Exponentielles Wachstum im Geldsystem und bei der Atomenergiegewinnung

In den Allgemeinen Bedingungen einer Hausratsversicherung aus dem Jahr 1967 ist zu lesen, dass der Versicherer nicht für Schäden haftet, die durch Kernenergie verursacht wurden. Falls der Beweis für das Vorliegen eines Schadens durch Kernenergie nicht zu erbringen ist, dann genügt für den Ausschluss der Haftung des Versicherers, die überwiegende Wahrscheinlichkeit, dass der Schaden auf diese Ursache zurückzuführen ist.
Das Kernenergie nicht versicherbar ist, erfährt man leider immer nur im Kleingedruckten … und das ist offensichtlich schon seit vielen Jahrzehnten so. Das verkaufsfördernde Marktgeschreie der Politiker und Lobbyisten übertönt seit jeher die Mahnungen und Warnungen immer wieder.

Leider erzwingt ein auf Zins und Zinseszins aufbauendes Geldsystem ein grenzenloses exponentielles Wachstum. Die Zinsen können nämlich nur dann Jahr für Jahr zuverlässig bezahlt werden, wenn zusätzliches Geld in Umlauf kommt. Dies geschieht jedoch nur in Form der Geldschöpfung durch Geschäfts- und Zentralbanken bei der Kreditvergabe. Wenn jedoch jemand einen Kredit aufnimmt, muss er sich in dem Moment verschulden, weshalb man auch von einem Schuldgeldsystem spricht. Da spielt eine Bank natürlich nur mit, wenn man als Kreditnehmer (Schuldner) genug Sicherheiten bieten kann. Eine Immobilie ist bei Banken durchaus eine gern gesehene dingliche Sicherung. Oder die Aussicht auf steigende Renditen durch die produzierten Waren in einer mit dem Kredit neu gebaute Fabrikhalle.
Wie auch immer, die Wirtschaft muss im gleichen Maße steigen, wie die Schulden und die Schulden steigen automatisch durch das Zinseszins-Schneeballsystem. Wirtschaftswachstum, wie es auch von den Politikdarstellern immer wieder gebetsmühlenartig gefordert wird, kann aber nur gewährleistet werden, wenn dafür genügend Energie und Rohstoffe zur Verfügung stehen.
Wenn wir nicht seit Jahrzehnten den Zwang zum ständigen Wachstum für den Erhalt des Geldsystems hätten, könnten wir mit einem geringeren Produktionsumfang besser leben als es derzeit der Fall ist. Dann könnte man wieder langlebigere Produkte entwickeln, die repariert anstatt weggeworfen werden und ein großer Teil der Arbeit, die wir heute verrichten ist eigentlich sinnlos und es könnte problemlos darauf verzichtet werden. Ein großer Teil der Arbeit dient nur der Generierung von Wachstum. Wie viel Verkehr würde man wohl einsparen, wenn die Menschen nur noch fünf oder zehn Stunden pro Woche arbeiten gehen müssten? Wie viel Sprit würde man weniger brauchen? Wie viel Verschleiß der Fahrzeuge und der Infrastruktur würde wegfallen? Auf wie viel Straßenfläche könnte man verzichten?

Wenn wir ein sinnvolles Finanz- und Wirtschaftssystem hätten, könnte der Energie- und Ressourcenverbrauch enorm reduziert anstatt immer weiter gesteigert werden. Ohne Zinsen entfällt der Zwang zum Wachstum und die Wirtschaft könnte wieder auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen angepasst werden. Wir müssten uns nicht jedes Jahr darüber Gedanken machen, wo man noch ein Kraftwerk bauen kann und ob es besser ein Atomkraftwerk, ein Gaskraftwerk, ein Wasserkraftwerk oder ein Windkraftwerk sein soll.
Da wir in der Wirtschaft ein zuverlässiges ständiges Wachstum benötigen, müssen auch die Energiequellen zuverlässig mitspielen. Die Stromgewinnung auf Basis von Wind, Wasser und Sonne ist zumindest derzeit eigentlich zu unzuverlässig; zumal kaum Geld zur Verfügung steht, diese Techniken so auszubauen, dass auch hiermit die Versorgung gänzlich reibungslos klappt (was sicher möglich wäre). Bevor das Geld für die Entwicklung hochwertiger Technologien (wie etwa Energiespeicher) bei den normalen Arbeitern und Wissenschaftlern ankommt, haben es sich bereits die Aktionäre und die superreichen Zinsgewinner in die eigenen Taschen geschaufelt. Bevor irgend ein produktiver Mensch den Lohn für seine Arbeit erhält, muss er davon erst einmal einen nicht ganzt unerheblichen Teil zur Finanzierung des leistungslosen Spitzeneinkommens der unproduktiven (arbeitslosen) Finanzelite abführen. Warum? Weil den reichen Menschen das zusätzliche Geld in Form von Zinsen auf ihr bereits angehäuftes Vermögen nach den Gesetzen automatisch zusteht.
Man könnte etwas salopp sagen, dass die Gesellschaft sich verschulden muss, um zuerst die exponentiell wachsenden Zinsforderungen derer zu bedienen, die nichts für die Gesellschaft leisten. Was dann noch von dem geliehenen Geld übrig ist, kann für die Entwicklung neuer Technologiene genutzt werden. Dies führt uns in die unangenehme Lage, dass wir einerseits immer mehr Energie benötigen, um das geldsystembedingte exponentielle Wirtschaftswachstum gewährleisten zu können, auf der anderen Seite aber nur wenig Geld zur Verfügung steht, die Technologien zu entwickeln, mit denen dies einigermaße umweltverträglich möglich ist. Die kurzfristige und überaus kurzsichtige Lösung der Industrie ist die, dass einfach weiterhin Energiequellen ausgebeutet werden, für die die nötigen Technologien bereits entwickelt und erprobt sind. Und ganz wichtig: die Energiequellen müssen in kurzer Zeit zuverlässig sehr viel Strom liefern. Was ist also naheliegender, als weiterhin Atomenergie zu nutzen? Das ist zwar irsinnig gefährlich, aber es passt hervorragend zum Finanzsystem.

Man mag es kaum glauben, aber das Finanzsystem und die Kernspaltung funktionieren nach gleichen Grundsätzen. Zins und Zinsesins führen zu einer exponentiell wachsenden Verschuldung, was irgendwann in einer völligen Zerstörung endet, weshalb man versucht durch Globalisieurng, Bankenrettung, Umschuldung und so weiter noch etwas Zeit zu gewinnen. Das Finanzsystem ist ein typisches Schneeballsystem. Bei der Kernspaltung läuft ebenfalls ein exponentieller Prozess ab. Auch hier handelt es sich um ein Schneeballsystem. Wenn ein Atom durch Beschuss mit einem Neutron gespalten wird, werden zwei Neutronen frei, die dann zwei Kerne spalten. Dann vier, acht, …

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2097152
4194304
8388608
16777216
33554432
67108864
134217728
268435456
536870912
1073741824

Das ist exponentielles Wachstum. Zunächst ändert sich die Größe der Zahlen kam. Dann geht es aber irgendwann sehr rasant und nach gerade einmal 30 Verdopplungen wird aus 1 … 1.073.741.824. Über eine Milliarde! Nach jeder Verdopplung ist der erreichte Wert größer als die Summe der vorhergehenden Zahlen.
Die Sprengkraft exonentieller Funktionen wird deshalb üblicherweise unterschätzt. Änderungen sind zunächst kaum feststellbar und bis man merkt, was los ist, gehen die Werte ins Unendliche. Erschwerdend kommt hinzu, dass Menschen große Probleme damit haben, im Gebiet großer Zahlen richtige Schlussfolgerungen zu ziehen. So erscheint uns der Unterschied zwischen einer Billionen und einer Trillionen nicht sehr groß. Dabei ist die eine Zahl eine Million mal so groß, wie die andere.

Im Geldsystem und bei der Kernspaltung verläuft das anfängliche Wachstum erst langsam und fast unmerklich. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es mit einer Verdopplung in bestimmten Zeitabständen zu tun haben. Durch den exponentiellen Charakter geht es sowohl im Geldsystem, als auch bei der Kernspaltung ab einem bestimmten Punkt irrsinnig schnell. Die Zeiträume für eine Verdopplung sind lediglich unterschiedlich. Beim Geldsystem sprechen wir von Jahrzehnten, bei der Kernspaltung handelt es sich nur um Sekundenbruchteile. Nach diesem Prinzip, auf welches das Geldsystem aufgebaut ist, funktionieren somit auch Atombomben. In einem Atomkraftwerk versucht man natürlich die unkontrollierte Spaltung des gesamten Materials in nur kurzer Zeit zu verhindern. Während man beim Geldsystem versucht, die Kontrolle durch Umschuldung, Bankenrettung und ähnliche Maßnahmen zu erlangen, wird in Kernkraftwerken für diese Aufgabe ein sogenannter Moderator (zum Beispiel Graphit) eingesetzt, der die Spaltgeschwindigkeit bremst.

Es grenzt an Sarkasmus, wenn man bedenkt, dass die Menschheit nach Jahrtausenden der „Entwicklung“ es gerade so weit gebracht hat, dass sie versuchen muss, eine System, das aufgrund seines impliziten exponentiellen Wachstums dem Untergang geweiht ist (Finanzsystem), durch ein anderes System mit noch schnellerem exponentiellen Wachstum (Atomenergie) zu „retten“. Das Finanzsystem erzwingt exponentielles Wirtschaftswachstum. Wirtschaftswachstum braucht Energie und die kann man durch Kernspaltung (die ja passenderweise ihrerseits exponentiell abläuft) unabhängig von Tag und Nacht und unabhängig von den Witterungsbedingungen bekommen. Kurzfristig sind beide Systeme „billig“ und funktionieren auch. Langfristig sind beide Systeme unbezahlbar und enden in einer völligen Zerstörung von Natur und Umwelt.

So lange wir nicht unser gesamtes Finanz- und Wirtschaftssystem bedenken und durch ein besseres System ersetzen, wird sich nichts ändern. Wenn wir immer nur versuchen, die wachsenden Zwänge des jetzigen Systems durch wachsende Ausplünderung der Ressourcen zu decken, wird es weitergehen, wie bisher. Doch diesen Wettlauf können wir langfristig nicht gewinnen. Wir müssen daher den Zwang zum grenzenlosen exponentiellen Wachstum abstellen.
Hierfür benötigen wir zuerst eine Finanz- und Wirtschaftsumgebung, die es uns gestattet, nur noch das zu produzieren, was wir tatsächlich benötigen. Das System darf uns nicht zwingt, unnötige Tätigkeiten durchzuführen. Dann reduziert sich der Energieverbrauch enorm und wir sind vermutlich nicht mehr auf Atomenergie angewiesen. Zudem werden dann finanzielle Möglichkeiten frei, die Forschung zur alternativen Energiegewinnung noch besser voranzubringen, damit wir unzuverlässige Energiequellen trotzdem für eine zuverlässige Stromversorgung nutzen können.
Wenn wir also wollen, dass Atomkraftwerke zukünftig nicht mehr benötigt werden, müssen wir beim Finanzsystem ansetzen und eine Basis schaffen, die solch gefährliche Technologien einfach überflüssig macht. Ohne Atomkraftwerke werden irgendwann auch Klauseln in Versicherungsverträgen unnötig, die Versicherungsleistungen im Fall von Nuklearkatastrophen ausschließen.