Functional Food

Wir Menschen werden nicht artgerecht gehalten. Der Mensch ist ursprünglich darauf ausgelegt, viele Stunden am Tag Beeren und Kräuter zu sammeln. Manch einer würde hier noch aufzählen, dass die Jagd ebenfalls zu den ureigensten Tätigkeiten der Menschheit gehört, aber wenn wir uns einmal anschauen, werden wir feststellen, dass wir dazu überhaupt nicht die körperliche Ausstattung haben. Wir können nicht so schnell sprinten, wie es ein Raubtier kann. Wir haben keine Krallen, um die Beute zu packen. Wir haben keine Reißzähne, um Fleisch zu zerschneiden, sondern Backenzähne um pflanzliche Nahrung zu zermahlen.
Wie dem auch sei, Menschen sind dafür gemacht, bei Sonnenschein viele Stunden am Tag durch die Wälder zu streifen und Nahrung zu finden. Das tun wir aber gewöhnlich nicht. Viele von uns sitzen acht bis zehn Stunden am Tag unter Kunstlicht auf einem Drehstuhl am Schreibtisch und hacken auf einer Tastatur herum. Andere sitzen stundenlang am Lenkrad eines Lastkraftwagens, um Plastikschrott aus China in die Regale der Läden zu karren. Oder sie fahren das Essen, das die Menschen früher einmal in ihrer Umgebung sammelten, aus einem Gewächshaus in Spanien über tausende Kilometer in die Läden. Dort können wir es dann bequem und schnell einsammeln.
Diese Entwicklung hat durchaus ihre Vorteile, aber sie hat auch gravierende Nachteile. Wir müssen uns kaum noch bewegen, bekommen aber dennoch ganz leicht Unmengen an Essen auf den Tisch. Eine Mischung, die der Gesundheit nicht zuträglich ist.
Zudem ist es ein Mensch in unserer Gesellschaft, der am Herd steht und die Familie mit hochwertigem Essen versorgt, so wie es noch zu Zeiten der Großeltern der Fall war, mittlerweile leider nicht mehr angesehen. Ansehen genießt nur der, der einer mindestens achtstündigen Steuerpflichtigen Beschäftigung nachgeht, um die Zinsen der Superreichen zu erwirtschaften. Eine Person, die die Familie versorgt und dadurch kein Einkommen „generieren“ kann, wird belächelt. Eine Person, die mit einem Catering-Service Fremde versorgt und dadurch Einkommen „generieren“ kann, mit dem sie dann Tiefkühlpizza kaufen kann, die sie den Kindern Abends aufwärmt, ist angesehen. Also möchten sich alle lieber um Fremde kümmern, als um die eigene Familie. Bescheuert, oder?
„Tiefkühlpizza“ ist hier das Stichwort. Wenn wir keine Zeit mehr haben, um für uns selbst zu sorgen, dann übernehmen das gerne andere, natürlich nur gegen ein Entgelt. Diese „anderen“, das ist mittlerweile eine unvorstellbar große Industrie, deren Aufgabe es ist, gut aussehende und schmackhafte künstliche Gerichte maschinell zu produzieren, die dann vom Konsumenten nur noch aufgewärmt werden müssen. Natürlich ist es Ziel der Lebensmittelindustrie, möglichst hohe Gewinne zu erwirtschaften. Dazu müssen die künstlichen Lebensmittel billig hergestellt und in großen Mengen teuer verkauft werden. So wundert es nicht, dass die Inhaltsstoffe immer minderwertiger und ungesünder werden. Fett als Geschmacksträger und Zucker als Suchtmittel sind aus den heutigen Lebensmitteln nicht mehr wegzudenken. Das ist billig und kurbelt den Absatz an. Von daher sollte man auch eher von „Füllstoffen“ als von „Lebensmitteln“ reden, denn diese Produkte sind weniger ein Mittel zum Leben, sondern dienen mehr dazu, den Magen zu füllen.
Allerdings möchten die Menschen doch irgendwie einigermaßen gesund leben. Kaputte Knie durch Übergewicht und Herzverfettung werden nur die wenigsten als erstrebenswert ansehen. Aber für die Zubereitung von gesundem Essen ist, wie wir gesehen haben, ja keine Zeit. Da wundert es nicht, dass auch hier die Fertiggerichte-Industrie einspringt. Ja, das sind die gleichen (Un-)Verantwortlichen, die uns bislang hemmungslos ungesunde Füllstoffe verkauften, um reich zu werden. Jetzt überfluten sie die Supermarktregale mit „Functional Food“. Dabei handelt es sich um Essen, das mit zusätzlichen Inhaltsstoffen angereichert wurde, die angeblich eine positive Wirkung auf unsere Gesundheit haben. Doch auch diese auf den ersten Blick gesunden Produkte, sind voll mit Zucker und Fett. Eigentlich ein Widerspruch in sich. Ließt man sich die Inhaltsangaben auf den Packungen durch (die nicht unbedingt vollständig sein müssen), dann zeigt sich bei vielen Produkten sehr schnell, wie ungesund das vordergründig gesunde Füllmittel in Wirklichkeit doch ist. Wichtig auf den Packungen ist meistens nicht das, was groß und bunt abgebildet ist, sondern das, was im Kleingedruckten steht. Beim nächsten Einkauf kann es nicht schaden, hier etwas genauer hinzuschauen und die Versprechen der Industrie kritisch zu hinterfragen.