.2009

Zur Erinnerung: Der Friedensnobelpreisträger Kissinger ist der Mann, der als nationaler Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten Nixon zur Eskalation des Krieges in Kambodscha beitrug indem er das Flächenbombardement gegen Vietcong-Stützpunkte befohlen hatte, bei dem unzählige Zivilisten getötet wurden.[17][18][19][20] Der Journalist Christopher Hitchens fordert, Henry Kissinger als Kriegsverbrecher vor Gericht zu stellen. Gleichzeitig versucht eine Gruppe von Juristen, den Fall Kissinger wegen Massenmord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen nicht nur in Kambodscha, sondern auch im Vietnam, in Bangladesh, in Chile und in Osttimor vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu bringen.[21][22][23]

Ein solcher Umgang trägt für eine Gegnerin von Gewaltspielen nicht unbedingt zur Glaubwürdigkeit bei.

Veranstaltet wurde das Abendessen von der Bertelsmann-Stiftung, eine der mächtigsten Denkfabriken im Land, die das Ziel verfolgt, wesentliche Bereiche der Gesellschaft betriebswirtschaftlichen Modellen und Motivationstechniken zu unterwerfen.[24] Kurzum: Wenn es nach dieser Stiftung geht, sollte das Land geführt werden, wie ein Wirtschaftsunternehmen.

Die soziale Umverteilung von unten nach oben wie Hartz IV, die Gesundheitsreform, die Einführung von Studiengebühren und Studienkonten, Abwälzung gesellschaftlicher Kosten auf die Einzelnen, Unterstützung von undemokratischen kostenträchtigen Privatisierungsvorgängen sind von der Bertelsmann-Stiftung mitentwickelt worden. Ebenso greift das Bertelsmann-Institut Centrum für angewandte Politikforschung (CAP) mit Vorschlägen zur verstärkten Militarisierung und geostrategischen Ausrichtung der deutschen und europäischen Außenpolitik in die internationale Politik ein.“ (aus dem „Aufruf gegen Bertelsmann“, Frankfurt Oktober 2007)[25]

Quelle: bertelsmannkritik.de

Die Interessen der Bertelsmann-Stiftung sind wahrlich nicht auf ein harmonisches, gewaltfreise miteinander ausgerichtet:

Bertelsmann-Stiftung und Bertelsmann AG pflegen seit Jahrzehnten den direkten Draht zur europäischen Spitzenpolitik. Ihre Agenda: 1. Die EU soll ihren Status als wirtschaftliche Weltmacht ausbauen und auf allen Kontinenten den ungehemmten Marktzugang für europäische Konzerne erzwingen. 2. Die EU soll zur politischen und militärischen Weltmacht aufsteigen, um ihre ökonomischen Interessen mit außenpolitischen wie militärischen Mitteln absichern zu können. 3. Der Umbau der EU zur Weltmacht erobert nicht nur neue Märkte für das mediale Kerngeschäft der Bertelsmann AG.[26]

Quelle: bertelsmannkritik.de

Um ein besseres Verständnis von den imperialen und rücksichtslosen Interessen des Konzerns aus Gütersloh (der sich selbst als gemeinnützig ausgibt) zu bekommen, empfiehlt es sich, den Artikel Machtprojektion im globalen Umfeld – Die Bertelsmann-Stiftung und ihre europäischen Weltmachtpläne zu lesen!

Fassen wir zusammen: Dorothee Bär versichert bei einem Abendessen, das von einer Stiftung veranstaltet wird, die bewaffnete Konflikte auf politischer Ebene aktiv vorantreibt, einem Mann, der so manches Verbrechen zu verantworten hat, dass sie die USA als Partner sieht. In Zeiten des Krieges in Afghanistan plädiert sie besonders für ein gemeinsames, festes Fundament zwischen Europa und den vereinigten Staaten von Amerika. Ein gemeinsames Fundament mit der USA, die kaum einen Krieg auslässt, um ihre geopolitischen interessen durchzusetzen und zu festigen. Ein gemeinsames Fundament mit der USA, die radioaktiv strahlende Munition in Afghanistan verschießt und weite Teile des Landes auf lange Zeit verseucht? Wer möchte mit solchen Mächten ein gemeinsames Fundament haben? Welcher Mensch, der ernsthaft gegen Gewalt ist, möchte ein gemeinsames Fundament, das offensichtlich nur auf Rücksichtslosigkeit, Ausbeutung und Zerstörung basiert?

Monika Griefahn und Thomas Jarzombek scheinen tatsächlich ein Interesse daran zu haben, der Gewalt Einhalt zu gebieten. Sie unterstützen die Kriege zwar, aber lediglich in dem (Irr?-)glauben, die militärischen Einsätze dienen einer guten Sache.
Bei Dorothee Bär ist es schwer anzunehmen, dass ihr tatsächlich ernsthaft an einem friedlichen Miteinander gelegen ist. Zu offen steht sie auf der Seite der größten Kriegstreiber der Geschichte und bekennt sich zu deren „Werten“.


Weiterführende Informationen:
Die Jury
Teilnahmebedingungen


Literaturverzeichnis:
[1]
Deutscher Computerspielepreis: Harmlos und bunt; http://www.spiegel.de/video/video-1062927.html; 30.04.2010
[2]
Jury des Computerspielepreises 2010; http://www.deutschercomputerspielpreis.de/11.0.html
[6]
?
[7]
Bundeswehr noch 2010 aus Afghanistan abziehen!; http://dokumente.linksfraktion.net/pdfdownloads/7769258675.pdf
[8]
?
[9]
?
[10]
Deutschland kämpft mit dem Krieg; Veit Medick, Severin Weiland; http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,689243,00.html; 15.04.2010
[11]
Sechs Gründe für den Abzug; Ulrich Ladurner; http://blog.zeit.de/ladurnerulrich/2010/04/27/sechs-grunde-fur-den-abzuf/; 27.04.2010
[12]
Afghanistan - Krieg: Bringt die Jungs heim; http://www.mitwelt.org/afghanistan-krieg-tornados.html; 21.4.2010
[13]
Der Bumerang – Thesen zu einem sinnlosen Krieg; Jürgen Todenhöfer; http://www.faz.net/s/Rub0CCA23BC3D3C4C78914F85BED3B53F3C/Doc~EB46CEAB4B922427989222E556D503EEE~ATpl~Ecommon~Scontent.html; 05.01.2010
[14]
?
[16]
Franken, die Geschichte schreiben: Dorothee Bär, MdB, trifft Dr. Henry A. Kissinger; http://www.dorothee-baer.de/images/stories/presseberichte/pm%20dr%20kissinger.pdf; 12.03.2009
[17]
Kissinger bekam ihn, Gandhi nicht; Carsten Volkery; http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,442291,00.html; 13.10.2006
[18]
Preisträger 2005: Seymour Hersh; http://www.leipziger-medienstiftung.de/2005/03/01/seymour-hersh/; 01.03.2005
[19]
Verwirrt von den eigenen Maßstäben ; Kurt Kister; http://www.sueddeutsche.de/politik/147/490523/text/; 10.10.2009
[22]
Preis für Kriegsverbrecher Kissinger; Claus Schreer, Manfred Mularzyk; http://www.sicherheitskonferenz.de/en/Kriegsverbrecher-Kissinger; 13.02.2009
[24]
Anti-Bertelsmann ; http://www.anti-bertelsmann.de/

Eine Antwort auf „Keine Steuern für Gewalt?“

  1. Es scheint mir als hätten nicht alle Politiker die gleiche homogene Meinung, manche wollen also keine Gewalt (hier in Form von Spielen) Fördern. Klingt doch gut, oder? Schade, dass die gleichen Leute anscheinend nicht Verteidigungsminister sind.

    In der Jury sitzen 3 MdBs, alles medienpolitische Sprechen o.ä. Warum sollten die die gleichen Ansichten haben wie das Verteidigungsministerium? Uns selbst wenn, könnten sie von anderen 32 Jurymitgliedern überstimmt werden.

    Nochmal: „Die Begründung der Haupt-Jury, die unter anderem mit Politikern besetzt ist, war, dass ein mit Steuergeldern finanzierter Preis nicht an ein Spiel gehen, in dem Gewalt vor kommt.“ „Aber Steuergelder verwenden, um Panzer und Soldaten nach Afghanistan schicken, die dort gewaltsam und ganz real Menschen töten und die Umwelt zerstören, das ist in Ordnung?“

    3 von 35 Jurymitgliedern sind Politiker die nichts mit Afghanistan zu tun haben aber du findest trotzdem einen Zusammenhang? Interessant…

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