Deutsche Bahn auf dem Abstellgleis

Die modernen Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass soziale Aktivitäten wie beispielsweise Wohnen, Arbeiten, Bildung und Erholung oft räumlich voneinander getrennt sind. Das hat durchaus Vorteile, denn die Wohnqualität in einem Industriegebiet mit ständigem Lärm und Schwerlastverkehr wäre überaus eingeschränkt. Hinzu kommt, dass der Wohnraum in vielen Gebieten so teuer wird, dass immer mehr Menschen „aufs Land ziehen müssen“. Der Nachteil ist jedoch, dass die durch die räumliche Trennung sowohl die notwendigen Pendelstrecken zur Arbeit, als auch die Strecken zum erholsamen Freizeitausgleich immer größer werden.

Wirtschaftswachstum und Umweltzerstörung auf der einen Seite …

Ganz wichtig in der heutigen Zeit ist das Wirtschaftswachstum, mit dem die Bundeskanzlerin Angela Merkel leider etwas unzufrieden ist. „Das Wirtschaftswachstum ist nicht schlecht, aber es ist auch nicht überragend gut“, sagte Merkel am Mittwoch beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in Berlin.[1] Mehr Wirtschaftswachstum gibt es natürlich nicht durch gemütliche Tage in der Hängematte. Um Wirtschaftswachstum zu generieren, müssen unter Einsatz von Arbeitszeit und Energie Produkte hergestellt und verkauft werden. Je kurzlebiger die Produkte sind, desto besser, denn was schnell kaputt geht, kann schnell ersetzt werden und so einen weiteren Beitrag zum heiligen Wachstum leisten.
Zudem finden Handel und Warenaustausch global statt. Die Konzerne lassen die Waren selbstverständlich dort produzieren, wo es am billigsten ist und verkaufen diese dann in Regionen, in denen die Kunden am meisten dafür bezahlen können. Das steigert die Rendite. „Think big. Think global.“ heißt die Devise. Der Ressourcenverbrauch spielt für die „global Player“ keine Rolle und seitens der Politik gibt es da auch keine nennenswerte Einwände. Aber Umweltschutz und der sparsame Umgang mit Ressourcen spielt für die heutigen Politikerdarsteller ohnehin scheinbar keine große Rolle. Wie sonst ist zu erklären, dass in einem Land, in dem nahezu jede Aktivität durch Normen und Vorschriften geregelt ist, immer noch offene Kühlregale in den Supermärkten herumstehen? Grundschülern erklärt man, wie sie Energie und Ressourcen sparen können[2], während im Supermarkt nebenan die Kühlaggregate der offenen Kühlregale heiß laufen[3]. Würden Sie ihren Kühlschrank einfach Tag und Nacht offen stehen lassen? Wohl kaum! Im Supermarkt ist eine solche Energieverschwendung aber ganz normal, nur damit die Kunden vielleicht mehr Produkte kaufen, als sie eigentlich benötigen. Verbindliche Vorschriften, die diesem Irrsinn Einhalt gebieten sind derzeit nicht in Sicht. Hier sehen die Politiker offensichtlich keinen Handlungsbedarf, dabei könnte man mit Glastüren vor den Kühlregalen problemlos Energie sparen und die Kunden müssten dennoch nicht auf Milch, Pudding und Junk-Food verzichten. Die Kunden müssten lediglich kurz eine Schiebetür öffnen. Ein vertretbarer Aufwand, um an ein Produkt zu gelangen, dass man benötigt. Immerhin setzen immer mehr Unternehmen aus Eigeninteresse auf Kühlregale mit Glastüren, während die Politiker verbindliche Regeln nicht in Betracht ziehen.

Energiesparen auf der anderen Seite …

In wilden Aktionismus verfallen die Politikdarsteller aber dann, wenn der normale Bürger Energie verbraucht und sich die Mögichkeit bietet, diesen Verbrauch unter dem Feigenblatt des Umweltschutzes zu verteuern. Flugreisen sind böse und die Partei „Die Grünen“, deren Mitglieder ironischerweise selbst besonders gerne fliegen,[4] würden die Flugmöglichkeiten folglich gerne Einschränken oder verbieten. Zumindest für „normale“ Bürger. Für sich selbst sehen die Politiker natürlich gute Gründe, warum ihre eigenen Flüge weiterhin notwendig und gerechtfertigt sind (knappe Zeit, weite Strecken, wichtige Termine, …). Flugkontingente dürften schwer realisierbar sein und würden möglicherweise auch die reichen und wichtigen Menschen treffen. Aber es gibt eine andere Option: Über eine CO2-Steuer[5] könnten die Flüge soweit verteuert werden, dass sich der normale Lohnsklave den Urlaubsflug zur Erholung nicht mehr leisten kann, während die Politiker einfach weiterhin auf Kosten der Steuerzahler zu ihren wichtigen Terminen düsen und die Manager der großen Konzerne die gestiegenen Kosten einfach auf die Produkte umlegen und so an die Kunden weitergeben. Die Multimilliardäre und Fantastilliardäre zahlen die steigenden Flugkosten ohnehin aus der Portokasse.
Der Normalbürger soll mit der Bahnfahren, um die Umwelt zu retten, welche die Konzerne weiterhin für ein gepflegtes Wirtschaftswachstum ganz ungeniert zerstören dürfen.

Bahnfahren als Alternative zum Fliegen?

Fliegen soll teurer werden, wer sich das nicht mehr leisten kann, soll halt mit der Bahn fahren. Irgend eine Alternative muss man den Bürgern ja bieten, wenn sie finanziell nicht mehr mit der Preisentwicklung im „Namen des Umweltschutzes“ mithalten können. Doch ist Bahnfahren wirklich eine Alternative?

Einnahmequellen der Bahn

Die Bahn hat verschiedene Einnahmequellen. Neben dem normalen Ticketverkauf hat die Deutsche Bahn beispielsweise Einnahmen durch vermietete Verkaufsflächen an den Bahnhöfen, Parkplatztickets, Werbeflächen oder auch Verkäufe in den Bordrestaurants. Zudem wird das Netz wird bereits jetzt jährlich mit mehreren Milliarden Euro aus Steuergeldern subventioniert.[6]

Kosteneinsparungen bei der Bahn und die Folgen

Damit die Bahn eine Alternative zum Flugzeug (und zum Auto) werden kann, soll aber noch mehr Steuergeld investiert werden. Ob dies zu einer merklichen Verbesserung führt, ist aber mindestens fraglich. Denn während die Bahn mit Steuergeldern überhäuft wird, hat sie seit der Bahnreform Anfang 1994 bundesweit mehr als 5400 Kilometer ihres Streckennetzes stillgelegt. Damit hat der bundeseigene Konzern in den vergangenen 25 Jahren etwa 16 Prozent seines gesamten Netzes aufgegeben. Die Bewohner ländlicher Gegenden werden dies besonders stark merken, wenn sie vor der Ruine eines geschlossenen Bahnhofs stehen. Aber auch für die Fahrgäste vermeintlich besser angebundener Orte führt der Abbau von Strecken zu Problemen. Sollte ein Abschnitt gesperrt sein (technischer Defekt an weichen oder den Signalanlagen, Personenschäden, …) wird es immer weniger alternative Routen geben, die man eventuell nehmen könnte. Dann geht auf unbestimmte nichts mehr. Völliger unvermittelter Stillstand. Wer einen wichtigen Termin hat, kann diesen direkt absagen.
Der Abbau des Streckennetzes hat also fatale Folgen bezüglich Anbindung und Zuverlässigkeit. Eigentlich müsste das Streckennetz ausgebaut werden und gegebenenfalls sogar eine Trennung von Güter- und Personenverkehr vorgesehen werden. Ein Problem stellen die unterschiedlichen Geschwindigkeiten dar. Personenzüge sind meist schneller als Güterzüge, halten aber oft an. Güterzüge fahren langsamer, bremsen aber nicht in jedem Bahnhof. Das führt zu Konflikten. Und wenn der Güterverkehr zur Vermeidung solcher Konflikte hauptsächlich nachts rollt, um den Personenverkehr möglichst nicht zu beeinträchtigen, dann sind die Schienen zwar zu jeder Zeit genutzt, was den Betriebswirtschaftler freuen wird, aber notwendige Reparatur- und Wartungsarbeiten können weder tagsüber, noch in der Nacht durchgeführt werden ohne den Betrieb zu stören. Arbeiten am Tag beeinträchtigen den Personenverkehr. Arbeiten in der Nacht beeinträchtigen den Güterverkehr. Das Schienennetz müsste also massiv ausgebaut werden, um für eine stärkere Nutzung überhaupt geeignet zu sein. Stattdessen wurde das Netz abgebaut.

Kapazität wieder erhöhen?

Wenn zukünftig mehr Flug- und Autoverkehr auf die Schienen verlagert werden soll, wird es sich hauptsächlich um Berufspendler und Geschäftsreisende handeln. Dadurch würde sich die Auslastung aber genau in Zeiten erhöhen, in denen die Bahn bereits jetzt sehr stark ausgelastet oder gar überlastet ist. Für die Bedienung dieser relativ kurzen Stoßzeiten müssten weitere Züge angeschafft werden, die dann den restlichen Tag ungenutzt herumstehen. Außerdem können auf vielen Strecken kaum zusätzliche Züge fahren, da Sicherheitsabstände einzuhalten sind. Falls diese durch verbesserte Sicherungssysteme zukünftig reduziert werden können, ist es dennoch problematisch, mehr Züge fahren zu lassen. Schon jetzt sind „Verspätungen aufgrund von Verspätungen eines vorausfahrenden Zuges“ oder „Wartezeiten wegen Überholungen“ häufig der Fall. Eine Steigerung der Zuganzahl dürfte die Probleme weiter verschärfen und die Bahn noch unzuverlässiger machen.
Die Zuglänge erhöhen ist ebenfalls keine Option. Die Leistung der Lokomotive von Gürerzügen ist dabei das kleinste Problem. Schwieriger sind vor allem der Umgang mit den im Zug wirkenden Längskräften, der Bremstechnik und der bisher durchgängig auf höchstens 740 Meter Zuglänge ausgerichteten Infrastruktur.[7] Bei Personenzügen ist der kürzeste Bahnsteig auf der Strecke ein limitierender Faktor.[8]

Um die Bahn gegenüber den Angeboten in der Luft konkurrenzfähiger zu machen, will die Partei tief in die Tasche des Steuerzahlers greifen.
Laut dem Autorenpapier aus der Grünen-Bundestagsfraktion soll die Bahn jährlich drei Milliarden Euro zusätzlich bekommen, um das Schienennetz auszubauen.
Mit dem Geld soll zudem die Pünktlichkeit verbessert werden. Neben einer generell engeren Taktung brauche es vor allem mehr Züge in den Morgen- und Abendstunden, um Geschäftsreisenden die Bahn „schmackhaft zu machen“. Zudem müsse auch das Serviceangebot an Bord verbessert werden.[5]

Ob eine Erhöhung der Subventionen zur Behebung der genannten Probleme führt, ist fraglich. Wie bereits erläutert ist beispielsweise eine „generell engere Taktung“ mit der bestehenden Infrastruktur kaum realisierbar und es ist unwahrscheinlich, dass das Streckennetz merklich ausgebaut wird. Zumal die Verantwortlichen bei der Deutschen Bahn verstärkte Expansionen in Auslandsprojekte präferieren. Anstatt in den Inlands-Verkehr zu investieren, fokussiert sich die Deutschen Bahn zunehmend auf internationale Projekte, etwa in China oder Indien.[9] Es ist also damit zu rechnen, dass zwar immer mehr Steuergeld in den Bahnverkehr fließt, aber dennoch das inländische Streckennetz nicht aufgebaut, sondern abgebaut wird, während ausländische Unternehmungen und auch teure Prestige-Projekte[10], die ansonsten wenig Nutzen haben, finanziert werden.

Was könnte bei der Bahn verbessert werden?

Aber nicht nur der Preis, die Geschwindigkeit und die Zuverlässigkeit spielen für die Akzeptanz eine Rolle. Auch der Service und die Sauberkeit spielen eine Rolle. Während Flughäfen normalerweise sehr sauber und gepflegt sind, haben viele Bahnhöfe ihre besten Zeiten längst hinter sich, sind heruntergekommen und die Umgebung ist mitunter ungepflegt und vermüllt. Kurzum, an Bahnhöfen möchte man sich nicht unbedingt aufhalten.
gerade wenn man länger unterwegs ist oder sich während der Wartezeit noch das ein oder andere Getränk gegönnt hat, wären es ein schöner Service, wenn die Bahn saubere WCs zumindest für Bahnreisende ohne Zusatzkosten bereitstellen würde. Anstatt die Mieteinnahmen hierfür zu verwenden, werden die WC-Räume ebenso wie die Ladenflächen jedoch auch an andere Unternehmen vermietet, welche die Waschräume dann hinter Bezahlschranken verstecken. Kann man machen, ist aber für Bahnreisende nicht schön und steigert nicht unbedingt die Freude auf die Bahnfahrt. An Flughäfen habe ich bislang zumindest noch keine kostenpflichtige Toilettenräume gesehen.

Überhaupt könnte es ein interessantes Konzept sein, den Bahnreisenden die Aufenthalte an den Bahnhöfen angenehmer zu gestalten. Schon alleine als kleine „Entschädigung“ für die erzwungenen Aufenthalte aufgrund von Verspätungen und Zugausfällen. An einem gepflegten Bahnhof mit schönen Grünanlagen und Sitzmöglichkeiten ist es angenehmer auf den nächsten Zug zu warten, als an einem alten ungepflegten Bahnhof.
Außerdem könnten die Bildschirmen, auf denen Werbung läuft auch genutzt werden, um interessante Infos zum Bahn-Unternehmen, der Technik in den Zügen oder der Steuerung der Signalanlagen zu präsentieren. Mit einem solchen Infotainment könnte die Bahn die wartenden Gäste bei Laune halten und sich auch noch als sympathischer Partner für Reisen oder den alltäglichen Arbeitsweg präsentieren.
Gewiss gäbe es auch spannende kleinere Ausstellungsstücke oder gar ganze Züge, die als „Museums-Exponante“ an den Bahnhöfen mit Informationen zur Funktionsweise oder der Bahngeschichte präsentiert werden könnten, ähnlich wie in einem Technik-Museum oder im Cable Car Museum in San Francisco.

Fazit

Klar, eine hohe Priorität haben Geschwindikeit, Pünktlicheit, Zuverlässigkeit und natürlich auch der Preis. Aber auch das Wohlbefinden spielt eine Rolle bei der Wahl des Transportmittels. Es gäbe für die Deutsche Bahn viele Möglichkeiten, den Reisenden die Zeit angenehmer zu gestalten, wie etwa saubere gepflegte Bahnanlagen mit Schutz vor Wind und Wetter und grundlegende sanitären Einrichtungen. Infotainment-Konzepte und Ausstellungsstücke an den Bahnhöfen können ergänzend zu einem guten Image beitragen. Servicekräfte und Wachpersonal die bei Fragen weiterhelfen und Vandalismus verhindern werden ebenso notwendig sein.
All diese Dinge wird es bei der Bahn jedoch nicht geben. Viel eher werden die Preise steigen und noch mehr Steuergeld investiert werden. Die Bahnhöfe verfallen immer mehr. Serviceleistungen werden weiter reduziert, sofern dies überhaupt noch möglich ist. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit werden weiter abnehmen.
Wenn die Bahn sich auf diese Weise selbst weiter auf ein großes Abstellgleis manövriert, wird sie gegen die Konkurrenz nur ankommen, indem die Preise für andere Verkehrsmittel durch Zwangsmaßnahmen künstlich soweit erhöht werden, dass Flüge und Autofahrten für viele Menschen so unrentabel werden, dass sie die langen Reisezeiten, die Ärgernisse und die Kundenunfreundlichkeit bei der erzwungenermaßen Bahn in Kauf nehmen.


Literaturverzeichnis:
[1]
Merkel ist mit Wirtschaftswachstum nicht zufrieden; WAZ; https://www.waz.de/wirtschaft/merkel-ist-mit-wirtschaftswachstum-nicht-zufrieden-id11659069.html; 16.03.2016
[4]
Doppelmoral – Die grünen Vielflieger und der Klimaschutz; ARD, Kontraste; https://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/kontraste-vom-21-03-2019/gruene-vielflieger.html; 21.03.2019
[5]
Grüne wollen Inlandsflüge bis 2035 überflüssig machen; Airliners; http://www.airliners.de/gruene-2035-inlandsfluege/51081?fbclid=IwAR2Id7gDIyOwnVcvL31mEiYm9SHJDoAl5iC9b1P-ZfCW7tM5-FBBMgTtNtQ; 23.07.2019
[8]
Züge sind zu lang für den Bahnsteig; Nordkurier; Paulina Jasmer; https://www.nordkurier.de/neubrandenburg/zuege-sind-zu-lang-fuer-den-bahnsteig-0431673504.html; 04.04.2018
[9]
Deutsche Bahn – Verstärkte Expansion in Auslandsprojekte; Handelsblatt; https://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/deutsche-bahn-verstaerkte-expansion-in-auslandsprojekte/19890316.html; 03.06.2019
[10]
Bahn-Bündnis kritisiert teure Projekte – Prestige ist alles für die Bahn; TAZ; Anja Krüger; https://taz.de/Bahn-Buendnis-kritisiert-teure-Projekte/!5581518/; 28.03.2019