Das Feiglingsspiel der amerikansichen Regierung

Das Feiglingsspiel (englisch Chicken Game) dürfte jedem bekannt sein und ist zuweilen auch Thema in Filmen. Beim Feiglingsspiel, das eine Mutprobe darstellt, wird mit dem Untergang gespielt. Eine Variante ist es, wenn zwei Teilnehmer des Spiels mit ihren Fahrzeugen mit hoher Geschwindigkeit aufeinander zufahren und hoffen, dass der jeweilige Gegner ausweicht (wie es meiner Erinnerung nach auch in einem Teil der Filmreihe „The Fast and the Furious“ thematisiert wird). Weicht einer aus, verliert er während sein Gegner gewinnt und beide Teilnehmer überleben. Weichen beide Kontrahenten aus, verlieren zwar beide, überleben aber immerhin, sofern sie nicht in die gleiche Richtung ausweichen. Wenn keiner ausweicht, gewinnen beide Fahrer, aber bezahlen dafür auch mit dem Leben. Ziel ist es, den größten persönlichen Nutzen zu ziehen, also zu gewinnen ohne zu sterben. Das geht aber nur, wenn der andere Teilnehmer sich entscheidet, zu verlieren.
Das hier genannte Spiel stellt eine überaus interessante Problematik dar, die auch in der Spieletheorie behandelt wird und im realen Leben stärker verbreitet ist, als man vielleicht annehmen würde. Betrachten wir die aktuelle finanzielle Situation der USA. Die Staatsverschuldung hat einmal mehr die „Schuldenobergrenze“ erreicht, was zur Zahlungsunfähigkeit der Regierung führen wird, wenn die Obergrenze nicht bald angehoben wird. Die Demokraten um den Präsidenten, möchten die Grenze anheben. Die Republikaner hingegen Knüpfen die Abhebung an die Bedingung, dass Präsident Obama Abstriche bei seiner fragwürdigen Reform des Gesundheitssystems macht. Da die Zustimmung beider Gruppen für eine weitere Anhebung der Grenze nötig ist, müssen sich beide Parteien einigen. Obama möchte auf die Forderungen der Republikaner jedoch nicht eingehen. Damit stehen beide Kontrahenten, beziehungsweise Teilnehmer des Feiglingsspiels fest: Demokraten und Republikaner.
Wenn die Demokraten nachgeben und durch Hinnahme von Abstrichen bei der Gesundheitsreform ausweichen, sind sie die Feiglinge und haben verloren. Aber der Crash des Geldsystems kann noch einmal abgewendet werden. Geben die Republikaner nach und stimmen der Erhöhung zu, ohne dass die von ihnen geforderten Änderungen bei der Gesundheitsreform berücksichtigt werden, sind sie die Feiglinge und haben verloren. Aber auch in diesem Fall kann der Crash abgewendet werden.
Und was ist, wenn niemand nachgibt? Dann gewinnen zwar beide Parteien das Feiglingsspiel, aber das amerikanische Finanzsystem wird in einem gigantischen Crash kollabieren und die Weltwirtschaft in den Abgrund reißen.
Der naheliegende Ausgang ist also, dass beide Parteien „ein bisschen“ nachgeben, beziehungsweise ausweichen. Aber bevor es soweit ist, gibt es noch gewisse Möglichkeiten, den Ausgang des Feiglingsspiels für sich zu entscheiden. Wenn man dem Gegner glaubwürdig versichert, dass man selbst keineswegs ausweichen wird und den Zusammenstoß in Kauf nehmen wird, dann erhöht man die Chance, dass der Gegner kapituliert und man selbst als Gewinner aus dem Spiel hervorgeht. Das macht beispielsweise Obama, wenn er mit der US-Pleite droht. Dadurch möchte er seine Gewinnchancen durch Demoralisierung des Gegners steigern. Eine andere Möglichkeit wäre es, dem Gegner klarzumachen, dass man völlig „ballaballa“ im Kopf ist und keine rationalen Entscheidungen treffen wird. Der Gegner braucht dann nicht darauf zu hoffen, dass man aufgibt, weil man Angst um sein Leben hat. Er weiß dann, dass man so bescheuert ist, sich für einen Spielsieg umzubringen. Wenn der Gegner also überleben will, muss er aufgeben.
Die entsprechenden Tricks zur Verwirrung des Gegners, werden vermutlich noch eine weile weiter ausgespielt und dann wird gemacht, was sich im Artikel „Obama droht mit US-Pleite – Boehner will nicht kapitulieren“ abzeichnet. Beide Parteien geben ein bisschen nach, um ohne großen Gesichtsverlust aus dem Schlamassel zu kommen. Die Demokraten um Obama werden kleinere Abstriche bei der Gesundheitsreform in Kauf nehmen oder späteren Verhandlungen zustimmen und die Republikaner um Boehner werden sich darauf einlassen und nach der Erhöhung der Schuldengrenze über die Bedingungen der Gesundheitsreform verhandeln.

Und in etwa einem Jahr treffen sich die Demokraten und die Republikaner in noch größeren und schnelleren Fahrzeugen für ein weiteres Feiglingsspiel um die Erhöhung der Schuldenobergrenze. Denn eines ist sicher: aufgrund von Zins und Zinseszins werden die Schulden in einem Jahr noch höher sein als sie es heute sind und wenn die ausgehandelte Grenze wieder erreicht ist, muss neu gespielt werden.