Deus ex machina

In Zukunft sollen immer mehr Arbeiten, die heute noch von Menschen verrichtet werden, durch Maschinen und Roboter erledigt werden. Diese Entwicklung ist nicht neu und spätestens seit der Zeit der Industrialisierung haben technische Geräte die menschlichen Arbeitskräfte in vielen Bereichen abgelöst. Und eigentlich ist diese Entwicklung nicht unbedingt schlecht. Wenn Roboter die Arbeit übernehmen, haben die Menschen viel freie Zeit, ihren Hobbys und Vorlieben nachzugehen. Dennoch stehen die gewohnten Konsumgütern weiter zur Verfügung, sie werden lediglich von Maschinen und Robotern anstelle von Lohnsklaven hergestellt. Auch gefährliche und unangenehme Arbeiten wird man gerne an die elektronischen und mechanischen Helfer auslagern. Die Menschen können in der Zeit, in der die Maschinen schuften, den schönen Dingen des Lebens nachgehen: wandern, Theaterstücke proben, musizieren oder im Schwimmbad entspannen. Es ist ja nicht so, dass Menschen nichts mehr zu tun hätten, wenn sie nicht mehr an 257 Tagen im Jahr im Büro Akten knicken, lochen und abheften müssen oder tagein und tagaus Mülltonnen leeren würden.

Die Automatisierung hat nur einen Haken: das Einkommen ist an einen Arbeitsplatz gebunden. Wer keine Arbeit hat, hat kein Einkommen. Ausnahmen bilden augenscheinlich nur die superreichen „Sozialhilfeempfänger“ und die superarmen „Sozialhilfeempfänger“. Die Vermögenden erhalten ohne dafür arbeiten zu müssen ein sicheres Einkommen in Form von Zins und Zinseszins von der sozialen Gemeinschaft und die armen arbeitslosen Menschen können sich (zumindest in der westlichen Welt) über Arbeitslosengeld aus Steuergeldern freuen.
Bei den beiden genannten Ausnahmefällen wird die Problematik, dass das Einkommen an einen Arbeitsplatz gebunden ist, aber nur verschoben. Der Vermögende mag auch dann Anspruch auf Zinszahlungen haben, wenn er dafür keine Leistung erbringt. Aber dieses Geld kann nur gezahlt werden, wenn andere Menschen dafür arbeiten und auf einen Teil ihres Lohns verzichten. Ähnlich sieht es bei den Sozialhilfeleistungen aus. Der Empfänger der Leistung muss nicht arbeiten, um Geld zu erhalten. Dafür müssen die Menschen, die einen Arbeitsplatz haben, das Geld erwirtschaften um es dann über Steuern an den Staat abgeben zu können, der seinerseits das Geld an die Bedürftigen verteilt.
Man kann es drehen und wenden, wie man möchte. So wie in den vergangenen Jahrtausenden ist das Einkommen auch heute noch direkt oder indirekt mit einem Arbeitsplatz verbunden. Ohne Arbeit kein Einkommen. Das bedeutet aber auch, dass zukünftig immer weniger Menschen ein Einkommen beziehen werden und diejenigen, die noch einen bezahlten Arbeitsplatz haben, müssen mit Maschinen konkurrieren, die unglaublich schnell, präzise und billig produzieren können. Aus Sicht der Konzerne ist der Idealzustand erreicht, wenn jeder teure menschliche Arbeitsplatz durch einen billigen seelenlosen Roboter ersetzt wurde, der rund um die Uhr arbeitet, keine Gehalt fordert, nicht für bessere Arbeitsbedingungen streikt und auch nicht ausfällt, weil er sich im Skiurlaub eine Zerrung zugezogen hat.

In dieser schönen neuen Welt haben die Menschen rund um die Uhr Freizeit, während die Maschinen ununterbrochen Waren produzieren und Diensteislungen erbringen. Unglücklicherweise haben die Menschen dann aber kein Einkommen mehr und können die vielen produzierten Waren nicht mehr kaufen oder Dienstleistungen an Automaten in Anspruch nehmen. Dann brechen natürlich auch die Sozialhilfetransfers an die superreichen Zinsempfänger und die arme Unterschicht weg.
Gewinnen werden bei einem solchen System nur die Konzernbosse vorübergehend, die zur Produktion der Waren oder zur Erbringung von Dienstleistungen eine gewisse Zeit lang weniger Geld einsetzen müssen als in der Vergangenheit. Dadurch können sie höhere Gewinne erwirtschaften. Das geht so lange gut, bis das vorhandene Geld weitgehend an diejenigen umverteilt ist, welche die Produktionsstätten, die Produktionsmittel und ausreichend Kapital besitzen.
Neues Geld kommt in der heutigen Welt nur als Kredit in die Welt. Wenn aber irgendwann alle Menschen arbeitslos sind, wäre es denkbar, dass die Banken bei den Kreditvergaben eher zögerlich handeln. „Aha, Sie haben kein Einkommen und auch keine Aussicht jemals wieder ein Gehalt zu beziehen. Sie sind Pleite. Sie haben keine Sicherheiten. Sie wollen aber einen Kredit über 5.000 Geldeinheiten für den tollen Super-Plus-Gut-32-Fach-Full-HD-3D-Fernseher mit elegant gebogenem Display und Backlight-Beleuchtung? DORT IST DIE TÜR!!!11EinsElf!!“

In einer Welt, in der das Einkommen an den Arbeitsplatz gebunden ist, wird ein System mit nahezu vollständiger Automatisierung nicht funktionieren. So lange die Maschinen noch nicht alle Arbeiten übernehmen können, wie es bislang der Fall war, wird die Automatisierung zwar einige menschliche Arbeitskräfte überflüssig machen, aber im Wesentlichen wird noch viel Arbeit für Menschen bleiben. Und es entstehen sogar neue Arbeitsplätze, die zuvor nicht existierten und auch nicht notwendig waren. Die Arbeitsplätze werden sich also eher verlagern und die benötigten Qualifizierungen werden sich ändern.
Anders sieht es jedoch aus, wenn irgendwann tatsächlich einmal nahezu alle Arbeiten von Maschinen durchgeführt werden können und somit wirklich nur noch wenige Menschen einer bezahlte Arbeit nachgehen können. Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Punkt erreicht ist, an dem das System zusammenbricht, weil der Geldfluss zum Erliegen kommt. Eine vollständige Automatisierung führt dazu, dass das Geld nur noch in eine Richtung fließt: von den Konsumenten zu den wohlhabenden Konzernbossen und den vermögenden Zinsempfängern. Da irgendwann mangels Einstellung der Kreditvergaben kein Geld mehr nachkommt, wird der Großteil der Menschheit irgendwann vollständig verarmt sein und jedes Vermögen, jedes Stück Infrastruktur und jeder Quadratzentimeter Land wird einer ganz kleinen Gruppe von Menschen gehören.

Eine vollständig automatisierte Welt kann nur funktionieren, wenn das Einkommen nicht an die Arbeit gebunden ist, sondern als bedingungsloses Grundeinkommen für jeden bereitgestellt wird. Zudem muss das Geld mit einer Art Parkgebühr versehen werden, so dass es bei langer Lagerung an Wert verliert und damit den Waren nicht mehr Überlegen ist. Außerdem wird durch diese Parkgebühr ständig so viel Geld aus dem System abgezogen, wie durch das Grundeinkommen zugeführt wird. So könnte sichergestellt werden, dass jeder Mensch immer genug Geld hat, die Waren und Dienstleistungen zu erwerben, die er benötigt und gleichzeitig ist es nicht mehr möglich, unvorstellbar große Geldmengen zu horten und den Rest der Menschen damit zu erpressen. Außerdem bliebe die Geldmenge relativ stabil und könnte sehr präzise an die aktuellen Wirtschaftssituation angepasst werden. Inflation und Deflation würde man nur noch aus den Geschichtsbüchern kennen.
Aufgrund der Automatisierung haben die Menschen dann auch viel Zeit für die angenehmen Dinge des Lebens. Allerdings setzt dies eine gewisse Disziplin und ein großes Maß an Verantwortungsbewusstsein voraus, wie Beobachtungen zeigen. Denn was passiert, wenn einige Menschen das bedingungslose Grundeinkommen, das jeder erhalten soll, verjubeln und dann immer pleite sind? Was, wenn diese Menschen keine Bildung haben und nichts mit ihrem Leben anfangen können, weil ihnen die Kreativität fehlt, das Leben positiv zu gestalten? Diese Menschen werden auch in einer idealen Welt, in der alle notwendigen Waren und auch viele Luxuswaren von Robotern produziert in ausreichender Menge vorhanden sind und jeder sich diese Produkte kaufen kann, nicht friedlich leben können. Dann muss zwar niemand mehr hungern und verdursten oder im Winter auf der Straße erfrieren, aber einige Menschen werden auch dann in dunklen Gassen herumlungern, sich vollsaufen und vielleicht sogar andere Überfallen und ausrauben oder einfach nur aus langweile verprügeln. Eine ideale Welt wird es nicht geben, weil einige Menschen selbst für ein Leben in einem Schlaraffenland zu wenig Verstand haben. Andererseits könnten die Menschen sich auf die wichtigen Dinge des Lebens besinnen, wenn sie nicht mehr ums tägliche Überleben kämpfen müssen. Die Gesellschaft kann das Bildungssystem in den Vordergrund stellen und wir haben mehr Zeit, uns um die Mitmenschen zu kümmern, die dabei sind, auf die Schiefe Bahn zu geraten. Die meisten der Jugendlichen, die heute in der U-Bahn andere Fahrgäste anpöbeln und beklauen, hätten mit ausreichender Bildung, finanzieller Sicherheit und einem positiven sozialen Umfeld gewiss einen anderen Weg eingeschlagen.
Eine automatisierte Welt setzt also nicht nur ein passendes Geldsystem voraus, sondern auch eine gebildete Gesellschaft, ein umfassendes Freizeitangebot mit individuellen Entfaltungsmöglichkeiten und natürlich große soziale Verantwortung der einzelnen Mitglieder.

Deus ex machina, der Gott aus der Maschine. Er kann uns den Untergang bringen … oder aber ein Leben in einem Schlaraffenland. Es hängt letzten Endes davon ab, wie weit die Gesellschaft geistig und emotional entwickelt ist.