Die Farb- und Fellvielfalt der Dalmatiner

Dalmatiner (schwarz, braun, lemon)
Die Hunderasse Dalmatiner wird vermutlich jeder kennen. Spätestens seit dem Kinoerfolg von Disneys 101 Dalmatiner erlangten diese weißen Hunde mit auffälligen schwarzen Flecken eine beachtliche Popularität. Was viele aber nicht wissen ist, dass es nicht nur Dalmatiner mit schwarzen Flecken gibt, sondern auch solche mit braunen oder blauen Flecken. Darüber hinaus gibt es gestromte Dalmatiner. Und dann gibt es auch noch Dalmatiner mit sehr hellen Flecken. Abhängig vom Erbmaterial können diese Hunde eine schwarze Nase haben, dann spricht man von der Farbe Lemon. Sie können aber auch eine braune Nase haben, dann nennt man die Farbe dieser Hunde Orange. Zudem sind auch Mischungen verschiedener Farben möglich. Bei der Tricolorvariante kommen zur weißen Fellfarbe Punkte in zwei unterschiedlichen Farben hinzu.
Aber nicht nur die Fellfarbe kann variieren, sondern auch die Felllänge. Üblicherweise haben Dalmatiner ein sehr kurzes Fell. Es gibt jedoch auch Dalmatiner mit einem langen Fell, die sogenannten Langhaardalmatiner.
Dass diese Vielfalt weitgehend unbekannt ist, liegt auch daran, dass die Variante Lemon/Orange im Rassestandard großer Zuchtverbände als „Fehlfarbe“ gesehen und damit unerwünscht ist. Dies geht so weit, dass Züchter mitunter sehr aggresiv reagieren, wenn jemand solche Hunde unabsichtlich oder gar absichtlich züchtet oder sich auch nur positiv zu diesem Farbschlag äußert.
Auf Anfrage war weder von den Verbänden, noch von den angeschlossenen Vereinen eine nachvollziehbare Begründung zu erhalten, warum Dalmatiner dieser Farbe nicht gezüchtet werden dürfen. Die Zuchtverbände verweisen für eine Auskunft lediglich auf die Vereine und die Vereine sagen, dass diese Lemon/Orange unerwünscht ist, weil es so im Rassestandard der Verbände steht, denen sie angeschlossen sind. Warum dieser besondere Farbschlag jedoch als „Fehlfarbe“ geführt wird, kann oder will niemand erklären und begründen. Hin und wieder werden zwar gesundheitliche Bedenken ins Spiel gebracht. Wissenschaftliche Beweise bleiben aber aus und es wird auch keine strukturierte Forschung seitens der Vereine und Verbände betrieben.
Es ist erschreckend zu sehen, wie selbst angesehene Züchter, die großen Vereinen angehören, eine spezielle Ausprägung dieser Hundeasse regelrecht ausmerzen wollen und dies noch nichteinmal seriös begründen können. Lemon- und Orangedalmatiner dürfen einfach nur deshalb nicht gezüchtet werden, weil vor langer Zeit jemand in einem Standard geschrieben hat, dass Dalmatiner nur schwarze oder braune Punkte haben dürfen und lemon/orange eine Fehlfarbe ist. Kaum ein Züchter hinterfragt diese Aussage und möchte wissen, wer diese Einschränkung machte und warum er dies tat. Das ist sehr schade, denn so wird eine Variante, die sich bei vielen Menschen, die diese Farbe kennen, großer Beliebtheit erfreut, ausgemerzt und aus dem Genpool entfernt – möglicherweise unwiederbringlich. Dabei gehen die Züchter entschlossen gegen jeden vor, der es sich erlaubt, die Zuchtstandards in diesem Punkt kritisch zu hinterfragen und es vielleicht sogar wagt, solche Tiere zu züchten. Da es jedoch offensichtlich keine wirklich stichhaltigen Argumente gegen lemon- und orangefarbige Dalmatiner gibt, werden regelrechte Schlammschlachten geführt, um die fragwürdigen Regeln des Standards durchzusetzen.
Der Zuchtstandard ist heilig und darf nicht hinterfragt oder ignoriert werden. Jegliche Abweichungen werden nicht geduldet und bekämpft. Naja, nicht ganz. Im Standard waren auch das maximale Gewicht und die maximale Größe der Hunde festgelegt, um zu verhindern, dass immer größere Dalmatiner gezüchtet werden. Daran hat man sich in Züchterkreisen erstaunlich wenig gehalten und so sind die Dalmatiner immer größer und schwerer geworden. Dies ging soweit, dass der Standard angepasst werden musste, weil sonst kaum noch Zuchthunde zu finden sind, mit denen man nach dem Standard züchten darf. Die meisten Dalmatiner sind mittlerweile einfach zu groß und zu schwer. Deshalb wurde die Größte stark nach oben korrigiert und die Beschränkung des Maximalgewichtes aus dem Zuchtstandard genommen.
Während der Standard bezüglich der Farbe penibel eingehalten werden muss und die Einhaltung mit Zähnen und Klauen verteidigt wird, werden andere Punkte im Standard so konsequent von einer breiten Masse der Züchter ignoriert, dass sogar der Standard angepasst werden muss, damit überhaupt noch nach diesem Regelwerk gezüchtet werden kann.
Dalmatiner (schwarz, braun, lemon)
Wenn der Farbschlag Lemon/Orange irgendwann einmal erfolgreich ausgemerzt werden sollte, dann geht damit auch viel wertvolles Erbmaterial verloren. Die Einschränkung des Geenpools ist jedoch nicht ungefährlich, weil dadurch die Anpassungsfähigkeit und auch die Widerstandsfähigkeit der Rasse nachhaltig geschädigt wird. Der Versuch bestimmte Ausprägungen zu vernichten ist somit mindestens grob fahrlässig und die Folgen weitreichend. Dabei besteht hierzu keine Notwendigkeit. Wenn ein Züchter nur schwarze oder vielleicht braune Hunde züchten möchte, so kann er dies ja weiterhin tun. Gentests ermöglichen es, frühzeitig in Erfahrung zu bringen, ob ein Hund die Veranlagung für den Farbschlag Lemon/Orange trägt oder nicht. Und wenn die Züchter umsichtig arbeiten und jeder Farbe ihren Platz einräumen, dann wird es auch nicht so sein, dass es irgendwann nur noch Lemon/Orange-Dalmatiner gibt und keine schwarzen oder braunen Dalmatiner mehr gezüchtet werden können. Auf diese Weise kann jeder gut leben. Der einzelne Züchter kann beliebige Farben züchten ohne von seinen Kollegen, den Vereinen und den Verbänden mit Sanktionen abgestraft zu werden. Der Züchter kann aber nach eigenem Ermessen auch das Augenmerkt auf Farben legen, die ihm persönlich besonders zusagen. Die interessierten Hundekäufer haben eine größere Auswahl. Im Vordergrund sollten Vielfalt und Gesundheit der Hunde stehen und nicht das stupide einhalten irgendwelcher uralten Regeln deren Ursprünge längst in Vergessenheit geraten sind und die auch nicht mehr sachlich begründet werden können … zumal andere Vorschriften im Zuchtstandard ja auch sehr flexibel ausgelegt wurden und werden.
Dalmatiner (schwarz, braun, lemon)
Vermutlich ist die Zeit noch nicht reif für mehr Toleranz und gemeinschaftliches Hinarbeiten auf eine gesunde und vielfältige Dalmatinerrasse. Anstatt sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und zu versuchen, die wirklich wichtigen Zeile (Erhaltung der Vielfalt, Verbreitung von Wissen über die Rasse und die genetischen Grundlagen, Zucht gesunder langlebiger Hunde, Sozialisierung der Hunde, …) gemeinsam zu erreichen, liefern sich die Züchter heutzutage lieber kleingeistige Grabenkämpfe und Scharmützel und versuchen alles zu unterdrücken, dass sie selbst nicht erfassen können. Dabei klammern sie sich an Regelwerke, die sie weder verstehen, noch hinterfragen. Aber ich bin zuversichtlich, dass irgendwann Zeiten kommen werden, die nicht durch Ignoranz und Unterdrückung geprägt sind, sondern durch Aufgeschlossenheit und Wissensdurst. Hierzu müssen Züchter und auch Hundekäufer aber zunächst eine höhere Bewusstseinsebene erreichen. Das mag für den ein oder anderen etwas zu spirituell klingen, aber im Prinzip geht es lediglich darum, seine Sinne für das zu schärfen, was derzeit noch außerhalb des Wahrnehmungsbereiches liegt. Und wir müssen lernen, die vorgegebenen Dinge kritisch zu hinterfragen. Alle Regeln und Standards können angepasst werden, wenn es sich als erforderlich erweisen sollte. Nur wenn genügend Menschen entdecken, dass es nicht nur schwarze und braune Dalmatiner mit kurzen Haaren gibt, sondern auch anderen Farb- und Fellvarianten, können wir lernen, diese zu schätzen und auch die Furcht davor zu verlieren. Dann können wir Regeln schaffen, die diesen bislang weitgehend unbekannten Dalmatinervarianten ein Dasein ermöglichen und damit auch unser eigenes Leben bereichern. Andernfalls werden auch weiterhin unhinterfragt alte Standards über die Zukunft der Rasse bestimmen und vielleicht zum Aussterben von Lemon- und Orangedalmatinern führen.