Der Stall, die Ursache allen Übels?

Als ich vor einigen Tagen vom „EHEC-Erreger“ hörte, mit dem sich einige Menschen infizierten, habe ich die Abkürzung erst nicht verstanden. Vielleicht haben die Moderatoren genuschelt oder der Empfang war zu schlecht. So wusste ich zwar nicht, um welche Erreger es diesmal geht, aber meine erste Vermutung war: „Aha, wieder ein unerwünschtes Geschenk aus den Ställen der Massentierhaltung.“ Schon bald darauf hieß es allerdings in den Nachrichten, dass die betroffenen Personen sich vermutlich durch Gemüse infiziert haben. Sollte ausnahmsweise einmal nicht die Massentierhaltung verantwortlich für eine solche Krankheit sein? Das ist schwer vorstellbar, denn eigentlich landet man immer in einem Stall, wenn man ausgebrochene Epidemien wie Rinderseuche, Vogelgrippe, Schweinegrippe oder die Maul- und Klauenseuche zurückverfolgt oder die Ursachen von Lebensmittelskandalen ergründet.

Die heutige Fleischroduktion hat unglaublich viele Nachteile und schwerwiegende negative Folgen für die Lebewesen in der Umwelt. Dessen ist sich der Konsument leider meistens nicht bewusst, wenn er in den leckeren, fettigen Hamburger beißt.

Um eine bestimmte Menge tierische Nahrungsmittel zu produzieren muss man vorher ein vielfaches an pflanzlichen Nahrungsmitteln anbauen. Für die Ernährung mit Fleisch wird sehr viel mehr landwirtschaftliche Flächen benötigt, als es der Fall wäre, wenn Menschen sich direkt von den Pflanzen ernähren würden. Entsprechend steigt auch der Energieaufwand für die Bestellung der Felder und den Transport. Und da Nachhaltigkeit in der heutigen Zeit ohnehin nur eine sehr untergeordnete Bedeutung hat, werden diese Unmengen an Pflanzen in Form von Monokulturen angebaut. Dies ist schließlich kurzfristig die rentabelste Form der Landwirtschaft. Monokulturen sind aber besonders anfällig für Krankheiten und Schädlinge. Dagegen kämpft man mit dem erhöhten Einsatz von Spritzmitteln unterschiedlichster Art: Pestizide gegen Schädlinge, Herbizide gegen Unkraut, Funghizide gegen Pilze. Die chemisch-pflanzliche Nahrung wird dann zu Tierfutter verarbeitet und zu den Ställen transportiert, in denen unzählige Tiere unter grausamen Bedingungen dicht an dicht gedrängt in ihrem Dreck stehend auf das Essen warten. Die Ställe müssen beleuchtet, belüftet und eventuell zeitweise beheizt werden. All dies verbraucht sehr viel Energie. (Wer also der Umwelt zuliebe sein Schweinesteak im fahlen Licht von sogenannten Energiesparlampen verdrückt, handelt durchaus etwas schizophren.)
Die Tiere haben nicht nur Hunger, sondern auch Durst und so kommt zu einer eventuellen Bewässerung der Felder noch die Versorgung der Nutztiere (was für ein Unwort) mit kostbarem Trinkwasser. Dieses wurde zuvor aufwändig gefördert, aufbereitet und zu den Ställen transportiert.
Da in den Ställen gewöhnlich sehr viele Tiere auf sehr engem Raum leben … nein, leben ist das falsche Wort … existieren, breiten sich Krankheitserreger schnell aus. Hinzu kommt, dass die Tiere meistens nicht so gefüttert werden, wie es von der Natur vorgesehen ist. Das Futter wird nicht richtig verdaut und in dem dadurch entstandenen Miljö bilden sich gefährliche Bakterien. Die Bakterien landen dann mit den Ausscheidungen auf dem Boden, auf dem die Tiere Tag und Nacht stehen. Damit die Tiere unter diesen Bedingungen nicht schon verrecken, bevor sie zum Schlachten einen Stahlbolzen in das Gehirn geschossen bekommen oder kopfüber in unter Strom stehendes Wasser getaucht werden, müssen sie präventiv, also zu nicht-therapeutischen Zwecken, Medikamente wie Antibiotika, verabreicht bekommen.[1] In der Humanmedizin werden Antibiotika nur unter einigermaßen strengen Bedingungen abgegeben, um eine falsche Anwendung, die zu Resistenzen der Erreger führen könnte, weitgehend zu vermeiden. Das heißt, dass diese Medikamente nicht frei verkäuflich sind, sondern nur auf Anordnung eines Arztes erworben werden dürfen. (Dass Ärzte viel zu viel und völlig leichtsinnig Antibiotika verschreiben ist ein anderes Thema.) Bei der Massentierhaltung scheint es da weniger Bedenken zu geben. Hier werden die Medikamente auch gerne einfach über das Futter verabreicht. Dadurch werden Krankheitserreger bald resistent gegen die Medikamente, die dann auch bei Menschen nicht mehr wirken.
Bei der Massentierhaltung entsteht viel Gülle, unglaublich viel Gülle. Die Gülle ist voll mit Medikamentenrückständen und unterschiedlichsten Krankheitserregern, die mitunter gegen wichtige Medikamente resistent geworden sind. Die fachgerechte Entsorgung dieses Sondermülls wäre sehr teuer, deswegen landet der Dreck auf den Feldern und man nennt den Vorgang der billigen Abfallentsorgung verharmlosend „Düngung“. Auf den Feldern angekommen belästigt die Scheiße nicht nur den Wanderer oder Radfahrer mit einem penetranten Geruch, sondern wird irgendwann durch den Regen in das Grundwasser oder direkt in die Flüsse und Seen gewaschen. Das Trinkwasser wird verseucht und die Lebensräume vieler Tiere zerstört. Die Kosten, die dadurch entstanden und entstehen sind sicher nicht im Preis von 2,99 Euro pro Kilogramm Hackfleisch enthalten

EHEC steht für Enterohämorrhagische Escherichia coli. Das sind Kolibakterien, die Blutungen im Verdauungstrakt auslösen können. Die Herkunft der Bakterien ist eigentlich schon lange bekannt. 1993 wurde Petersilie in einer Kräuterbutter als EHEC-Quelle identifiziert. 1996 standen Teewurst und Mortadella unter Verdacht. Im gleichen Jahr wurde Japan von einer EHEC-Epidemie heimgesucht bei der über 10000 Menschen erkrankten und 17 starben. Diesmal waren Rettichsprossen der Überträger. 1998 erkrankten in den USA 4000 Menschen an einem Kartoffelsalat, der von einem Partyservice geliefert wurde. Im Jahr 2000 erkrankten in Kanada etwa 2000 Menschen an verseuchtem Grundwasser und 18 von ihnen starben. 2005 erkrankten in Großbritannien viele Menschen an dem Erreger, ein fünfjähriger Junge starb. 2006 starb in Deutschland ein zweijähriger Junge und in Amerika ein ebenfalls zweijähriger Junge und eine ältere Frau.
Die Ausbreitung der Krankheiten nahm in den Ställen ihren Ursprung, in denen die Rinder nicht mehr mit Gras und Heu gefüttert wurden, sondern mit Getreide oder gar Tiermehl aus verstorbenen Artgenossen. Im Verdauungstrakt der Rinder, der dafür nicht ausgelegt ist, bilden sich gefährliche Varianten der ansonsten eher harmlosen Kolibakterien.[2]

Wie man nun mehr oder weniger sicher weiß, waren diesmal spanische Salatgurken der Überträger. Diese wurden – so vermutet man – mit Gülle gedüngt. Damit wäre die Ursache des neuen Ausbruchs der Krankheit also doch wieder einmal auf die Tierhaltung zurückzuführen. Welch Ironie des Schicksals, das mittlerweile Veganer gefährdet sind, durch die Tierhaltung krank zu werden.


Literaturverzeichnis:
[1]
Tiere essen, 4. Auflage 2010, Einfluss, S. 163; Jonathan Safran; Tiere essen, 4. Auflage 2010, Einfluss, S. 163; 2010
[2]
Katzen würden Mäuse kaufen - Schwarzbuch Tierfutter, Taschenbucherstausgabe 04/2009, Tödliche Keime, S. 127-44; Hans-Ulrich-Grimm; Katzen würden Mäuse kaufen - Schwarzbuch Tierfutter, Taschenbucherstausgabe 04/2009, Tödliche Keime, S. 127-44; 2009

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