Die untolerante tolerante Bundeskanzlerin

Man darf nicht sagen “ach das ist doch nicht so schlimm”. Hier ein bisschen was weggeschmissen, und dort einen angerempelt, hier mal auf den Bürgersteig gefahren und dort mal in der dritten Reihe geparkt. Immer so unter dem Motto “ist alles nicht so schlimm”. Ist alles nicht nach dem Gesetz und wer einmal Gesetzesübertretungen duldet, der kann anschließend nicht mehr begründen, warum es irgendwann schlimm wird und irgendwann nicht so schlimm ist. Deshalb: Null Toleranz bei innerer Sicherheit meine Damen und Herren!

Angela Merkel, CDU-Wahlkampf 2006 (Berlin-Steglitz, Kranoldplatz)

Klarer Worte von der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Verfehlungen – egal wie unbedeutend sie auch sein mögen – werden in diesem Land nicht toleriert. Doch offensichtlich gilt die harte Linie nur, wenn es sich bei dem Übeltäter um einen normalen Bürger handelt.
Das der „Diebstahl geistigen Eigentums“ kein Kavaliersdelikt ist, zeigt uns das kompromisslose Vorgehen der Musikindustrie, wenn es darum geht, Kinder und Jugendliche zu bestrafen, die unerlaubt Musik-Dateien getauscht haben. Wenn sich jedoch ein adeliger Politiker, beispielsweise Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg, im großen Stil die Gedanken anderer Menschen aneignet und als seine ausgibt, verstummen die harten Worte.
Plagiate in wissenschaftlichen Arbeiten sind überaus bedenklich. Vor allem, wenn man sich damit einen der höchsten Titel erschleichen möchte, die man in diesem Land erhalten kann. Um so überraschender ist es, wenn die knallharte Null-Toleranz-Kanzlerin in so einem Fall plötzlich jede erdenkliche Toleranz walten lässt. Eigentlich hätte sie zu Guttenberg unverzüglich vor die Tür setzen müssen um sich von dieser Tate zu distanzieren. Das tat sie aber nicht. Ganz im Gegenteil: Sie „habe [den] Rücktrittsgesuch schweren Herzens angenommen“[1]. Schweren Herzens? Sie duldet, ja erwartet also offensichtlich dieses zweifelhafte Vorgehen bei einem Politiker aus ihren Reihen. Dem normalen Bürger gesteht sie jedoch nicht einmal einen kleinen Rempler zu. Einfach dreist.

Das der ehemalige Verteidigungsminister … Kriegsminister den Titel zurückgegeben hat und nun von seinem Amt zurück trat ist das mindeste. So glimpflich würde aber ein normaler Bürge(r) dieses Landes gewiss nicht davon kommen. Das wäre so, als müsste ein Taschendieb, der erwischt wurde, seine Beute einfach nur zurückgeben – sofern er sie noch nicht ausgegeben hat – ohne dass ihm dann weitere strafrechtliche Schritte drohen würden. Undenkbar.


Weiterführende Informationen:
F.A.Z. – Wer als Soldat ein Plagiat erstellt , ist nach der Rechtsprechung „als Vorgesetzter disqualifiziert“
«KT» adé: Guttenberg-Rücktritt bringt Merkel in Not


Literaturverzeichnis:
[1]
Merkel: „Habe Rücktrittsgesuch schweren Herzens angenommen“; http://www.faz.net/s/Rub1ED0C280BBA14ACAB16800E2F760DF3E/Doc~E1F98A1FDF7064A598231EC081FAAF577~ATpl~Ecommon~Sspezial.html; 01.03.2011

2 Antworten auf „Die untolerante tolerante Bundeskanzlerin“

  1. Zu Guttenberg wird bestimmt in die Politik zurückkehren, die absolute Geräuschlosigkeit um ihn jetzt spielt ihm doch in die Karten. Auch, wenn ich ihn nicht mag, könte man gegen einen Wiedereinstieg von ihm in die Politik wenig sagen. Da sind andere schon nach ganz anderen Affären zurückgekommen.

  2. Die Causa Guttenberg zeigt sehr schön, dass es primär um Schein und nicht Sein geht. Schon seit einigen Jahren haben mehrere Medien immer wieder darauf hingewiesen, dass Karl Theodor zu Guttenberg seinen Lebenslauf geschönt hat. Auch seine Leistungen in Ministerialämtern darf wohl angezweifelt werden. Fragt man diejenigen, die argumentieren, er sei sehr gut gewesen, was er eigentlich gut gemacht habe, kommt nicht mehr viel…

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