Der ehrliche Kunde ist der Dumme

Ich erinnere mich noch an einen Gastvortag eines Entwicklers von Crytek an der Universität Koblenz-Landau. Nach dem Vortrag wurde die Frage gestellt, wie die Planungen bezüglich der Kopierschutzmaßnahmen aussehen. Der Entwickler beteuerte, dass keine restriktiven Maßnahmen geplant sind, wie sie Valve mit Steam eingeführt hat. Das war zu einer Zeit, als der Hersteller gerade FarCry entwickelt hatte. Damals war der Publisher noch Ubisoft. Von diesem Spiel war ich sehr begeistert. Vor allem wegen der faszinierenden Grafik. So habe ich den Kauf des Spiels nie bereut.
Weil ich von dem Spiel sehr überzeugt war, habe ich mir auch Crysis, das nächste Spiel aus dem Hause Crytek, für einen stolzen Preis gekauft. Ausschlaggebend dafür war letztendlich die Aussage des Entwicklers, bezüglich der Kopierschutzmaßnahmen. Wenn Crysis über das Internet aktiviert werden müsste, wie es beispielsweise bei Half Life 2 de Fall ist, wäre mir das Risiko zu hoch, dass ich das legal erworbene Spiel irgendwann nicht mehr spielen kann. Half Life 2 habe ich bereits aufgrund der Pflicht zur Produktativierung nicht gekauft. Meine Hardware reicht zwar bei weitem nicht aus, um Crysis mit hoher Auflösung und guter Grafik zu spielen, Spaß gemacht hat es dennoch. Entsprechend erfreut war ich, als ich das Spiel Crysis Warehead im Ladenregal stehen sah und mir vielen wieder die Worte des Entwicklers am Ende des Vortrages ein. Da hatte ich dann spontan beschlossen, das Spiel sofort zu kaufen. Bei einem letzten Blick auf die Vorderseite der Verpackung, mit dem ich mich überzeugen wollte, dass es sich tatsächlich um ein neues Spiel und nicht Crysis in neuer Verpackung handelt, bemerkte ich den winzigen Hinweis, dass eine Internetverbindung für die Aktivierung erforderlich sei. Enttäuscht und frustriert stellte ich die Packung wieder zurück und verließ den Laden.
Mittlerweile ist nicht mehr Ubisoft der Publisher von Crytek, sondern Electronic Arts (EA). Nun weht ein anderer Wind. Das zeigte sich schon bei dem Spiel Crysis, das ebenfalls von EA vertrieben wird. Hier wurde der Patch Support bereits eingestellt, bevor die bekannten Fehler behoben waren.[1]
Unter EA werden Spiele lediglich schnell auf den Markt geworfen, dann jedoch nicht gepflegt. Der Publisher legt mehr Wert darauf ein weiteres Spiel zu verkaufen, als ein altes zu verbessern. Das ist zwar verständlich, mindert aber den Wert der Produkte. Man erinnere sich an Half Life 1, das zu einer Zeit entwickelt wurde, als selbst Valve noch nicht an Aktivierungen übers Internet dachte. Damals wurden die Fehler im Produkt noch gepatcht und der Community ein Leveleditor zur Verfügung gestellt, mit es möglich war neue Level oder gar gänzlich modifizierte Spiele zu entwickeln. So entstand eine rege Szene an kreativen Hobbyentwicklern, die sich übers Internet austauschten und Erweiterungen schufen. Unter anderem entstand in diesem produktiven Kontext das bekannte Multiplayerspiel Counter-Strike, das dem Spiel Half Life 1 zu großer Verbreitung verhalfen was letztendlich eine gute Basis für den folgenden Titel Half Life 2 darstellte. Nachdem die Entwicklung von Counter-Strike von der Community zu Valve unter dem Publisher Sierra überging, wurde weniger das Spiel weiterentwickelt, sondern mehr die Kopierschutzmechanismen mit Steam. Die neuen Zwangsregistrierungen stießen auf wenig Gegenliebe und mit der Zeit Zerbrach die Community und Counter-Strike verschwand in der Versenkung.
Zurück zu Crysis. Auch hier wird ein Leveleditor mitgeliefert und schnell entstanden die Ansätze einer Modding-Szene. Da jedoch EA offensichtlich wenig Wert darauf legt, Produkte zu verbessern und zu pflegen, hielt sich die Unterstützung in Grenzen. Anstatt erst einmal die alten Fehler in einem Spiel zu beseitigen werden neue Spiele auf den Markt geworfen. Langfristige Unterstützung und Service sind nur noch Fremdworte. Das ist sehr schade, da die Community und die Modifikationen zu einem Spiel einen besonderen Reiz ausmachen. Mittlerweile geht es jedoch nicht mehr um Qualität, sondern nur noch um Quantität.[2]
Nun geht EA noch einen Schritt weiter. Nicht nur der Service wird reduziert, um die Profite zu maximieren werden auch die Kopierschutzmechanismen immer restriktiver und gängeln den ehrlichen Kunden zunehmend.[3] Der Zwang zur Online-Aktivierung und SecuROM stoßen auf wenig Gegenliebe. Das ist verständlich, schließlich hat EA immer wieder gezeigt, dass sie von einem Support über längeren Zeitraum nicht viel halten. Es ist also durchaus fraglich, ob die Aktivierung in fünf oder gar zehn Jahren noch möglich sein wird.

Der Zwang zur Online-Aktivierung macht die Kunden abhängig vom Wohlwollen der Entwickler und Publisher. Darüber hinaus schränkt es den Wiederverkaufswert ein. Das mag zwar im Sinne des Publishers sein, jedoch zeugt es nicht von Kundenfreundlichkeit. Dennoch gelingt es, die Restriktion als Gewinn für den Kunden darzustellen:

Vorteil des neuen Kopierschutz-Systems ist allerdings, dass man zum Spielen nicht mehr die CD einlegen muss, da die Authentifizierung der eigenen Seriennummer nun regelmäßig über das Internet geschieht, während früher speziell geschützte CD bzw. DVDs dafür sorgten, dass man keine Kopie des Spieles weitergeben kann.[3]

Quelle: Game 7

Der Zwang zum Einlegen der DVD war schon eine unangenehme und nervige Einschränkung. Diese Einschränkung durch eine noch stärkere Restriktion zu ersetzen ist gewiss kein Vorteil für den Kunden. Eine Erleichterung wäre es dann, wenn die Restriktion ersatzlos gestrichen Wäre. Und dann wäre es auch keine richtige Erleichterung, sondern nur die Abschaffung einer – aus Sicht des ehrlichen Kunden – unnötigen Erschwernis.

Der ebenfalls verwendete Kopierschutz SecuROM nistet sich sogar tief ins Betriebsystem ein und schränkt sowohl die Funktionalität als auch die Sicherheit des Systems ein.

Beobachtet man die Entwicklung, der Kopierschutzmechanismen, so wird deutlich, dass sie immer größere Einschränkungen der Freiheit der Benutzer darstellten. Waren sie anfangs noch witzig gestaltet und forderten den Nutzer auf, etwas im Handbuch nachzuschlagen, kam bald die Pflicht, bei jedem Programmstart einen Datenträger einzulegen. Nachdem sich die Kunden daran gewöhnt hatten, wurde die Online-Aktivierung eingeführt und mittlerweile werden bei der Programminstallation auch Rootkits ins Betriebssystem verankert.
Immer wieder hört man die Argumente, dass die kleine Änderung doch nicht so schlimm sei und man den neuen Kopierschutz auch hinnehmen kann. So viel größer sind die Einschränkungen ja nicht. Bei dieser Argumentation wird jedoch außer acht gelassen, das die Akzeptanz einer Maßnahme einem Einverständnis gleich kommt. Damit ist der Weg frei für die nächste Einschränkung. Auf lange Sicht gesehen, sind die Änderungen durchaus gravierend. Hat man anfangs noch ein Symbol im Handbuch nachgeblättert, gefährden die Kopierschutzsysteme mittlerweile die Privatsphäre und die Systemsicherheit.
Wenn die Kopierschutzmaßnahmen erst einmal etabliert sind, werden sie – das zeigt die Entwicklung in der Vergangenheit – von immer weiteren Herstellern übernommen. Die Pflicht zur Online-Aktivierung war zunächst lediglich bei Windows XP nötig. Nach und nach folgten immer weitere Hersteller.[4] Anfangs ist das möglicherweise lediglich nervig. Man denke an die häufig anzutreffende Einschränkung auf die Anzahl der möglichen Installationen. Gewöhnlich bekommt man bei ordnungsgemäßen Deinstallation wieder eine Installation gutgeschrieben, so dass man das Programm anschließend auf einem neuen Rechner installieren kann. Diese Gutschrift wird gerne als Bonus angepriesen. Der Mehrwert zu einer ganz gänzlich problemlosen Neuinstallation, wie es früher üblich war, ist mir jedoch nicht ersichtlich.
Nun gut. Anfangs mag das – wie bereits erwähnt – einfach störend sein, wenn man erst ein oder zwei Programme deinstallieren muss, bevor man den alten Rechner gegen einen neuen austauschen kann. Hat sich das Konzept aber erst einmal auf breiter Front durchgesetzt, ist es möglicherweise nötig zunächst ein Dutzend Programme zu deinstallieren, bevor man die Festplatte formatiert und den Rechner entsorgt.

Es bleibt nur zu hoffen, dass die Schmerzgrenze bald erreicht ist und neue Einschränkungen durch Produktaktivierung und Rootkits von den Kunden abgelehnt werden. Erste Ansätze gibt es schon, wie z.B. die negativen Produktbewertungen bei Amazon.[3] Erst dann wird es wieder möglich sein, Programme bequem zu nutzen, die man für viel Geld gekauft hat. Der Trend hin zu immer weniger Service und immer mehr Einschränkungen ist nicht im Sinne der ehrlichen Kunden.
Ich werde auch weiterhin Produkte meiden so gut es geht, die meine Freiheit durch Zwangsaktivierung einschränken und die Sicherheit meines Rechners mit der Installation von Rootkits gefährden.


UPDATE (12.11.2008):
Immerhin hat Electronic Art mittlerweile gemerkt, dass ihr Kopierschutz nicht gut ankommt. Aber auf die Wünsche der Kunden eingehen kommt natürlich nicht in Frage. Nicht in einer Zeit, in der es Möglich ist, den größten Schrott zu verkaufen, wenn man ihn mittels Werbung in ein gutes Licht rückt. Anstatt den lästigen Kopierschutz zu entfernen, wird einfach ein Werbespot gedreht, der suggerieren soll, das der Kopierschutz kein Problem ist und akzeptiert werden kann. Heutzutage wird nicht mehr das produziert, was der Kunde will. Der Kunde bekommt das schmackhaft gemacht, was die Industrie produziert.


Weiterführende Artikel:

Ich will doch nur spielen… – Spezial
Sacred 2: Fallen Angel – Aktivierung: Teilweise unspielbar!
Looki zum Sonntag — Langsam reicht’s! —
Ebenfalls mit unbeliebtem Kopierschutz
Auch Steam-Version mit SecuROM
Spore-Foren-Moderator droht: „Wer weiter über DRM diskutiert, wird gebannt!“
Produktaktivierung – Wie man ein Spiel vor Käufern schützt
GDC09: Online-Aktivierung soll Frühstart kopierter Games for Windows unterbinden


Literaturverzeichnis:
[1]
Crysis - Patch-Support eingestellt; http://www.giga.de/show/gigagames/pc/00145403_crysis_patchsupport/; 02.06.2008
[2]
Crysis: Support und Entwicklung eingestellt (Update 2); http://www.netzwelt.de/news/77865-crysis-support-und-entwicklung-eingestellt.html; 10.06.2008
[3]
?
[4]
Adobe folgt dem Trend (Produktaktivierung); http://winfuture.de/news,10324.html; 09.08.2003