Das Land der schlafenden Affen

Verlassene Industriehalle
In den Flussbetten fließt Milch, Honig oder Wein. Das Essen fliegt vorgegarrt und mundfertig durch die Luft und statt Steine liegen Käsespezialitäten herum. Harte Arbeit und Fleiß werden verachtet und als Sünde betrachtet. Gegen das Altern hilft ein Schluck aus dem Jungbrunnen.
Nun, ganz so extrem wie im Land der faulen Affen, besser Bekannt als „Schlaraffenland“ (mittelhochdeutsch sluraff = Faulenzer), werden wir uns im echten Leben nicht dem Müßiggang hingeben können. Aber mal ehrlich, wer träumt nicht von einem sorgenfreien Leben mit gesichertem Einkommen, einem Dach über dem Kopf und einem gesunden, langen Leben? Und in der Tat wäre ein solches Ziel durchaus erreichbar. Gebratene Tauben werden zwar nicht durch die Luft fliegen (und das ist unter Berücksichtigung von Tierrecht und Tierschutz auch nicht wünschenswert), aber dass zukünftig eine Drohne (oder besser gesagt ein Multikopter) irgendwann die bestellte vegetarische Pizza liefert, ist durchaus denkbar.

Wenn Maschinen für uns arbeiten

Immer mehr Tätigkeiten werden von Maschinen erledigt. Wo früher noch viele Menschen notwendig waren, um ein Feld zu bestellen oder die Ernte einzubringen, kann ein einzelner Landwirt die Arbeit mit einem Traktor in kurzer Zeit alleine erledigen. Satellitengestützt werden die Traktoren irgendwann auch noch ohne Fahrer auskommen und die Arbeit selbstständig erledigen. In den Fabriken arbeiten Roboter bereits heute schneller, präziser, ausdauernder und zuverlässiger, als es Menschen jemals könnten. Kassierer in den Supermärkten werden durch automatisierte Scans der Waren und virtuelle Bezahlverfahren ersetzt. Selbstfahrende Transportmittel werden Taxifahrer, Fernfahrer, Lockführer, Piloten und Kapitäne ersetzen. Geldgeschäfte werden schon heute zunehmend übers Internet mittels Homebanking erledigt. Kein Beruf, der sich automatisieren lässt, wird Bestand haben.
Ob wir dies gut oder schlecht finden, spielt keine Rolle. Aufhalten lässt sich diese Entwicklung gewiss nicht, schließlich ist sie von einer der Größten Mächte getrieben, die wir kennen. Nein, nicht unbedingt die Gier, sonder viel mehr ist es der gnadenlose Zwang nach Rentabilität und Effizienz, der diese Entwicklung vorantreibt. Wer nicht effizienter, billiger und schneller produzieren kann als die Konkurrenz, wird übernommen und verschwindet vom Markt. Aufgrund der Globalisierung ist der Konkurrenzdruck enorm. Selbst der Weinhändler im Dorf muss sich mit global agierenden Konzernen aus Übersee im Wettstreit behaupten. Auch wenn ein Konzernboss wollte und es sich finanziell auf den ersten Blick leisten kann, kann er es sich nicht erlauben, die Arbeiter anständig zu entlohnen. Dies würde die Gewinne schmälern und er müsste damit rechnen, von den Investoren und Aktionären abgestraft zu werden. An den Börsen werden steigende Renditen erwartet. Da spielt es keine Rolle, wie sich der Arbeiter fühlt, der die Rendite erwirtschaften muss. Zu den Arbeitern haben die Investoren ohnehin keinen persönlichen Bezug und somit ist keinerlei Mitgefühl zu erwarten. Das einzige, was am Ende des Quartals zählt, ist die Bilanz und die Einschätzungen irgendwelcher realitätsferner Ratingagenturen.
Am Ende bleiben nur die übrig, die am rentabelsten produziert haben. Niemand kann sich auf seinen Lorbeeren ausruhen. Wer stehen bleibt, wird überholt. Eine wesentliche Triebfeder dieses Zwanges zum grenzenlosen exponentiellen Wachstum sind Zins und Zinseszins. Das vorhandene Geld wurde mittels Geldschöpfung durch die Vergabe von Krediten geschaffen und hierfür sind gewöhnlich Zinsen zu bezahlen. Dies ist auf längere Sicht nur möglich, wenn ständig neues Geld geschaffen wird, was wiederum durch die Vergabe von zinsbehafteten Krediten erfolgt. Negativzinsen sind derzeit noch die Ausnahme und führen in diesem System ohnehin zu keiner Verbesserung der Situation.
So lange das Finanz- und Wirtschaftssystem nicht grundlegend geändert wird, wird sich nichts am Zwang der permanenten Effizienzsteigerung ändern. Da menschliche Arbeitskraft ein wesentlicher Kostenfaktor ist, werden die Konzerne versuchen, diesen Faktor zu eliminieren. Wenn dies bedeutet, dass dadurch langfristig alle Menschen arbeitslos sein werden und sich die von Maschinen hergestellten Produkte nicht mehr leisten können, werden die Entscheidungsträger dies in Kauf nehmen. Es geht nur darum, jeden Tag aufs neue zu überstehen und möglichst länger durchzuhalten, als die Mitbewerber. Vorausschauendes Denken ist eine „Schwäche“, die man sich im globalen Wettkampf um Geld, Macht und Ressourcen nicht leisten kann.
Wir müssen uns also darauf einstellen, dass es irgendwann ganz wenige Menschen mit sehr viel Geld, Macht und Produktionsmitteln große Mengen an Waren anbieten, während kaum noch Menschen in der Lage sind, sich diese Waren zu kaufen. Die einen werden früher kein Geld mehr haben, die anderen etwas später. Dies führt natürlich zu erheblichen Konflikten. Gewalttaten aus Neid, Verzweiflung oder aus purer Notwendigkeit werden dann zum Alltag gehören. Während die Armen in den Gettos und Gefängnissen eingesperrt sind, werden die Reichen hinter Stacheldraht und hohen Mauern gefangen sein.

Ungerechtigkeit und Zerstörung der Gemeinschaften

Dank der beachtlichen Automatisierung, von der Dampfmaschine bis zum HighTech-Roboter, hätte es den Menschen gelingen können ein Paradies auf Erden zu schaffen. Ein Paradies, in dem die Roboter die unliebsame, beschwerliche oder auch die gefährliche Arbeit erledigen. Die Menschen könnten derweil ohne Zwänge und Existenznöte ihren Vorlieben nachgehen, sich mit Freunden treffen, sich weiterbilden oder Sport treiben. Es wäre viel mehr Zeit für Forschung und Lehre oder für Kunst und Kultur.
Damit dies jedoch möglich wird, muss das Vermögen gleichmäßig verteilt sein. Was hilft es, wenn ein Roboter ein bestelltes Buch verpacken und mit einem Mutikopter zum Kunden schicken kann, wenn kaum jemand genug Geld hat, um das Buch überhaupt zu kaufen? Da der als Umlaufsicherung gedachte Zins jedoch automatisch zu einer Konzentration der Vermögen bei den ohnehin schon reichen Menschen führt, ist das Geld nicht gleichmäßig verteilt sondern wird immer stärker einer kleinen Gruppe zufließen. Irgendwann werden ganz wenige Menschen das gesamte Vermögen besitzen und die große Mehrheit der Menschen trägt die Schuldenlast, die dem Vermögen gegenübersteht. Und das ist der Grund, warum wir nicht auf dem Weg ins Paradies sind, sondern uns geradewegs in die Hölle bewegen.
Anstatt gemeinsam für mehr Gerechtigkeit zu einzutreten, werden die Menschen – abgelenkt durch Brot und Spiele – überwacht und in ihrer Freiheit eingeschränkt. Anstelle von Gemeinsamkeit werden die Familien zerstört und historisch gewachsene Strukturen durch Völkerwanderungen und Entwurzlung geschwächt. Jeder ist sich selbst der nächste und soll möglichst so lange passiv und ohne Fragen zu stellen für den Wohlstand der globalen Elite arbeiten, bis eine Maschinen seine Arbeit schneller und billiger erledigt. Dann verliert er seinen Arbeitsplatz und damit sein Einkommen.

Geldreform und Bodenrecht

Den Weg, der ins Schlaraffenland führen würde, haben wir vermutlich verpasst. Um diesen einzuschlagen wäre tatsächlich eine Art Negativzins notwendig, der als Parkgebühr verstanden werden kann. Diese Maßnahme führt jedoch nur im Kontext mit weiteren Maßnahmen zum Ziel einer besseren Welt. Mit der Geldreform müsste beispielsweise eine umfassende Bodenreform einhergehen.
Wenn jemand sein Geld nicht benötigt, und es hortet, muss das Geld an Wert verlieren. Damit wäre die Überlegenheit des Geldes gegenüber den Waren, welche naturgemäß verderben oder veralten, aufgehoben. Dadurch würde man auch nicht mehr alleine begründet durch den bisherigen Besitz noch reicher. Um Geld fürs Alter anzusparen, lohnt es sich das Geld zeitweise zu verleihen um nach Ablauf der Zeit die gleich Summe (und keine höhere Summe) wieder einzufordern, die man verleihen hat. Dadurch kann man die Geldgebühr umgehen und gleichzeitig muss in der Gesamtheit nicht mehr Geld zurückgezahlt werden, als verleihen wurde. Das Gehalt der Bankangestellten kann durch Gebühren gedeckt werden, anstatt durch Zinsgewinne.
Durch die Entwertung des Geldes steigt der Anreiz, Geld zu verleihen oder auszugeben. Das Geld, das durch die automatische Entwertung verloren geht, muss natürlich wieder nachfließen. Dies sollte jedoch nicht über Kreditvergaben geschehen, da dem Geld dann wieder eine Schuld gegenübersteht. Besser wäre es, wenn die Staaten jeden Monat die Summe an Geld ausgeben dürfen, beziehungsweise ausgeben müssen, um welche die Geldmenge entwertet wurde. Bauprojekte, Instanthaltungsprojekte, Renten, Gesundheitsvorsorge, Kinder- und Altenpflege, Forschung und Lehre ließen sich mit dem Geld finanzieren. Möglicherweise sogar ein bedingungsloses Grundeinkommen, das zumindest zum Leben reicht. Staatsverschuldung und unsinnige Steuern, die nichts steuern, sondern nur der Begleichung von Schulden dienen, würden damit auch der Vergangenheit angehören. Steuern könnten gezielt dazu genutzt werden, zerstörerische und umweltschädliche Produktionen zu verteuern und verträglicheren Alternativen einen größeren Spielraum zu geben.
Damit ein solches Geldsystem funktioniert, muss es natürlich mit einem umfassend angepassten Bodenrecht einhergehen. Niemand darf Grund und Boden persönlich besitzen. Grundstücke können lediglich gepachtet werden. Natürlich darf der Pachtzeitraum auch ein Leben lang sein und die Pachtrechte sollten so vererbt werden können, wie man heute Grundbesitz vererben kann. Wer jedoch ein Grundstück exklusiv nutzen möchte, muss dafür eine Gebühr an die Allgemeinheit bezahlen, die mit dem Grundeinkommen verrechnet werden kann. Wer viel Grund besitzen möchte, muss viel Geld bezahlen. Wer keine Grundstücke besitzt, erhält einen finanziellen Ausgleich, den er beispielsweise für die Begleichung der Kosten einer Mietwohnung aufwenden kann. Dadurch wird es unrentabel, große Vermögen in Grund und Boden zu investieren, um der Geldgebühr zu entkommen, ohne die Grundstücke im Sinne der Allgemeinheit zu nutzen.

Die Weichen sind gestellt

Mit einem solchen System wäre sichergestellt, dass jeder Mensch durch ehrliche Arbeit ein gutes Einkommen erhalten kann. Sollte es irgendwann nicht mehr genug Arbeitsplätze für Menschen geben, weil Maschinen die notwendigen Tätigkeiten durchführen, wäre das Einkommen der Menschen immer noch gesichert. Gleichzeitig würde es sehr schwer sein, große Vermögen anzuhäufen, die man überhaupt nicht mehr verkonsumieren kann. Der Konkurrenzdruck würde ebenfalls nachlassen, weil niemand existenziell vom Erfolg eines Unternehmens abhängig wäre.
Natürlich müsste ein weltweites Umdenken stattfinden, denn sonst würden die Vermögen natürlich sofort dorthin fließen, wo im Moment die größte Rendite zu erhalten ist und lokale Gemeinschaften, die ein System haben, das für die Menschen besser ist, aber weniger Gewinn verspricht, würden den Anschluss verlieren. Eine globale Kehrtwende erscheint jedoch eher nicht realistisch. Die Weichen sind somit bereits seit langer Zeit gestellt und die Reise wird nicht ins Schlaraffenland führen, in dem Maschinen für uns arbeiten und wir mit Freunden Pizza essen, Radtouren unternehmen oder ins Theater gehen, sondern ins Land der schlafenden Affen. Und wenn die Menschen irgendwann aufwachen, ist es zu spät und wir finden uns in einer Welt wieder, in der kein Platz mehr für uns ist. Weder für die Armen, noch für die Reichen.