Energiesparwahn und Dämmitis

In der Online-Ausgabe des Magazins FOCUS wurde ein Artikel mit dem Titel „Deutschland packt die Häuser ein“ zur energetischen Sanierung von Gebäuden veröffentlicht, in dem folgende Aussage zu lesen ist:

Deutschland ist im Energiesparwahn. Die „Dämmitis“ ist ausgebrochen.[1]

Quelle: FOCUS Online

An dieser Stelle lohnt es sich, inne zu halten und zwischen den Zeilen zu lesen. Denn neben der vordergründigen Botschaft „In Deutschland wird gedämmt“, steckt noch eine weitere Botschaft in dieser Zeile. Betrachten wir zunächst das Wort „Energiesparwahn“. Was versteht man unter Wahn?

Unter dem Begriff Wahn versteht man in der Psychiatrie eine inhaltliche Denkstörung. Der Wahn ist eine die Lebensführung behindernde Überzeugung, an der der Patient trotz der Unvereinbarkeit mit der objektiv nachprüfbaren Realität unbeirrt festhält. Er kann als eine Störung der Urteilsfähigkeit beschrieben werden.[2]

Quelle: Wikipedia

Und nun betrachten wir das Wort „Dämmitis“ genauer. Welche Bedeutung hat die Endung „-itis“?

Die griechische Endung -itis (älteres Griechisch -ίτις, neueres -ίτιδα, ítida) bezeichnet meist eine entzündliche Krankheit, wie
  • Adenitis – Drüsenentzündung
  • Alveolitis – Entzündung der Lungenbläschen
  • Angiitis – Gefäßentzündung
  • Arthritis – Gelenkentzündung
  • Appendizitis – Entzündung des Wurmfortsatzes des Blinddarms
  • Arteritis – Arterienentzündung
Scherzhafte Übertragungen beziehen sich auf Verhaltensweisen, die als unpassend (also gewissermaßen „krankhaft“) erlebt werden: Apostrophitis, Telefonitis, Rederitis, Featuritis.[3]

Quelle: Wikipedia

Der Artikel besagt also, dass zunehmend gedämmt wird, dies jedoch krankhaft sei. Damit sind die lichten Momente des Artikels aber leider schon aufgebraucht. Weiter heißt es dann:

Dämmstoffhersteller, Baumärkte und der Bund, der seine CO2-Bilanz verbessern will, werben gleichermaßen dafür, Immobilien in wohlig warme Hüllen einzupacken. [1]

Die Hier Aufgezählten Parteien haben alle ein finanzielles Interesse am Verkauf von Produkten zur Wärmedämmung, entweder um die Gewinne oder die Steuereinnahmen zu steigern. Kein Wunder also, dass sie für die Sanierung plädieren. Hierbei wird offensichtlich auch nicht vor der Verwundung irreführender, beziehungsweise falscher Begrifflichkeiten zurückgeschreckt. Die „wohlig warme Hülle“, die hier erwähnt wird, gibt es nicht. Bei einer Dämmung in Form einer Hülle, also bei einer Fassadenaußendämmung, ist der Außenbereich relativ kalt. Zum einen leiten die Dämmplatten die Wärme nur schlecht nach außen, was ja der Sinn der Dämmung ist, und zum anderen kühlen die Platten schnell ab. Das hat zur Folge, dass sich Kondenswasser an der Fassade bilden kann, welches dann aufgrund der niedrigen Temperaturen schlecht abtrocknet. Es sammelt sich im porösen Dämmstoff, der mit der Zeit durchfeuchtet. Anstatt einer wohlig warmen Wand hat man dann ganz schnell eine feucht-kalte Wand. Nasses Material dämmt nicht gut, wodurch die erhofften Einspareffekte verloren gehen, und zudem fühlen sich dann Schimmel und Algen auf und im Dämmstoff wohl. Diese versucht man mittels giftiger Chemikalien zu bekämpfen. Nach wenigen Jahren sind die Substanzen aber vom Regen ausgewaschen, schließlich müssen sie wasserlöslich sein, um von den Algen und Pilzen aufgenommen zu werden. Spätestens dann steigt das Risiko, dass die Wand doch besiedelt wird.
Bei der Haltbarkeit wird im Idealfall mit 25 bis 30 Jahren gerechnet. Aufgrund der oben beschriebenen Probleme, wird die Haltbarkeit aber deutlich darunter liegen. Dann muss der Verbund aus unterschiedlichen verklebten und verdübelten Materialien entsorgt und eventuell durch eine neue Dämmung ersetzt werden. Das ist sehr teuer und die verbauten Stoffe sind zu einem großen Teil Sondermüll, für dessen Entsorgung in großem Umfang es derzeit noch nicht einmal tragfähige und ausreichend wirtschaftliche Konzepte gibt.
Sollte die Dämmung trotz der zugesetzten giftigen brandhämmenden Chemikalien doch einmal Feuer fangen, muss die Feuerwehr einen gefährlichen Fassadenbrand unter Kontrolle bringen, der sich rasant ausbreiten kann.
Die Kosten einer umfassenden Dämmmaßnahme (Fassade, Fenster, …) werden sich kaum amortisieren, wenn man Material und Arbeitskosten berücksichtigt und ebenfalls einkalkuliert, dass ein großer Teil der eingesetzten Materialien als giftiger Sondermüll nach relativ kurzer Zeit entsorgt werden muss. Selbst wenn man mit einer Fassadendämmung für 20.000 Euro 500 Euro im Jahr an Energiekosten einspart, dauert es 40 Jahre bis sich die Dämmung rechnet. Bis dahin sind vermutlich auch Kosten für den Abriss und die Entsorgung entstanden und die Zinsen die anfallen werden (nur wenige Menschen werden über solche Summen zur freien Verwendung verfügen) sind ebenfalls noch nicht berücksichtigt.
Laut Gesetz zur Einsparung von Energie in Gebäuden (Energieeinsparungsgesetz – EnEG), Paragraf 5 müssen die durch die Dämmung erzielten Energie-Einsparungen wirtschaftlich sein.[4] Paragraf 11 der Heizkosten-Verordnung regelt beispielhaft, dass eine Wirtschaftlichkeit nur bei der Amortisierung einer Investition innerhalb von zehn Jahren gegeben ist.[5] Die Überschlägige Abschätzung zeigt bereits sehr deutlich, dass mit weit mehr als zehn Jahren gerechnet werden muss, bis sich die Investition lohnt (eine Art Return on Investment), von Wirtschaftlichkeit kann also kaum eine Rede sein.

Dämmitis – Feuchte, Schimmel, Algen, Giftstoffe, Brandgefahr, Kosten – viele Symptome einer entzündlichen Krankheit.
Die umfassende Dämmung von Gebäuden ist in Anbetracht der vielen Nachteile überaus fragwürdig. Trotz der Unvereinbarkeit mit der objektiv nachprüfbaren Realität wird aber an der Dämmpraxis unbeirrt festgehalten. Man kann also tatsächlich von einem Wahn, einer Störung der Urteilsfähigkeit, sprechen.


Literaturverzeichnis:
[1]
Energieeffizient Sanieren: Deutschland packt die Häuser ein; Melanie Rübartsch; FOCUS; http://www.focus.de/immobilien/energiesparen/tid-28694/energieeffizient-sanieren-deutschland-packt-die-haeuser-ein_aid_884607.html; 19.12.2012
[2]
Wahn; Wikipedia; http://de.wikipedia.org/wiki/Wahn; 06.11.2012
[3]
-itis; Wikipedia; http://de.wikipedia.org/wiki/-itis; 28.10.2012
[4]
Gesetz zur Einsparung von Energie in Gebäuden (Energieeinsparungsgesetz - EnEG); http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/eneg/gesamt.pdf; 10.11.2001
[5]
Verordnung über die verbrauchsabhängige Abrechnung der Heiz- und Warmwasserkosten (Verordnung über Heizkostenabrechnung - Heizko; http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/heizkostenv/gesamt.pdf; 05.10.2009