Die einsamen Politiker inmitten der Gesellschaft

Das Bild, das einen Artikel zum Anschlag auf die Redaktion einer französischen Satire-Zeitschrift mit mehreren Todesopfern beim Focus eröffnet, zeigt tausende Menschen auf einem Platz versammelt. Als Bildunterschrift ist zu lesen „Beeindruckende Bilder: Hunderttausende gedenken der Attentatsopfer“. Weiter unten steht dann:

Nach dem großen Gedenkmarsch für die Anschlagsopfer in Frankreich hat Staatschef François Hollande zusammen mit dem israelischen Regierungschef Benjamin Netanjahu die Große Synagoge von Paris besucht.[1]

Quelle: Focus

und

Bei den Gedenkmärschen für die Anschlagsopfer und gegen den Terror sind am Sonntag in Frankreich so viele Menschen auf die Straßen gegangen wie noch nie zuvor in der Geschichte des Landes.[1]

Quelle: Focus

Unter der Überschrift „Merkel, Hollande und Netanjahu führen den Zug untergehakt an. Gemeinsam gedenken sie der Opfer des Terrorismus“ wird dann ein Bild gezeigt, auf dem mehrere Reihen von Personen aus Politik und Wirtschaft zu sehen sind. Unter anderem EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu, der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy, Malis Präsident Ibrahim Boubacar Keita, Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel, EU-Ratspräsident Donald Tusk und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas.[1]

Das Bild und der Text „Merkel, Hollande und Netanjahu führen den Zug untergehakt an“ klingt so, als würden die Politiker zusammen mit den anderen Menschen durch die Straße laufen und die Menge anführen.

Und in einem anderen Artikel ist beim Focus zu lesen:

Fast 50 Staats- und Regierungschefs drücken an der Spitze des Zuges ihre Solidarität mit Frankreich aus, demonstrieren für Meinungsfreiheit und Frieden. Gleichzeitig trauern sie um die 17 Opfer der Anschläge.[2]

Quelle: Focus

Aber nicht nur die Bilder und Texte, sondern auch die Videos erwecken durch geschickt gewählte Schnitte, eine manipulative Kameraführung und die gesprochenen Kommentare den Eindruck, als würden Politiker und Bürger gemeinsam laufen: Trauermarsch in Paris – Symbol der Solidarität: Hier trauert Kanzlerin Merkel mit den Franzosen

Und auch in anderen Medien ist die Berichterstattung ähnlich. So ist bei der durch Zwangsgebühren finanzierten ARD zu lesen:

Spitzenpolitiker aus aller Welt reisten an, um Solidarität mit den Opfern der Anschläge zeigen und gegen religiös motivierte Gewalt zu demonstrieren. Angeführt wurde der Gedenkzug vom französischen Staatspräsidenten Francois Hollande.[3]

Quelle: ARD, Tagesschau

Darunter wird wieder ein Bild der Politiker gezeigt.

Man könnte noch einige Beispiele nennen, bei denen die sogenannten „Qualitätsmedien“, die gerne für die Pressefreiheit (und damit die Möglichkeit Karikaturen zu veröffentlichen, ohne erschossen zu werden, wie die Redakteure des Satiere-Magazins „Charlie Hebdo“) eintreten, den Eindruck erwecken, dass die Politiker gemeinsam mit den restlichen Teilnehmern unterwegs war.

Allerdings sind Politiker und Bürger überhaupt nicht gemeinsam gelaufen. Die Politiker waren weit abseits unterwegs und wurden durch Sicherheitskräfte (und wohl auch Scharfschütze) bewacht und vom Pöbel abgeschirmt durch einsame Straßen geführt, wie Bilder zeigen, die durch Twitter-Nutzer verbreitet worden sind.[4]
Glaubt man diesen Bildern (die natürlich auch manipuliert sein könnten) wird vonseiten der Mainstream-Medien unkorrekterweise durch die Bildwahl der falsche Eindruck erweckt und durch die Wortwahl behauptet, dass die Politiker zusammen mit den übrigen Menschen durch Paris gelaufen sind. Falls die Twitter-Meldungen stimmen, stimmt diese Aussage jedoch schlicht und ergreifend nicht.

Vielleicht, so könnte man es zumindest in einigen Bildern erkennen, in denen im Hintergrund weiter entfernt noch die Beine einiger Menschen zu sehen sind, waren die Politiker doch gemeinsam mit den Demonstranten unterwegs. Allerdings aus Sicherheitsgründen mit reichlich Abstand. Siehe hierzu auch „War die Politiker-Demo in Paris nur inszeniert?

Laut der Zeitung Le Monde befanden sich die Politiker aber tatsächlich weit abseits der übrigen Menschenmenge, und nicht bei den Menschen, wie zunächst von einigen Medien suggeriert. Die Mitteldeutsche Zeitung berichtet in Bezug auf Le Monde hierzu:

Laut „Le Monde“ handelt es sich um die Place Léon-Blum an der Metrostation Voltaire. Als weitere Personen sind auf der Szene nur die Pressevertreter und offenbar viele Sicherheitskräfte und Personenschützer zu sehen. Hinter der Gruppe um die Staats- und Regierungschefs herrscht Leere, hier schließt sich nicht etwa der Demonstrationszug an.[5]

Quelle: Mitteldeutsche Zeitung

Dies bestätigt auch RP-Online im Artikel „Spitzenpolitiker führten Trauermarsch nicht an„.

UPDATE (14.01.2015) … und der Spiegel: Trauermarsch in Paris: Fotos von Spitzenpolitikern in abgesperrter Straße aufgenommen

Bei n-tv wird mittlerweile auch erklärt, wie der inszenierte Marsch der Politiker zustande kam: Trauermarsch abseits der Millionen – Staatschefs inszenieren Schein-Demo für die Kameras.

Die Politiker werden sich schon aus Sicherheitsgründen nicht mehr unters Volk mischen. Zu viel Schaden haben sie mittlerweile in ihrer grenzenlosen Überheblichkeit, Ignoranz und Gier angerichtet. Da ist es kein Wunder, dass sie mindestens einen Satz heiße Ohren erwarten können, wenn sie den unzähligen Menschen, die sie jeden Tag betrügen und ausbeuten zu nahe kommen. Aber es gibt keine Entschuldigung dafür, dass die Medien die Politiker so in Szene setzen, dass es den falschen Eindruck erweckt, die Politiker würde noch gemeinsam mit dem Volk arbeiten. Wenn die Politiker sich von den übrigen Menschen entfremdet und entfernt haben, dann muss das Thema der öffentlichen Diskussion sein und darf keinesfalls ausgeblendet werden. Eine ehrliche Presse hätte von vorne herein klargestellt, dass die Politiker aus Sicherheitsgründen nicht in der Nähe der anderen Menschen waren. Eine ehrliche Presse hätte auf jeden Fall nicht versucht, diese Tatsache durch manipulative Bildausschnitte, Videoschnitte und Kommentare zu verheimlichen. Dies ist Betrug, da durch Vorspiegelung falscher und durch Entstellung oder Unterdrückung wahrer Tatsachen einen Irrtum erregt wurde.
Diese Art der Manipulation ist schäbig und dürfte leider in der heutigen Medienlandschaft sicher kein Einzelfall sein. Und da wundern sich die Medienvertreter trotzdem noch, wenn immer weniger Menschen bereit sind, eine Zeitung zu kaufen oder die Rundfunkgebühren zu bezahlen? Wer möchte denn viel Geld für Nachrichten ausgeben, wenn er dann über Twitter kostenlos erfährt, dass die teuer bezahlten Nachrichten nur Lügen und Propaganda sind?

Wenn Pressefreiheit bedeutet, dass die Presse die Freiheit besitzt, Lügen und Märchen zu verbreiten, dann ist diese Freiheit wenig wert.
Pressefreiheit hat ohnehin nur dann eine Bedeutung, wenn es auch eine freie Presse gibt. Wenn die Presse sagen kann, dass die Politiker abseits des gewöhnlichen Volkes gelaufen sind und wenn die Presse nicht aufgrund irgendwelcher (wirtschaftlichen und politischen Zwänge) solche Unwahrheiten verbreitet, wie es hier der Fall ist, dann ist das nicht nur Pressefreiheit, sondern zeugt auch von einer freien Presse. Was nützt es, wenn die Presse zwar theoretisch alles schreiben darf, aber offensichtlich dennoch nicht so frei ist, auch tatsächlich schonungslos alle Wahrheiten auf den Tisch zu legen?
Pressefreiheit bedeutet, dass die Presse schreiben darf, dass die Politiker separat durch Paris gelaufen sind. Eine wirklich freie Presse, hätte dies auch geschrieben. Deutlicher kann es kaum sichtbar werden, was von der sogenannten „Pressefreiheit“ zu halten ist für die diese Menschen unter anderem auch durch die Straßen gelaufen sind. Es mag zwar Pressefreiheit geben, aber es gibt offensichtlich keine freie Presse.

Immerhin ist die Presse hier etwas freier, als beispielsweise in Israel. Dort wurden scheinbar Frauen aus Bildern retuschiert, da angeblich der strenge Glaube zur strikten Geschlechtertrennung zwingt – auch auf Fotos.[4]
Welch Ironie, dass auch der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu ganz vorne mitgelaufen ist, um den getöteten Journalisten zu gedenken und sich für eine freie und friedliche Welt einzusetzen.


Literaturverzeichnis:
[1]
+++ Live-Ticker Paris +++ – Jüdische Opfer sollen in Jerusalem beigesetzt werden; Focus; http://www.focus.de/politik/ausland/live-ticker-paris-mehr-als-drei-millionen-gedenken-in-frankreich_id_4396929.html; 13.01.2015
[2]
Trauermarsch in Paris – Symbol der Solidarität: Hier trauert Kanzlerin Merkel mit den Franzosen; Focus; http://www.focus.de/politik/videos/trauermarsch-in-paris-hier-trauert-kanzlerin-merkel-mit-den-franzosen_id_4396779.html; 12.01.2015
[3]
Gedenken in Paris – Einig gegen Terror und Gewalt; ARD, Tagesschau; http://www.tagesschau.de/ausland/trauermarsch-paris-109.html; 11.01.2015
[5]
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