Die Folgen sinkender Zinsen auf Zentralbankgeld

Die Verantwortlichen bei der Europäische Zentralbank haben ein weiteres Mal den Satz zur Steuerung des Geld- und Kapitalmarkts, auch als Leitzins bekannt, gesenkt. Dieser Satz legt fest, zu welchen Konditionen sich Geschäftsbanken bei einer Zentral- oder Notenbank gegen Verpfändung notenbankfähiger Sicherheiten oder unter Eingehung eines Wertpapierpensionsgeschäftes Zentralbankgeld beschaffen können.
Je weiter dieser Zinssatz gesenkt wird, um so leichter ist es für die Geschäftsbanken die Geldbasis zu erhöhen, indem sie sich von der Zentralbank Zentralbankgeld leihen. Damit die Geschäftsbanken neue Bankeinlagen schaffen können, was natürlich die Vergrößerung der Geldmenge zur Folge hat, müssen sie über einen ausreichenden Bestand an Zentralbankgeld verfügen. Bei einem Zinssatz, der nach der jüngsten Senkung bei 0,5 Prozent liegt, ist die die Beschaffung von Zentralbankgeld und damit die Ausweitung der Geldmenge durch Kreditvergabe für die Geschäftsbanken relativ einfach.
In einem Zins- und Zinseszins-Geldsystem muss die Geldmenge ständig durch Neuverschuldung ausgeweitet werden, um die Zinsforderungen, die ja Forderungen nach bislang nicht existierendem Geld sind (die Zinsen werden bei der Kreditvergabe nicht mitgeschöpft), zu bedienen. Damit wachsen die Vermögen weiter und es entstehen neue, noch höhere Forderungen nach Zinserträgen, also nach noch nicht vorhandenem Geld. Diese Forderungen können somit wiederum nur durch eine erneute Ausweitung der Geldmenge bedient werden.
Letzten Endes muss für jeden Euro, den jemand besitzt, ein anderer Mensch verschuldet sein. Würden die Vermögensbesitzer ihr Vermögen nehmen und die Schulden dieser anderen Menschen an die Banken zurückbezahlen, würde das Geld dem Kreislauf entzogen werden. Es gäbe kein Geld mehr für den Handel mit Waren und Dienstleistungen. Aufgrund der Zinsforderungen seitens der Banken wären mit der Rückzahlung aller Guthaben aber noch längst nicht alle Forderungen beglichen. Die Menschen hätten in einem solchen Fall nicht nur kein Geld mehr, sondern wären immer noch verschuldet!
Es wird deutlich, dass es in diesem Geldsystem kein Interesse daran gibt, die Schulden tatsächlich und endgültig zurückzubezahlen, da wir dann mangels Geldes wieder beim Waren-Tauschhandel angekommen und trotzdem noch verschuldet wären. Es wird seitens der Verantwortlichen also alles darangesetzt, die Geldmenge ständig auszuweiten, um die Zinsforderungen bedienen zu können. Folglich müssen immer neue Nachschuldner gefunden werden. Ein klassisches Schneeball-System.
Mit der Zeit gibt es aber immer weniger kreditwürdige Nachschuldner. Die Bedingungen müssen also vereinfacht werden, zu denen die Banken Kredite vergeben können. Das kann beispielsweise durch „billiges“ Zentralbankgeld geschehen. Senkt die Zentralbank den Leitzins, können die Geschäftsbanken die für die Kreditvergabe erforderlichen Zentralbankgeld-Einlagen leichter realisieren. In der Folge können sie günstigere Kredite vergeben und dann finden sich eventuell neue Kreditnehmer, denen die Kosten für einen Kredit bislang zu hoch waren.

Die ständige Geldmengenausweitung führt natürlich zu einer Inflation. Dies kann durch ein klassisches Beispiel mit Äpfeln und Birnen verdeutlicht werden. Nehmen wir an, dass in einer Gemeinschaft 100 Menschen leben. 50 von ihnen besitzen Äpfel und 50 haben Birnen. Nun wird es Menschen geben, die einen Apfel ihr Eigen nennen, aber lieber eine Birne haben möchten – und umgekehrt. Diese Menschen können nun ihr Obst austauschen: ein Apfel gegen eine Birne.
Was aber wäre, wenn die Mengen nicht ausgewogen wären? Wie würde der Tausch aussehen, wenn jeder der 50 Apfel-Beitzer zwei Äpfel hätte? Dann könnten die Birnen-Beitzer, die lieber einen Apfel möchten gleich beide Äpfel im Tausch gegen eine Birne fordern. Die Apfel-Beitzer benötigen also zwei Äpfel, um eine Birne zu ertauschen. Ein Apfel ist nur noch halb so viel Wert.
Ähnlich wäre es, wenn wenn es zwar 100 Äpfel gäbe, wie im letzten Beispiel, diese aber ungleich verteilt sind. Wenn die meisten Apfel-Besitzer nur einen Apfel besitzen, aber ein Besitzer gleich 51 Stück, dann könnte dieser vermögende Besitzer den Birnenbestand zu einem hohen Preis aufkaufen. Dieser hohe Preis gilt dann aber auch für die vielen Mitglieder der Gemeinschaft, die nur einen Apfel ihr Eigen nennen.

Im realen Leben ist es ähnlich. Durch die ständige Geldmengenausweitung werden auch die Preise immer teurer, da den verfügbaren Waren mehr Geld gegenübersteht. Allerdings profitiert nicht jeder von der Ausweitung der Geldmenge, sondern natürlich nur diejenigen, die bereits viel Geld haben, denn für das bereits angehäufte Vermögen erhalten sie ja die Zinsen. Die Reichen werden immer reicher und die Armen werden immer ärmer, weil sie die Zinsen für die Vermögen der Reichen bezahlen müssen. Um die Zinsen der Reichen erarbeiten zu können, muss natürlich die Wirtschaft äquivalent zu den Zinsforderungen wachsen, die Menschen müssen also immer mehr produzieren. Die Ressourcen werden zunehmend ausgebeutet und die Umwelt entsprechend zerstört. Dieses schäbige und schädliche Verhalten dient nicht in erster Linie dazu, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, sondern es dient dem Zinssystem, denn Zinsforderungen werden normalerweise zuerst bedient. Und wenn dies dann irgendwann nicht mehr durch Wirtschaftswachstum möglich ist, dann müssen die Löhne der arbeitenden Bevölkerungsteile zu Gunsten der Zinseinkünfte gekürzt werden.
Alle Menschen, die Armen und die Reichen, können sich aufgrund der Preiserhöhungen im Zuge der Inflation von einer bestimmten Geldmenge mit der Zeit immer weniger Waren kaufen, was aber natürlich besonders diejenigen trifft, die nicht viel Geld haben – also die Menschen, welche das Geld durch eigene Hände Arbeit erwirtschaften müssen, weil sie keine nennenswerten Zinserträge erhalten.
Die Beschäftigten der Europäische Zentralbank sehen eine Ausweitung der Geldmenge und entsprechende Preiserhöhungen von bis zu zwei Prozent als stabil an und sprechen bei solchen Wachstumsraten noch nicht von Inflation. In Anbetracht der Tatsache, dass sich der Wert des Geldes bei einer Preiserhöhung von zwei Prozent im Jahr innerhalb von 35 Jahren etwa halbiert, ist die erklärte Preisstabilität eine dreiste Beschönigung und Verharmlosung der Verhältnisse. Von Stabilität kann hier kaum die Rede sein.

Zu den Netto-Profiteuren dieses Systems gehören nur diejenigen, bei denen die Zinserträge auf das eigene Vermögen die Inflation und die in den Produkten, die sie kaufen, eingepreisten Zinsen übersteigen. Zu den Gewinnern wird man gehören, wenn man mindestens etwa eine Millionen Euro gut verzinst angelegt oder investiert hat. Für die anderen Menschen sieht es weniger gut aus.
Es kommt noch hinzu, dass sich nach dem Leitzins der Europäischen Zentralbank alle anderen Zinssätze mehr oder weniger stark richten (deshalb auch die Bezeichnung „Leitzins“). Das hat zur Folge, dass es beispielsweise für das Geld (korrekter: Anspruch auf Bargeld) auf einem normalen Tagesgeldkonto immer weniger Zinsen gibt. Schon heute wird der Zinsgewinn für Guthaben auf einem solchen Konto komplett von der Inflation aufgefressen. Diese Tendenz dürfte sich mit noch niedrigeren Zinsen verstärken.[1]
Durch die Zinssenkung und die damit verbundene potentielle Ausweitung der Geldmenge aufgrund neuer Kreditvergaben sinkt somit nicht nur der Wert des Geldes für alle Menschen, die weniger Betuchten werden aufgrund der geringeren Zinsen auf ihr normales Tagesgeldkonto sogar noch ein Stück weiter abgehängt. Der normale Sparer bekommt immer weniger, muss aber immer mehr bezahlen.


Literaturverzeichnis:
[1]
Zinssenkung der EZB – Sie betreten die Zone des billigen Geldes; Süddeutsche Zeitung; Jannis Brühl; Süddeutscher Verlag; http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/zinssenkung-der-ezb-sie-betreten-die-zone-des-billigen-geldes-1.1663289; 02.05.2013