Grüß Gott, Bankkunde

Hin und wieder gibt es im Leben Momente, die überaus grotesk wirken. Das ist beispielsweise der Fall, wenn man eine Bank betritt und ein Christuskreuz sieht, das an der Wand hinter den Finanzproduktverkäufern aufgehängt ist.

Verwunderlich ist es auch, wenn man auf der Homepage mit „Grüß Gott“, der Verkürzung von „Grüß[e] dich Gott“, angesprochen wird.

Grüß Gott, Bankkunde

Die Verantwortlichen der Bank scheinen sich den christlichen Lehren zutiefst verpflichtet zu fühlen.

Das verwunderliche an der Sache ist, dass christliche Grundsätze im heutigen Finanzsystem eigentlich keinen Platz haben. Zum Grundgeschäft von Banken gehört beispielsweise das Einnehmen von Zinsen auf verliehenes Geld, welches bei der Kreditvergabe durch die Bank mitunter aus „dem Nichts“ geschöpft wurde. So wird bei einem Kontoprodukt der Bank der Sollzinssatz für einen Dispositionskredit mit 11,67 % angegeben.
Das Zins- und Zinseszinssystem sorgt jedoch dafür, das diejenigen, die bereits viel Geld haben, durch die Zinszahlungen immer mehr erhalten, während die Menschen, die wenig Geld haben und sich für eine Investition Geld leihen müssen am Ende mehr Geld zurückzuzahlen müssen, als sie erhalten haben. Und auch diejenigen, die persönlich keine Schulden haben, müssen über die Steuern die Zinsen der Staatsschulden und über die Produktpreise die Zinsverpflichtungen der Rohstofflieferanten, Hersteller, Transportunternehmen und Verkäufer bezahlen. Bei den meisten Menschen werden die Zinszahlungen höher als die Zinsgewinne sein. Nur die reichsten Menschen erhalten mehr Zinsen, als sie selbst bezahlen müssen. Folglich werden die Reichen automatisch immer reicher und die Armen werden selbstverständlich immer ärmer. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander, was zu gänzlich unchristlichen sozialen Spannungen führt.
Auch wenn in der Bibel viel verabscheuenswert Gewalttätiges gegen Menschen und andere Tiere niedergeschrieben steht, so ist es doch ein Buch, in dem versucht wurde, Regeln für eine funktionierende Gesellschaft zusammenzustellen. Eine Gesellschaft, in der die Vermögensverteilung immer ungleicher wird, kann natürlich nicht dauerhaft funktionieren. Es überrascht also nicht unbedingt, das in der Bibel einige ablehnende Bemerkungen zum Eintreiben von Zinsen (Wucher) zu finden sind:

Wenn du Geld verleihst an einen aus meinem Volk, an einen Armen neben dir, so sollst du an ihm nicht wie ein Wucherer handeln; du sollst keinerlei Zinsen von ihm nehmen.
2Mo 22,24

und du sollst nicht Zinsen von ihm nehmen noch Aufschlag, sondern sollst dich vor deinem Gott fürchten, dass dein Bruder neben dir leben könne.
3Mo 25,36

Denn du sollst ihm dein Geld nicht auf Zinsen leihen noch Speise geben gegen Aufschlag.
3Mo 25,37

Du sollst von deinem Bruder nicht Zinsen nehmen, weder für Geld noch für Speise noch für alles, wofür man Zinsen nehmen kann.
5Mo 23,20

wer sein Geld nicht auf Zinsen gibt / und nimmt nicht Geschenke wider den Unschuldigen. Wer das tut, wird nimmermehr wanken.
Ps 15,5

Er leiht nicht gegen Zins und treibt keinen Wucher.
Ezechiel 18,8

Angenommen aber, er zeugt einen Sohn, der gewalttätig wird, [..] der gegen Zins leiht und Wucher treibt – soll der am Leben bleiben? Er soll nicht am Leben bleiben. Er hat all diese Gräueltaten verübt, darum muß er sterben. Er ist selbst schuld an seinem Tod.
Ezechiel 18,10

Bei diesen deutlichen Aussagen in der christlichen Bibel zum Kerngeschäft einer Bank, ist es doch wirklich sonderbar, dass die Bank so viel Wert auf christliche Symbole und Redewendungen legt, oder?