Die Bahn kommt …

Der Sozialstaat ist verantwortlich für die Bereitstellung und Unterhaltung einer bedarfsgerechten Infrastruktur für die Bevölkerung. Personenverkehr auf der Schiene ist die Aufgabe staatlicher Daseinsvorsorge.[1]
Seit einigen Jahren zeichnet sich jedoch ein besorgniserregender Trend ab. Privatisierung und Pläne für einen Börsengang werfen ihre Schatten voraus. Dabei wird ein wichtiger Bereich des öffentlichen Lebens zwecks Profitmaximierung zerstört.

Nichts dürfe privatisiert werden, „was den Staat in Frage stellt und seine Souveränität beeinträchtigt oder gar beschränkt.“ Dies gelte für die Gefahrenabwehr und die „elementaren Bereiche der Daseinsvorsorge“. Dies leitet Broß unter anderem aus dem Sozialstaatsprinzip des Grundgesetzes her.[2]

Siegried Broß, Bundesverfassungsrichter

Als die Bahnkartenautomaten aufgestellt wurden, machte man den Fahrgästen diesen Schritt mit der Begründung schmackhaft, dass sich dadurch der Service verbessert. Schließlich kann jeder Kunde nun rund um die Uhr Karten kaufen und ist nicht von den Öffnungszeiten eines Schalters abhängig. Letzten Endes ist der Service dadurch jedoch schlechter geworden. Aufgaben, die früher vom Bahnpersonal geleistet wurden müssen nun vom Kunden übernommen werden, der dafür natürlich keine Vergütung erhält. Er arbeitet unentgeltlich für die Bahn.
Möchte man – aus welchen Gründen auch immer – eine Karte am Schalter kaufen, zahlt man dafür eine Gebühr. Zum Fahrplanwechsel am 14. Dezember soll beim Verkauf von Fahrkarten am Schalter eine „Servicegebühr“ von 2,50 Euro fällig werden.[3] Wobei die Fahrkarten bei Kauf am Schalter auch jetzt schon bis zu 5 Euro mehr kosten als beim Kauf an einem Automaten.[4]
Es gab einmal eine Zeit, da hat man für die Fahrt bezahlt und als Nachweis eine Fahrkarte bekommen. Mittlerweile zahlt man dafür, dass man zahlen darf! Da läuft was schief.

Meine letzte Erfahrung mit der Bahn: Ich wollte ein Ticket in ein anderes Bundesland und ein Ticket um ein paar Tage später wieder zurück zu fahren. Da die Fahrpreise jenseits von Gut und Böse sind, kam mir das Dauer-Spezial-Angebot für 39 Euro gelegen. Damit ist man zwar nicht mehr flexibel und wenn man den Zug nicht erreicht, verfällt die Fahrkarte, aber das Risiko muss ich diesmal in Kauf nehmen. Zunächst versuchte ich mein Glück an den Automaten.

1. Automat: Menschenschlange.
2. Automat: Hängt ein Zettel mit der Aufschrift DEFEKT dran.
3. Automat: Hat lediglich Werbung angezeigt und wollte nur weiter mit mir kommunizieren, wenn ich eine Bahncard vorweise. Touchscreen zeigte keine Reaktion.
4. Automat: Menschenschlange.
5. Automat: Wollte mir nur eine Karte für Ziele im Rhein-Main-Gebiet verkaufen.
6. Automat: Gleiches Problem wie beim 5. Automaten.

Da die anderen Automaten, die keine Bahncard verlangten, ähnlich waren, reihte ich mich gar nicht erst in die Schlange ein, sondern ging direkt zum Schalter. Der Schalter war völlig unterbesetzt und so wartete ich doch wieder in einer Schlange. Ich wartete … und wartete. Sah mich um und hörte den Bediensteten zu. Hörte, wie eine Dame am Schalter einem Kunden erklärte, dass sie nichts erklären kann, weil die Bahn mittlerweile in viele Unternehmen aufgeteilt ist und sie damit nichts zu tun hat. Ich wartete weiter und irgendwann kam ich dran. Ich ging zu dem Mann, der gerade frei wurde und äußerte meine Kartenwünsche. Die Verbindungen hatte ich bereits rausgesucht, der Mann hinter der Theke musste nur noch die passenden Karten ausdrucken.
Er erklärte mir, dass er das machen kann, aber bei ihm müsse ich 5 Euro pro Karte mehr zahlen, als am Automaten. Aha. Noch einmal die Tortur? 1. Automat … 2. Automat … Nein, dafür hab ich jetzt keinen Nerv. Zähneknirschend zahlte ich dann 10 Euro mehr, damit jemand auf den Knopf zum Ausdrucken der Karten klickt.

Nun könnte ich mir mehr Mühe geben, die Automaten zu verstehen. Könnte mir die Zeit nehmen und ausprobieren, wie ich dem Blechkasten die gewünschten Karten entlocke. Ich beschäftige mich durchaus gerne mit Technik und versuche die Funktionsweise zu ergründen. Warum also nicht? Nun, ganz einfach: Wenn ich mit dem Zug fahre, ist es mir wichtig, dass dies möglichst einfach von Statten geht. Ich möchte eine Karte kaufen ohne vorher ein aufwändiges Studium der Funktionsweise eines Fahrkartenautomaten zu betreiben, der mich jeden Tag aufs neue mit unvorhergesehenen Problemen überrascht. Unproblematisch läuft der Ticketkauf ab, wenn ich an einen Schalter gehen, die Verbindung nennen kann und dann die passende Karte bekomme. Natürlichsprachlich. Ich möchte nicht mittels Ziffernblock mit einem Automaten kommunizieren, der keine vernünftigen Rückfragen stellen kann, wenn er was nicht verstanden hat, sondern ich möchte mit einem Menschen reden, der mir mit seinem Wissen und seiner Erfahrung weiterhelfen kann. Ich möchte mit einem Menschen reden, der mich darauf aufmerksam macht, wenn eine von mir gewünschte Verbindung nicht möglich ist und Alternativen vorschlägt. Diese Leistung können Automaten nicht bringen. Automaten arbeiten lediglich Anweisungen ab. Auf eine Eingabe folgt eine fest vorgegebene Reaktion. Dabei sehen die Automaten in den Eingaben keinen Sinn, sie erkennen keine Bedeutung. Doch Kommunikation beschränkt sich nicht auf das bloße Mitteilen von Informationen. Ein Mensch kann – genau wie eine Maschine – auf ein Signal hin eine bestimmte Reaktion ausführen. Aber darüber hinaus versteht er gewöhnlich die Zusammenhänge und kann wesentlich umfangreicher reagieren als eine Maschine. Der Bedienstete am Fahrkartenschalter kann sich vielleicht an eine Situation erinnern, in der ein anderer Fahrgast eine Karte für die Stecke gekauft hat. Er kann lächeln, wenn ihm diese Begegnung in angenehmer Erinnerung geblieben ist oder seufzen, wenn es ein unangenehmer Fahrgast war. Maschinen empfangen Informationen, aber keine Bedeutung. Sie handeln gemäß Instruktionen. Die Maschine empfängt einen Fahrkartenwunsch, weiß aber nicht, was das bedeutet. Für sie bedeutet die Tasteneingabe nur, dass sie eine Karte ausdrucken muss. Nicht mehr und nicht weniger. Der Bahnbedienstete am Schalter sieht dem Kunden vielleicht an, dass er völlig aufgelöst ist, weil er wohl nicht mehr rechtzeitig mit der Fahrkarte am Gleis ist und kann ihn darauf hinweisen, dass 8 Minuten später auch eine andere Verbindung zu bekommen ist. Der Bahnbedienstete interpretiert die die Wünsche des Kunden, unter anderem basierend auf der Einschätzung der Situation. Das kann kein Automat.[5]
Und deshalb möchte ich meine Fahrkarten auch zukünftig nicht bei einem Automaten kaufen, sondern bei einer Frau oder einem Mann am Schalter. Das ist erfahrungsgemäß unproblematisch.

Die Entscheidung für die „Servicepauschale“ widerspricht außerdem dem Auftrag der Bahn zur Daseinsvorsorge. Auch ärmere Menschen, auch ältere Menschen, auch solche, die den Umgang mit Computern nicht kennen, haben ein Anrecht auf ebenbürtige Nutzung der Bahn.[6]

Wie kommt es nun, dass es seitens der Politik praktisch keinen Widerstand gegen diese Praktiken gab?
Laut MM News gibt es bei zahlreichen Preiserhöhungen den dringenden Tatverdacht, dass Bestechung im Spiel war. Man lässt Politikern eine Bahncard 100 für 5900 Euro im Jahr zukommen. Dadurch entstehen der Bahn keine großen Unkosten, der Zug fährt ja eh – es ist halt ein Platz mehr in der ansonsten weitgehend leeren 1. Klasse belegt. Diese Politiker zeigen sich dann erkenntlich, indem sie die Erhöhung genehmigen.[7]


Weiterführende Artikel:

Bahn soll Behörde bestochen haben
Ministerium verlangt Bericht von Bahnchef Mehdorn
Preisexplosion bei der Bahn
Zocker auf Achse
Bund gibt der Bahn endlich Planungssicherheit


Literaturverzeichnis:
[4]
Der BigBrotherAward 2007 in der Kategorie "Wirtschaft"; http://www.bigbrotherawards.de/2007/.com; 12.10.2007
[5]
Grundlagen sprachlicher Kommunikation; Lenke, Lutz, Sprenger; Grundlagen sprachlicher Kommunikation
[6]
Aufruf zu einer Aktion bei Abgeordneten wegen Servicepauschale der Bahn; Albrecht Müller; http://www.nachdenkseiten.de/?p=3432; 02.09.2008
[7]
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