Brot und Fußball für das Volk

Fußballtor
Auf die Frage, wie mein Tipp für heute Abend ist, konnte ich nur mit einem Stirnrunzeln antworten. „Was für ein Tipp?“ fragte ich mich. Schnell war klar, dass es um ein Fußballspiel geht und schlagartig hatte ich zwei Probleme, von denen ich bislang nicht einmal ahnte. Das erste Problem war, dass ich nicht wusste, von welcher Partie wir sprechen. Das zweite Problem war, dass meine hellseherischen Fähigkeiten nicht sehr ausgeprägt sind. Ich kann also nur dann einen Blick in die Zukunft wagen, wenn ich genügend Informationen habe, um zumindest eine Prognose abgeben zu können. Diese Informationen fehlen mir aber und somit kann ich für kein Spiel auf der Welt ein Ergebnis abschätzen. Das ist gut, denn somit war das erste Problem gelöst. Ich muss überhaupt nicht wissen, um welches Spiel es geht, um wahrheitsgemäß antworten zu können, dass ich nicht weiß, wie es ausgehen könnte. Das kann ich ja schließlich für kein Spiel und somit auch nicht für das Spiel, um das es aktuell geht. Ich teilte also ehrlich mit, dass ich nicht weiß, wie die Partie ausgehen wird.
Die Antwort genügte nicht, weshalb ich noch einmal aufgefordert wurde eine Schätzung abzugeben. Für einen ausgewiesenen Fußballfan, der sich intensiv mit der Materie auseinandergesetzt hat, wäre dies eine durchaus kein großes Problem. Dazu gehöre ich nicht. Meine Zeit in der ich mit Fan-Schal und Fan-Fahne in der Fan-Kurve eines Stadions zwischen anderen Fans anzutreffen war, gehört schon lange der Vergangenheit an. Ich gebe zu, dass ich mich damals einer gewissen Faszination nicht erwehren konnte, aber eine umfassende Erfüllung verspürte ich nicht, in der Masse von grölenden Fans zwischen Currywurstbude und Bierstand vor dem Stadion und einem gepflegten Rasen im Stadion unterzugehen. Kurzum: Ich bin, wie bereits erwähnt, überhaupt nicht mehr informiert, wie welcher Verein spielt. Meldungen über Fußball ignoriere ich mittlerweile sogar weitgehend. Wenn ein Radiomoderator beginnt, etwas über Fußball zu erzählen (was bei so ziemlich jedem Sender ständig der Fall ist), schalte ich weg.
Sport ist eine tolle Sache, sofern man ihn selbst betreibt. Man hält sich fit, lernt dazu und kann sich bei Wettkämpfen persönlich mit anderen messen und Freundschaften in den Vereinen unter gleichgesinnten finden. Fußball, wie er heutzutage im großen Stil vermarktet wird, ist davon weit entfernt. Fußball dient mittlerweile leider sehr stark dazu, eine Plattform für unterschiedlichste Werbebotschaften bereitzustellen, wie ich bereits im Artikel „Die Aufgabe des Fußballfans“ gezeigt habe. Es geht nicht um den Sport, sondern darum, Produkte zu verkaufen. Das geht so weit, dass die Fußballverbände sich auch schon mal über die Gesetze in fremden Ländern hinwegsetzen wollen, in denen sie zu Gast sind. Ein Beispiel kann im Artikel „Ohne Alkohol kein Sport“ nachgelesen werden. Nicht die sportliche Leistung steht im Mittelpunkt, sondern die Werbebanner. Und was ist mit den Spielern? Die werden weltweit nach wirtschaftlichen Kriterien wie Waren gehandelt. Somit steht auch nicht die Freundschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Mannschaft im Mittelpunkt. Wenn etwas im Mittelpunkt steht, dann die Sponsoren. Die Spieler sind beliebig austauschbar. Sie sorgen nur dafür, dass die Menschen einen Grund haben, auf Werbebanner zu starren. Wer konkret in einem Trikot steckt, ist unerheblich. Er muss lediglich seine Rolle ausreichend gut spielen, damit sich genügend Zuschauer einfinden.
Das ist der Hintergrund, weshalb ich mich nicht mehr für dieses medial inszenierte Schauspiel interessiere. Und nun soll ich Vermutungen über einen Spielausgang anstellen. Das geht nicht. Also antwortete ich, dass ich keine Schätzung abgeben kann und dass es mir auch völlig gleichgültig ist, wie das Spiel – welches auch immer – endet.
Mein Gegenüber war offensichtlich sehr überrascht. Das war scheinbar nicht die Antwort, die von mir erwartet wurde.

Es gibt aber noch einen weiteren gewichtigen Grund, warum ich meine Zeit nicht in Fußballstadien verbringen möchte. Die Staatsverschuldung steigt in jeder Sekunde, in der ich über ein mögliches Fußballergebnis sinniere, um über 4000 Euro[1]. Das ist in jeder Sekunde deutlich mehr Geld, als ich und viele andere nach einem Monat arbeiten auf das Konto überwiesen bekomme. Viele Länder in Europa stehen vor dem finanziellen Ruin. Griechenland, Italien, Spanien und andere Länder, die deutlich auf einen Zusammenbruch zusteuern, sind nahezu täglich in den Schlagzeilen. Der Staat kann immer weniger Geld für Sozialleistungen oder das Gesundheitssystem aufbringen und in absehbarer Zeit könnte das Rentensystem zusammenbrechen. Viele Menschen, die Jahrzehnte hart gearbeitet haben, werden dann möglicherweise in hohem Alter obdachlos und erfrieren im nächsten Winter auf der Straße.
All dies sind die Folgen eines irrsinnigen schuldbasierten Zinseszinssystems, das für eine Umverteilung der Vermögen von den arbeitenden armen Menschen zu den nicht arbeitenden reichen Menschen sorgt. Durch das grenzenlosen Wirtschaftswachstum, welches nötig ist, damit das Finanzsystem nicht zusammenbricht, werden Unmengen an Ressourcen verschwendet, die Natur zerstört und die anderen Tiere auf diesem Planeten gnadenlos ausgebeutet.
Es gibt also sehr viele Dinge und Probleme, mit dem man sich in der heutigen Zeit dringender beschäftigen sollte, als mit einem Fußballspiel. Welche Mannschaft heute gewonnen hat wird mich nicht mehr interessieren, wenn das Rentenalter näher rückt. Aber ich werde sehr daran interessiert sein, ob ich sorgenfrei am Kamin ein schönes Buch lesen kann, oder ob ich in einer kalten Winternacht auf der Straße ums Überleben kämpfen muss. Letzteres erscheint in Anbetracht der aktuellen politischen Entwicklung für mich und Millionen andere Menschen leider eher realistisch.
Um so mehr sollte man sein Wissen erweitern und versuchen die Situation, in der wir uns befinden, zu begreifen. Leider verbringen sehr viele Menschen ihre Zeit damit, Werbung zu konsumieren, während sie annehmen, sie würden einem sportlichen Ereignis beiwohnen. Für wesentliche Dinge bleibt dann keine Zeit mehr. Vielleicht ist aber gerade das ein weiterer Zweck dieser Veranstaltungen: Sie sollen die Menschen möglicherweise davon abhalten, über ihre Situation nachzudenken, ganz im Sinne von „Brot und Spiele für das Volk“. Spiele und Unterhaltung lenken die Menschen ab und das Essen, bzw. die soziale Absicherung, hält die Masse ruhig (wobei die soziale Absicherung immer mehr an Boden verliert). So kann das System bis zum Zusammenbruch weiterlaufen. Und weil die Menschen nichts gelernt haben, lässt sich problemlos und ohne Widerstand erneut ein System etablieren, das die Güter von der arbeitenden Bevölkerung zu den reichen Menschen transferiert.

Während ich mir noch über Sinn und Unsinn des inszenierten Sports Gedanken machte, hörte ich, dass es zu Krawallen nach einem Abstieg einer Fußballmannschaft kam. Wie das Hamburger Abendblatt schreibt, gab es nach einem Spiel zwischen dem Jahn Regensburg und dem Karlsruher SC bei Ausschreitungen von Randalierern 58 Verletzte.[2]
Es ist unglaublich. Da kann die Welt in Trümmern fallen und kaum einer bemüht sich aus seinem Sessel heraus, um sich und andere zu informieren oder sonst etwas zu unternehmen, um seine Zukunft zu sichern. Aber um ihrer inneren Stimmung bezüglich eines nebensächlichen Fußballspiels Ausdruck zu verleihen, setzen manche plötzlich beachtliche Energien frei. Ohne Rücksicht, selbst verletzt zu werden, werden unsinnige Gewaltorgien praktiziert.
Wenn diese Menschen nur ein Teil ihrer Zeit und ihrer Kräfte nutzen würden, sich für eine bessere Welt einzusetzen, wäre schon viel erreicht. Leider wurde der geistige Horizont dieser Leute durch die Medien jedoch auf den Umfang eines Fußballstadions reduziert, so dass sie sich nur in diesem Kontext austoben und die Welt außerhalb nicht einmal begreifen.
So nimmt alles seinen gewohnten Gang. Die Masse der Bevölkerung verarmt. Ganz wenige werden immer reicher. Die Umwelt wird zerstört und jeden Tag tausende Tiere sinnlos getötet. Währenddessen grölen diejenigen, die etwas dagegen unternehmen könnten, ihren Lieblingsschauspielern auf dem Rasen sinnbefreite Parolen entgegen oder schlagen sich gegenseitig die Köpfe ein … zumindest solange, bis sie sich in Folge der Finanzkrise nicht einmal mehr die Eintrittskarte leisten können.


Literaturverzeichnis:
[1]
Staatsverschuldung – 4439 Euro - pro Sekunde; Markus Zydra; http://www.sueddeutsche.de/geld/staatsverschuldung-euro-pro-sekunde-1.178901; 21.08.2009