Die schwarze Null

Einen historischen Haushaltsentwurf will die Bundesregierung in der kommenden Woche auf ihrer Kabinettssitzung verabschieden. Eine Zeile in dem Dokument dürfte seinen Platz in den Geschichtsbüchern finden. In der Rubrik Neuverschuldung steht viermal dieselbe Zahl: die Null. Das ist die geplante Kreditaufnahme in den Jahren 2015 bis 2018. Es wäre das erste Mal seit 1969, dass der Bund seine Ausgaben bezahlen kann, ohne neue Kredite aufzunehmen.[1]

Quelle: Frankfurter Rundschau

Man bringt schon den Kindern bei, dass Schulden schlecht sind und sie erst sparen müssen, bevor sie sich das ersehnte Skateboard kaufen können. Im Prinzip ist das eine gute Einstellung, denn wer verschuldet ist, ist nicht mehr frei, sondern trägt Tag für Tag die Last, die Schulden begleichen zu müssen. Wer sich für den Kauf einer Ware verschuldet, hat eine Leistung erhalten, ohne gleichzeitig die geforderte Gegenleistung zu erbringen. Diese Verpflichtung haftet ihm nun an. Hinzu kommen die Zinsen, die üblicherweise für die Möglichkeit „jetzt kaufen, später zahlen“ gefordert werden.
Unglücklicherweise erklärt man den Kindern nicht bei der Gelegenheit auch gleich, dass Schulden zwar schlecht sind, wir aber mit einem Geldsystem leben, dass ohne Schulden nicht funktioniert. Der Einzelne kann zwar schuldenfrei leben, aber nicht die Gesellschaft im Gesamten. Das Kind kann zwar das Taschengeld sparen, um das Skateboard direkt bezahlen zu können, aber das Geld wurde irgendwann einmal in Form eines Kredites geschöpft. Vielleicht ist der Vater des Kindes Bauunternehmer und gibt ein Teil seines Lohns, den er für den Bau eines Einfamilienhauses erhalten hat, an sein Kind als Taschengeld weiter. Der Bauherr jedoch erhielt das Geld wahrscheinlich in Form eines Kredites von einer Bank. Bei der Kreditvergabe wurde aber kein Geld verliehen, das bereits existiert. Nein, das Geld neu geschaffen, wie es bei einer Kreditvergabe üblich ist, und muss irgendwann zurückbezahlt werden – zuzüglich Zinsen. Selbst wenn dem Bauherr der Spielwarenladen gehört und er auf diese Weise wieder so viel Geld von seinen Kunden, zu denen auch der Junge gehören wird, einnimmt, um die geliehene Summe für den Hausbau zurückzubezahlen, so muss er zusätzlich noch das Geld für die Zinsen erwirtschaften. Und hier liegt das große Problem: das Geld für die Zinsen wird bei der Kreditvergabe nicht mitgeschöpfte. Es existiert (noch) nicht. Erst wenn sich ein anderer Marktteilnehmer für einen Kredit verschuldet und das bei dieser Kreditvergabe erschaffene Geld in Umlauf bringt, kann der Spielwarenhändler ein Teil des Geldes abgreifen und damit die Zinsen für seinen eigenen Kredit bezahlen. Damit wurden aber keine Probleme gelöst. Der schwarze Peter wurde lediglich an einen anderen Kreditnehmer weitergereicht und die Probleme sogar noch verschärft.
Man kann es drehen und wenden, wie man möchte. Irgend jemand muss sich immer verschulden, damit alte Zinsforderungen bedient werden können. Hinzu kommen die Zinsforderungen der Vermögenden. Wer viel Geld gehortet hat, wird darauf große Summen an Zinsbeträgen kassieren und so fließt noch mehr vom Geld, dass der Gesellschaft zum Kauf von Skateboards, Büchern und Lebensmitteln zur Verfügung steht, auf Konten, auf denen bereits so viel Geld lagert, dass es nicht mehr ausgegeben werden kann.
Damit die Gesellschaft nicht völlig verarmt, weil permanent ein beachtlicher Teil des Geldes automatisch an die Banken und die Superreichen abfließt, bleibt nur die Möglichkeit, immer wieder Geld in Form neuer Kredite nachzuschütten. Natürlich wird die Bevölkerung dadurch immer mehr in eine Verschuldung getrieben, aus der es kein Entkommen mehr gibt. Die Menschen müssen immer mehr ihrer wertvollen Lebenszeit dafür aufwenden, Geld zu erarbeiten, dass nur dazu bestimmt ist, auf ein Konto zu fließen, wo es nicht mehr benötigt wird, weil eh schon mehr Geld dort lagert, als ausgegeben werden könnte.
In dieser Situation feiert sich der Finanzminister, weil er den Hahn auf staatlicher Seite abgedreht hat, aus dem das Geld nachfließt, das aufgrund der Umverteilung verloren geht. Gut, ewig kann es ja natürlich auch nicht so weiter gehen und eine andere Lösung ist absolut notwendig. Aber diese Lösung kann nicht so aufgebaut sein, dass zwar der Geldhahn abgedreht wird, mit dem neues Geld ins System gebracht wird, während die Umverteilung permanent weiter geht. Pumpt man Wasser von einem Becken ununterbrochen in ein anderes Becken, wird das Quell-Becken unweigerlich austrocknen, wenn nicht neues Wasser nachgeschüttet wird. Die beste Lösung wäre, damit aufzuhören, ständig Wasser vom Becken der Allgemeinheit ins Becken der Banken und Superreichen zu pumpen. Dann würde sich das Becken der Allgemeinheit auch nicht leeren und es müssten keine neuen Schulden aufgenommen werden, um den Pegelstand zu halten. Diese Lösung wird jedoch nicht vorgeschlagen, weil einflussreiche Leute von der Umverteilung profitieren. Sie werden dadurch nicht nur immer reicher, ohne etwas für die Gesellschaft leisten zu müssen, sondern können die Menschen auch noch als treue Lohnsklaven halten. Die Notlösung der Politik, die kurzfristig funktionieren wird, ist es nun, wie bereits erwähnt, einfach den Geldhahn zuzudrehen, während die Pumpen vom Becken der Allgemeinheit ins Becken der Reichen weiterhin auf Hochtouren laufen. Das funktioniert deshalb vorübergehend, weil es noch einen Geldpuffer gibt, der aufgebraucht werden kann. Die Menschen können auch bei sinkendem Pegelstand noch einigermaßen gutes Leben führen. Es wird zwar immer weniger Geld für den Ausbau und Erhalt der Infrastruktur zur Verfügung stehen, und auch die sozialen Einrichtungen werden immer mehr Sparen müssen, aber die Zerstörung der monetären Basis der Gesellschaft wird schleichend vonstatten gehen und in Anbetracht der Dauerversorgung mit (immer weniger) Brot und (immer mehr) Spielen, kaum auffallen.
Erst wenn das letzte bisschen Allgemeingut an vermögende Investoren verkauft ist, den Menschen im Land nichteinmal mehr die Kanalisation gehört, alle Schwimmbäder geschlossen sind, die Theatereinrichtungen in Deutschland von amerikanischen Konzernen im Rahmen irgend eines im Geheimen ausgehandelten Freihandelsabkommens nach amerikanischen Recht auf Heller und Pfennig verklagt werden und die Menschen auf den Straßen um das letzte bisschen verfügbares Geld und um ihr Überleben kämpfen, wird man feststellen, dass der von Herrn Schäuble vorgeschlagene und gefeierte Weg, keine zufriedenstellende Lösung im Sinne der Allgemeinheit brachte.

Zusammenfassend kann man sagen, dass es nicht so weitergehen kann, wie bisher. Die Geldumverteilung durch Zins und Zinseszins hat bislang jede Gesellschaft zerstört und daran wird sich nichts ändern. Dadurch, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer verschuldeter werden, entstehen unüberwindliche soziale Spannungen.
Es genügt aber nicht, einfach die Neuverschuldung zu beenden, da die Gesellschaft dann aufgrund des permanenten Geldabflusses noch schneller verarmt und irgendwann nicht mehr ausreichend viel Geld vorhanden ist, damit die notwendige Wirtschaft noch funktioniert.
Eine Lösung kann nur darin gefunden werden, dass die Umverteilung des Geldes gestoppt wird. Der Zins darf kein Bestandteil des Geldsystems sein. Da der Zins jedoch auch als Umlaufsicherung dient, würde ein schlichtes „Entfernen“ des Zinses natürlich zu neuen großen Problemen führen. Man muss sich folglich Gedanken über ein neues Gesamtkonzept machen, dass all die aktuell Vorhandenen Probleme nicht aufweist. An dieser Stelle sei auf die wertvolle Arbeit der Wissensmanufaktur verwiesen, die bereits entsprechende Konzepte erarbeitet hat: http://www.wissensmanufaktur.net/


Literaturverzeichnis:
[1]
Haushalt – Die Null steht; Frankfurter Rundschau; Markus Sievers; http://www.fr-online.de/wirtschaft/haushalt-die-null-steht,1472780,27634808.html; 27.06.2014