Die unheilvolle heile Welt im gebührenfinanzierten Fernsehprogramm

Grundsätzlich steht es einem Medienunternehmen frei zu entscheiden, welche Inhalte es publizieren möchte. Leider ist es so, dass besonders niveaulose Programme, wie etwa „Deutschland sucht den Superstar“, „Das Dschungelcamp“ oder die Übertragung von seichten Serien besonders viele Zuschauer anziehen. Viele Zuschauer sind wiederum die Voraussetzung, um hohe Werbeeinnahmen zu erzielen. Auf diese Werbeeinnahmen sind viele Rundfunksender angewiesen. Die Sender sind abhängig von ihren Werbekunden. Entsprechend minderwertig sind die Sendungen. Eine hochwertige Berichterstattung ist unter diesen Bedingungen kaum möglich.
Unter anderem mit dem Ziel, dem Trend ins geistige Nirwana entgegenzuwirken und eine gute Berichterstattung unabhängig von bestimmten Geldgebern zu ermöglichen, wurden die öffentlich-rechtlichen Sender gegründet (so sagt man zumindest). Diese werden über Gebühren finanziert und sollen dadurch die Möglichkeit haben, ein hochwertiges Programm zu senden, das nicht auf eine hohe Einschaltquote ausgerichtet sein muss.
In der Theorie ist dies ein erstrebenswertes Ziel. In der Praxis ist es aber leider so, dass auch die Öffentlich-Rechtlichen Medien möglichst hohe Werbeeinnahmen erzielen wollen, was die Programmgestaltung natürlich entsprechend negativ beeinflusst. Obwohl die gebührenfinanzierten Sender dies nicht nötig haben sollten, treten sie mit den privaten Sendern in einen Wettstreit um Einschaltquote und setzten dafür mitunter sogar besonders viel Geld ein. So kaufen die Öffentlich-Rechtlichen Übertragungsrechte für quotenträchtige Sportveranstaltungen zu Preisen, bei denen die Privatsender schon lange nicht mehr mithalten können. Und Anstelle hochwertiger Berichterstattungen, Reportagen und Hintergründe zu wichtigen Ereignissen, werden die wertvollen Sendeplätze der unzähligen öffentlich-rechtlichen Kanäle beispielsweise mit simplen Kochsendungen und realitätsfremden Arztserien vollgestopft. Im Gegensatz zu den Privatsendern, die sich selbst um die Finanzierung kümmern müssen, muss jeder, der Bürger in einem Haushalt lebt, für diese Quotenkampf der Öffentlich-Rechtlichen bezahlen. (Haushaltsabgabe)

Dass die Krankenhäuser immer höhere Renditen erwirtschaften müssen und die Patienten nicht mehr als Menschen mit Bedürfnissen und Sorgen, sondern als Waren gesehen werden, die bildlich gesprochen am Fließband abgefertigt werden, ist kein Geheimnis mehr. Dies ist nicht zuletzt auf das Geldsystem zurückzuführen, das in allen Bereichen Wachstum erzwingt und unmenschliches und rücksichtsloses Verhalten profitabel macht.
Anstelle der Fußballberichterstattungen und unrealistischer Arztserien könnten die öffentlich-rechtlichen Sender die Hintergründe dieser realen und beängstigenden Entwicklung, die jeden von uns betreffen (kann), recherchieren und vermitteln. Dadurch könnten sie dazu beitragen, das Bewusstsein der Menschen auf die Probleme zu lenken und möglicherweise auf längere Sicht die Basis für ein Hinterfragen und Umdenken legen. Stattdessen werden die Menschen von den wichtigen Dingen mit Belanglosigkeiten und Falschinformationen abgelenkt … und müssen dafür auch noch viel Geld bezahlen.
In der Ausgabe 19/2013 des Siegels ist nun ein interessanter Bericht über die ARD-Kriegsmoderatorin Sonia Mikich, die in die fatale Maschinerie des Krankenhaussystems geraten ist und in Folge unnötiger, aber für die Krankenhäuser äußerst lukrativer Operationen fast gestorben wäre. Sie hat dort eine Welt am eigenen Leib erfahren, die sich überhaupt nicht mit dem Bild der heilen Welt deckt, das unter anderem durch die schwachsinnigen Ärzteserien bei den Öffentlich-Rechtlichen aufgebaut wird. Wenn die werbefinanzierten Privatsender Arztserien zeigen, die nichts mit der Realität zu tun haben, dann ist das moralisch verwerflich, aber wer mit den Lügen nichts zu tun haben möchte, ist nicht gezwungen sie zu unterstützen. Abschalten genügt. Bei den Öffentlich-Rechtlichen muss man aber auch dann für die Verbreitung dieser fatalen Falschinformationen bezahlen, wenn man sie boykottiert. Man kann sich dem nicht entziehen. Entsprechend kriminell ist es, dass die Verantwortlichen beim gebührenfinanzierten Rundfunk die Sendezeit mit Programminhalten verschwenden, die explizit ein falsches Bild von wesentlichen Elementen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens suggerieren und große Gefahren möglicherweise bewusst und absichtlich verharmlosen.
Interessant ist nun die Antwort der Moderatorin auf die Frage, ob sie als Inlandschefin des WDR etwas gegen die Arztserien im Programm tun kann:

Das wäre schön! Ich verüble meiner ARD tatsächlich sehr, dass sie diesen süß parfümierten Hirnschiss mitmacht. Aber ich bin halt keine Unterhaltungschefin. Ernsthaft: Diese Arztserien stabilisieren ein Bild der Klinik als sterile Welt, in der alles gut läuft, wo ein Arzt ein Heilsbringer ist und man sich vertrauensselig ausliefern kann. Das halte ich für falsch.

Dem kann ich mich anschließen. Ich verüble es den Verantwortlichen auch sehr, dass sie das von mir erarbeitete Geld verwenden, um ein überzogen positives Bild von einer Industrie zu erzeugen, die vom Leid der Menschen lebt und darauf ausgerichtet ist, möglichst hohe Gewinne aus den Qualen der Patienten zu schlagen. Es macht mich traurig, dass unzählige Patienten ohne tatsächliche medizinische Notwendigkeit operiert werden, nur weil es für das Krankenhaus lukrativ ist und in den gebührenfinanzierten Sendungen wird so getan, als stünde in den Kliniken die Gesundheit der Menschen im Vordergrund. Dort wird kein Wort über den Renditedruck, dem die Krankenhauskonzerne unterliegen verloren. Die Gewinnvorstellungen privater Investoren und die Auswirkungen auf die Qualität der Versorgung finden in den Serien eher keine Berücksichtigung. Es wird nicht darüber gesprochen, dass immer weniger Pflegepersonal die Patienten versorgen muss. All diese wesentlichen Dinge werden in den Serien ausgeblendet. Und für diese Desinformation muss ich bezahlen. Ja, das verüble ich den Verantwortlichen!