Die Suche nach den Himbeeren

Laut Strafgesetzbuch ist von einem Betrug auszugehen, wenn jemand versucht, durch Vorspiegelung falscher Tatsachen oder durch Entstellung oder Unterdrückung wahrer Tatsachen einen Irrtum zu erregt oder zu unterhalten, sofern er die Absicht hat, sich oder einem Dritten einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen.
Behalten wird dies im Hinterkopf und werfen einen Blick auf Produkte der sogenannten „Lebensmittelindustrie“. Der Markt ist mehr oder weniger hart umkämpft und die Verbraucher haben mitunter nicht sehr viel Geld übrig, um die Nahrung zu bezahlen. Verwunderlich ist dies nicht, denn schließlich fließt etwa die Hälfte des Einkommens in Form von Steuern an den Staat, der davon Militärprojekte in aller Welt finanziert oder die Zinsforderungen für die Staatsschulden bezahlt. Für das bisschen Geld, das nach einem harten Arbeitstag noch übrig bleibt, möchte der Kunde dann wenigstens anständige Lebensmittel kaufen. Für wenig Geld lässt sich aber nur in guter Qualität produzieren. Vor allem nicht, wenn die Konzerne und Unternehmen davon auch noch einen großen Teil abzweigen müssen, um die Zinsen für ihre aufgenommenen Kredite zu bezahlen, gegebenenfalls die Investoren zufrieden zu stellen und dann auch noch die Konzernvorstände ihren Teil fordern.
Man kann es drehen und wenden, wie man möchte: ein großes Wirtschaftsunternehmen wird nicht umhinkommen, so billig wie möglich zu produzieren, damit nach Abzug der finanziellen Verpflichtungen noch eine ausreichend große Rendite übrigbleibt. Folglich werden beispielsweise in einem Fruchtjoghurt nur die Zutaten zu finden, sein, die unbedingt nötig und dazu noch möglichst kostengünstig sind. Milch, Zucker, Wasser, Aroma, Farbstoff und ein paar winzige Fruchtstücke. Das klingt auf der Zutatenliste aber nicht sehr gut und soetwas würde kaum ein Kunde gerne kaufen und vielleicht auch noch guten Gewissens seinen Kindern geben.
An der Zusammensetzung kann der Hersteller nichts ändern, ohne zusehen zu müssen, wie seine Rendite schwindet. Er wird also versuchen, seinem minderwertigen Produkt zumindest den Anschein der Hochwertigkeit zu verleihen. Ein Fruchtjoghurt wirkt dann gesund und hochwertig, wenn viele Früchte drin sind. Als erstes werden also schmackhafte Früchte auf der Verpackung abgebildet. Selbst wenn in der Packung nicht halb so viele Früchte stecken, wie auf der Packung abgebildet sind, so wird dem Kunden doch zumindest vorgegaukelt, dass die Packung mit reichlich Obst gefüllt ist. Hier sind wir dann bei der „Vorspiegelung falscher Tatsachen“, um den Irrtum zu Erwecken, in der Packung befänden sich viele Früchte.
Im nächsten Schritt wird der Hersteller irgendwo auf die Packung ein oder mehrere vertrauenerweckende Siegel abbilden, mit denen er (sich selbst) bestätigt, wie hochwertig sein Produkt ist. Selbst wenn die Dinge, die Beim Siegel stehen soweit korrekt sind, könnte man möglicherweise dennoch auch hier eine Vorspiegelung falscher Tatsachen erkennen. Schließlich werden im Zusammenhang der Siegel häufig einfach Belanglosigkeiten in einer Art und Weise aufgezählt, durch die der Eindruck eines tatsächlich hochwertigen Produktes entsteht. Mit wahren Aussagen wird der Kunde also über die tatsächliche Qualität der Ware getäuscht.
Und nun zur Inhaltsliste. Die Inhaltsliste dürfe so manch einem Hersteller schlaflose Nächte bereiten. Hier muss er über die Dinge reden, die er lieber nicht kommunizieren möchte: Geschmacksverstärker, Zucker, Fett, …
Naja, zumindest ein bisschen muss er über den Inhalt seiner Dose erzählen. Eine genaue Aufzählung der Inhaltsstoffe mit Mengenangaben ist nicht gesetzlich vorgeschrieben. Und es wird reichlich Lücken in den Gesetzestexten geben, die es den großen Konzernen ermöglichen, vieles zu Verschweigen.
Trotzdem ist es für die Hersteller nicht ganz leicht, die Zusammensetzung auch nur in Auszügen auf die Verpackung zu drucken, ohne mit der zu erwartenden Show des kulinarischen und gesundheitlichen Schreckens, einen großen Teil der Kundschaft zu verscheuchen. Ziel des Herstellers ist es nun, die Formulierungen so zu wählen, dass sein Produkt trotz der ungesunden und minderwertigen Komponenten als hochwertige Nahrung erscheint.
Nachdem bereits auf der Verpackung des „Fruchtjoghurt“ viele viel mehr Früchte zu sehen sind, als auch nur jemals in der Nähe der Packung waren, gilt es nun, die Formulierung im Kleingedruckten so zu wählen, dass dieser erste (falsche) optische Eindruck bestätigt wird. Wenn aber die Hersteller auf die Packung drucken, dass 18 Prozent des Inhalts pure Früchte sind, während aber nur ein oder zwei Prozent an Früchten im fertigen Produkt enthalten sind, dann würden sie sogar mit den eher konzernfreundlichen und verbraucherfeindlichen Gesetzen direkt in Konflikt geraten. So dreist dürfen die Hersteller dann doch nicht sein. Ein ganz klein bisschen werden die Verbraucher ja doch noch geschützt. Was also tun? Nun, man schreibt nicht den Anteil der Himbeeren im Himbeerjoghurt auf die Packung, sondern der Anteil an „Himbeerzubereitung“ auf die Packung. Auf der Packung ist dann „18 Prozent Himbeerzubereitung“ zu lesen. Das klingt gut. Für den Verbraucher sieht es nach 18 Prozent Himbeeren aus. Der Zusatz „Zubereitung“ wird da schnell übersehen. Da spielt es dann auch keine Rolle mehr, dass sich diese Zubereitung, die 18 Prozent des Gesamtproduktes ausmacht, zu großen Teilen aus Zucker, Wasser, Rote-Betesaftkonzentrat, Aroma und Säureregulatoren besteht.
Auch wenn die Zutatenliste eigentlich dazu dienen sollte, dem Kunden einen realen Eindruck vom Inhalt der Packung und damit von dessen Qualität zu geben, so wird die Zutatenliste doch wieder dazu genutzt, um ihn über den wahren Charakter des Inhalts der Packung zu täuschen. Das ist traurig.

Wenn wir durch den Supermarkt gehen, werden wir von nahezu jedem Produkt in den Regalen auf diese Weise belogen. Das ist es, was die Menschheit nach Jahrtausenden der Entwicklung hervorgebracht hat. Plastikverpackungen, die uns rund um die Uhr anlügen, damit die Hersteller Produkte verkaufen können, die so schlecht sind, dass sie eigentlich kein halbwegs vernunftbegabtes Wesen kaufen würde. Zumindest nicht, wenn es bezahlbare Alternativen gäbe.


Weiterführende Informationen:
Mengenangabe bei Himbeeren in Himbeerdessert