Das Ende des Wirtschaftswachstums

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den Abbau der Schuldenberge sowie Investitionen in Bildung und Forschung als vorrangige Aufgaben der nächsten Jahre genannt.Wirtschaftswachstum sicherzustellen sei eine Daueraufgabe, sagte Merkel in ihrem am Samstag veröffentlichten wöchentlichen Video-Podcast. „Man kann das im Grunde nur durch Innovation sicherstellen – indem wir an den wesentlichen Trends der Weltwirtschaft mit teilhaben.“ Hierbei sei es ganz besonders wichtig, die sogenannte Industrie 4.0-Entwicklung zu gestalten: die Verschmelzung von Internet- und Informationstechnologien mit der klassischen Industrie.[1]

Quelle: Merkur-Online

Gebetsmühlenartig predigen führende Politik-Darsteller, wie etwa die Bundeskanzlerin, dass wir Wirtschaftswachstum benötigen und dass es eine Daueraufgabe ist, dieses Wachstum sicherzustellen.
Permanentes Wirtschaftswachstum kann aber nur erreicht werden, wenn hierfür immer mehr Energie und Rohstoffe aufgewendet werden. Die Ressourcen sind jedoch begrenzt und die Umwelt ist schon jetzt durch den Schadstoffausstoß stark in Mitleidenschaft gezogen. Wir zerstören mit diesem grenzenlosen Wachstum unseren Lebensraum und damit unsere Lebensgrundlage. Wachstum kann also nicht dauerhaft funktionieren. Dies zu fordern ist entsprechend absurd und zeugt entweder von beachtlichem Unverständnis und Kurzsichtigkeit oder Rücksichtslosigkeit und krimineller Energie.


Die Wachstumseuphorie erlahmt


Nur selten wird die Forderung nach einem beständigen Wachstum der Wirtschaft in Frage gestellt. Entsprechend erfreulich ist es, dass der öffentlich-rechtliche Sender Phoenix ein Interview sendete, indem der Wachstumszwang kritisch hinterfragt wird. Da die Öffentlich-Rechtlichen gewöhnlich eher ein systemkonformes Verblödungs- und Ablenkungs-Programm gestalten, ist ein solcher Beitrag eher die Ausnahme und es ist nicht verwunderlich, dass das Interview mitten in der Nacht gesendet wurde. So ist zumindest nicht zu befürchten, dass viele Menschen den ungewöhnlich kritischen Beitrag ansehen.

Reinhard Loske, Professor für Politik, Nachhaltigkeit und Transformationsdynamik an der Universität Witten/Herdecke, setzt sich kritisch mit dem Wunsch auseinander, immer mehr zu wollen. Er weist darauf hin, dass das Wirtschaftswachstum nicht unerlässlich für eine funktionierende Gesellschaft ist und man durchaus drauf verzichten könnte.
Im Interview wird zunächst festgestellt, dass Wachstum zwar nach wie vor propagiert wird, dass es aber offensichtlich nicht mehr so richtig funktioniert. Jahrzehntelang wurde uns gesagt, es geht, abgesehen von kleinen Rezensionen, immer weiter aufwärts und es gibt immer mehr Wachstum. Um die Grenzen des Wachstums zu erweitern, wurden immer mehr Märkte, wie etwa Asien, erobert (Anmerkung: Definition von Erobern laut Duden: „durch eigene Anstrengung, Bemühung oft gegen Widerstände erlangen, erhalten, gewinnen“). Und jetzt stellen wir plötzlich fest, dass das Wachstum ins Stocken gerät und die Wachstumsraten mitunter sogar zurückgehen. Reinhard Loske führt dieses Stocken auf Sättigungstendenzen zurück und dass auch die Gesellschaften nicht alles daran setzen um unbedingt weiterzuwachsen. Er weist darauf hin, dass die Menschen mit dem ganz zufrieden sind, was sie erreicht haben – wenn sie es selbst bestimmen könnten. Bei vielen ist der Wachstumsdrang auch nicht auf Maßlosigkeit zurückzuführen, sondern auf die Sorge, dass Stillstand Rückschritt bedeutet. Mit Wachstum soll zumindest das gesichert werden, was bislang erreicht wurde. Ohne Wachstum können wir uns die sozialen Sicherungssysteme und die Finanzierung der Staatsfinanzen nicht mehr leisten und die Arbeitsmärkte geraten aus den Fugen. Kurzum: Wir benötigen Wachstum, um den aktuellen Stand zu halten, aber es gibt keine allgegenwärtige Wachstumseuphorie mehr.
Anders hat es in der Wiederaufbauökonomie der Nachkriegsjahre ausgesehen. Hier war das Wachstum nötig, um überhaupt einen angenehmen Lebensstand zu erreichen. Danach wurde es immer schwieriger, das Wachstum beizubehalten und es kam zu immer neuen Krisen. In der Hoffnung, das immer unnötiger werdende Wachstum zu erhalten, wurde das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz eingeführt. Zunächst wurde auf sehr hohe Tarifabschlüsse mit entsprechend einhergehender Inflation gesetzt. Dann wurde auf Staatsverschuldung zum Antrieb des Wachstums gesetzt. Mittlerweile hat man erkannt, dass die Bürde durch die wachsende Staatsverschuldung kaum noch zu tragen ist. Als Lösung wird nun offensichtlich die private Verschuldung anstelle der Staatsverschuldung gesehen.

Anmerkung: Darauf weist auch der Plan von Finanzminister Schäuble hin, 2015 keine neuen Staatsschulden aufzunehmen. Natürlich wird dies nicht lange gutgehen, da aus Sicht der Banken die Staaten die vertrauenswürdigeren Schuldner sind. Während eine Einzelperson schnell insolvent werden kann und die Bank den Kredit abschreiben müsste, hat der Staat einige Möglichkeiten, das Geld für die Zinszahlungen einzutreiben, zur Not auch mit Gewalt. Der Staat kann die Last also überhaupt nicht ohne weiteres dauerhaft direkt auf die normalen Bürger abwälzen. Langfristig möchten die Banken lieber den Staat als Schuldner. Letzten Endes sind dadurch natürlich dennoch wieder die Bürger diejenigen, die über die Steuern für die Kosten aufkommen müssen. Aber auf diese Weise haben die Banken den Staat als mächtigen Geldeintreiber zwischen sich und das zahlende Volk gebracht, so dass die Banken diese lästige Drecksarbeit nicht selbst erledigen müssen.

Nun sind wir aber an einem Punkt angekommen, an dem die Gleichsetzung von „immer mehr“ gleich „immer besser“ ins Wanken gerät, wie Reinhard Loske vermutet. Gerade bei Jugendlichen sei die Aussicht auf immer mehr Wachstum nicht die vorherrschende Grundstimmung. Man versucht eher, mit den gegebenen Mitteln durchzukommen. Vielleicht auch deshalb, weil die Einkommen kaum höher werden (oder sogar sinken), während die Steuerlasten steigen. Wer kein immer höheres Einkommen hat, kann sich nunmal nicht immer mehr leisten – und vielleicht wollen die Menschen sich auch garnicht ständig mehr leisten.


Warum propagieren die Volkswirtschaftler und Politiker dennoch Wachstum?


Der Moderator wirft die Frage in den Raum, warum die Volkswirtschaftler dieser bereits genannten Erkenntnisse dennoch sagen, dass wir mehr Wachstum brauchen. Leider antwortet Reinhard Loske hier eher ausweichend. Er weist darauf hin, dass zwar der Mainstream der Volkswirtschaftler diese Forderung nach mehr Wachstum vertritt, er selbst, der ja auch Volkswirt ist, vermutet jedoch dass wir uns auf eine Post-Wachstums-Gesellschaft zubewegen (aufgrund von Sättigungstendenzen, ökologischen Grenzen und aufgrund neuer Wertschätzungen in der Gesellschaft). Natürlich darf die Wirtschaft auch zukünftig vital sein und es dürfen neue Dinge entwickelt werden. Das Problem ist aber der Wachstumszwang und dass das System zu kollabieren droht, wenn es nicht mehr wächst.
Reinhard Loske fasst zusammen, dass die sklavische Fixierung auf das Wachstum von vielen Menschen nicht mehr geteilt wird. Die Frage ist nur, ob wir es schaffen, unsere Systeme so umzubauen, dass sie weniger wachstumsabhängig sind. Heute ist es ja so, dass das Funktionieren des Sozialstaates, der öffentlichen Haushalten, der Arbeitsmärkte und so weiter, ganz stark davon abhängt, dass die Wirtschaft wächst. Die Aufgabe ist nun, die Robustheit der Systeme muss so verbessert werden, dass sie weniger wachstumsabhängig sind. Das System soll nicht bei jeder kleinen Wachstumskrise vor dem Zusammenbruch stehen.

Auf die Frage, warum Volkswirtschaftler ein grenzenloses Wirtschaftswachstum fordern, antwortet der Wissenschaftler nur ausweichend. Er erklärt, dass viele seiner Kollegen diese Forderung tatsächlich stellen, aber eben nicht alle. Dann überlegt er, wie man die Abhängigkeit vom Wachstum reduzieren könnte. Indirekt hat er damit natürlich zwischen den Zeilen eine Antwort gegeben, warum viele Volkswirtschaftler dieses Wachstum fordern: WEIL WIR DAVON ABHÄNGIG SIND. Es wird jedoch nicht die ganz wesentliche Frage gestellt oder gar beantwortet: WARUM sind wir davon abhängig, dass die Wirtschaft wächst. Es wurde ja sogar bereits festgestellt, dass wir nicht immer mehr benötigen und viele Menschen durchaus bereit sind, mit dem auszukommen, was ihnen im Moment zur Verfügung steht. Warum also dennoch ständig wachsen?


Der Wachstumszwang durch Zins und Zinseszins


Die Antwort auf die Frage, warum wir von diesem ständigen Wachstum abhängig sind, ist im Geldsystem zu finden. Aufgrund von Zins und Zinseszins steigen die Geldansprüche der Kreditgeber ständig weiter an. Das Geld für die Zinsen wird bei der Kreditvergabe aber nicht erschaffen und gelangt nur durch Neuverschuldung in den „Kreislauf“. Damit steigt die Verschuldung auf der einen Seite weiter an, während auf der anderen Seite die Vermögen anwachsen und noch mehr Zinsforderungen generieren, die nur durch neue Schulden bedient werden können. Ein endloser Kreislauf im Finanzsystem, der wesentliche Auswirkungen auf das Wirtschaftssystem hat: Neue Kredite werden nur vergeben, wenn im Gegenzug Güter produziert werden, die den Banken direkt oder indirekt als Sicherheiten für die Kreditvergabe dienen. Das Wachstum der Wirtschaft ist somit direkt an das Wachstum Geldvermögen/Geldschulden-Wachstum gebunden, das durch das zinsbasierte Finanzsystem erzwungen wird.
Diese Feststellung wird im Interview leider nicht angesprochen.


Wie kann es weitergehen?


Dauerhaft kann es nicht funktionieren, auf den alten Pfaden weiterzugehen. Wir können nicht auf Expansion und Wachstum setzen und dies auch noch „auf Pump“ finanzieren. Oder besser gesagt, wir können nicht „auf Pump“ Geld schöpfen, um Zinsforderungen zu bedienen und die Kredite hierfür mit Wirtschaftswachtum decken.
Zukünftig sollten die Unternehmen und Konzerne also weniger auf die Herstellung und Verteilung immer neuer Produkte setzen. Stattdessen müssen robuste Produkte hergestellt werden, die länger halten und leicht zu reparieren sind. Umsätze und Gewinne können dann mit Dienstleistungen zu diesen Produkten (Wartung, Reparatur, Infrastruktur zum Teilen der Produkte, wie etwa Car-Sharing, …) erreicht werden. Der Aufbau einer solchen Wirtschaft, die auf erzwungenes Wachstum verzichtet, geht natürlich nur, wenn das Wachstum auch tatsächlich nicht erzwungen wird. So lange das Wachstum durch Zins und Zinseszins erzwungen wird, wird es naheliegenderweise auch keine Wirtschaft ohne Wachstumszwang geben.


Das Interview als Video-Stream


Wenn auch das tatsächliche Kernproblem, und zwar der auf das Zinssystem zurückzuführende Zwang zum Wachstum, nicht angesprochen wird, so werden im Interview zumindest viele Probleme und Tendenzen angesprochen und auch Möglichkeiten vorgestellt, wie wir nachhaltiger wirtschaften und dennoch ein erfülltes Leben haben könnten. Dass diese Ideen für ein stabiles Wirtschaftssystem, das frei von Wachstumszwängen ist, nur mit einem entsprechenden Geldsystem, welches keine exponentiell wachsende Verschuldung erzwingt, realisierbar sind, wird zwar leider nicht angesprochen, wie bereits erwähnt. Aber dennoch ist das Interview durchaus sehenswert.

In der Mediathek der Öffentlich-Rechtlichen konnte ich das Video leider nicht finden. Dafür ist es noch bei Youtube (und als YouTube-Video eingebunden auf der Homepage von Reinhard Loske) verfügbar. (Warum zahlen wir eigentlich jedes Jahr viele Milliarden Euro an die öffentlich-rechtlichen Sender, wenn wir die mit den zwangsweise entrichteten Milliarden-Gebühren erstellten Videos dann bei einem amerikanischen Konzern vom Server abspielen müssen?)

Das Ende des Wirtschaftswachstumszwangs? Michael Krons im Dialog mit Reinhard Loske


Literaturverzeichnis:
[1]
Sie legt Schwerpunkte fest – Das ist Merkels Agenda für nächsten Jahre; AFP; Merkur Online; http://www.merkur-online.de/aktuelles/politik/angela-merkel-will-schulden-abbauen-wirtschaftswachtsum-zr-3148631.html; 15.10.2013