Atomstrom, der saubere Dreck

Atomstrom, ja oder nein? In der Ausgabe vom 04. Februar 2008 betitelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) einen Artikel zu diesem Thema mit „Atomstrom ist grün“ und beruft sich darauf, dass bei der Erzeugung von Atomstrom kein Kohlendioxid freigesetzt wird.[1] Studien werden in dem Artikel lächerlich gemacht und Zwischenfälle in Kraftwerken heruntergespielt. Immer wieder wird von sauberer und sicherer Stromerzeugung gesprochen. Und so kommt der Autor auch schnell zu dem Schluss, dass ein jeder, der seine Scheuklappen ablegt, die Atomenergie befürworten wird.


Rundumblick

Es wird also Zeit, die Scheuklappen abzunehmen und einen Rundumblick zu wagen. Und in der Tat scheint Atomenergie eine sichere, schadstoffarme Energieversorgung auf lange Sicht zu gewährleisten. Aus den großen Kühltürmen steig nur Wasserdampf, der völlig ungefährlich ist. Die Emissionen eines Kernkraftwerks sind also weitaus umweltfreundlicher, als beispielsweise die eines Kohlekraftwerks. Die Stromerzeugung an sich ist bei weitem gleichmäßiger als die Stromerzeugung durch Wind- und Wasserkraft. Offensichtlich ist Atomkraft umweltfreundlich und zuverlässig.
An dieser Stelle endete der Rundumblick des Artikels in der FAZ, jedoch sind einige Aspekte noch etwas näher zu betrachten. Wahrscheinlich hatte der Autor einfach keine Zeit mehr, weiter zu recherchieren und so hat er ein paar Kleinigkeiten übersehen.
Bei der Stromgewinnung an sich entsteht in der Tat kein Kohlendioxid, dafür jedoch beim Abbau und der Anreicherung des Uranerzes. Da ein großer Teil der Uranlagerstätten bereits abgebaut ist, muss zunehmend auf Lagerstätten mit geringem Erzgehalt zurückgegriffen werden. Je geringer der Erzgehalt ist, umso mehr Energie ist für die Aufbereitung nötig. Entsprechend fallen auch die Kohlendioxid-Emissionen zunehmend höher aus. Dazu bezieht der Autor im Artikel der FAZ keine Stellung. Allerdings, das muss man der Kernenergie positiv anrechnen, ist der Kohlendioxid-Ausstoß zur Zeit tatsächlich noch geringer als bei Gas- oder gar Kohlekraftwerken.[2]
Wenn das Uran beim Abbau aus dem Gestein gelöst ist, gibt es Radioaktivität an die Umwelt ab und verseucht dadurch Umgebung und Grundwasser im Bereich der Minen. Entsprechend groß sind die Risiken für die dortige Bevölkerung und die Minenarbeiter, durch die Strahlung zu erkranken.


Blick in die Vergangenheit

Am 26. April 1986 ereignete sich eine der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte in Folge einer Kernschmelze und Explosion in Reaktorblock IV des Kernkraftwerkes Tschornobyl, besser bekannt unter dem russischen Namen Tschernobyl. Der Unfall ist auf menschliches Versagen zurückzuführen und man sollte annehmen, dass die Kraftwerksbetreiber aus den Fehlern gelernt haben. Schließlich wurden bei dem Unfall weite Gebiete kontaminiert und in Folge dessen unbewohnbar. Scheinbar ist dem nicht so, denn Mängel in Kraftwerken werden häufig nicht ernst genommen und Probleme die bei Sicherheitsüberprüfungen bekannt werden, nicht abgearbeitet.[3] In gewissem Sinne werden weitere Unfälle damit billigend in Kauf genommen. Kommt es in Deutschland zu einem solchen Zwischenfall, werden mehrere Millionen Menschen evakuiert werden müssen, die auf der Stelle ihr gesamtes Hab und Gut verlieren würden. Die Schadenshöhe wird auf bis zu 5500 Milliarden Euro für Gesundheits-, Sach- und Vermögensschäden beziffert, wobei sich gesundheitliche Verluste eigentlich nicht mit Geld aufwiegen lassen. Schäden, die von Atomkraftwerken ausgehen sind lediglich bis zu 2,5 Milliarden Euro gedeckt und die Betreiber müssen nur für einen Teil der Deckungsvorsorge eine Haftpflichtversicherung nachweisen. Der Gesetzgeber entbindet die Kraftwerkbetreiber hier von der Pflicht, eine angemessene Haftungsvorsorge zu leisten. Würde der Gesetzgeber auch von den Atomkraftwerksbetreibern eine angemessene Versicherung fordern, wäre die Kernenergie unbezahlbar. Auch privat ist es kaum möglich, sich gegen Schäden durch Kernenergie zu versichern. Schäden durch Kernkraft schließen die Versicherungen in der Regel ausdrücklich aus.[4]


Blick in die Zukunft

Nach diesem Rundumblick und dem Blick in die Vergangenheit, ist es Zeit, einen Blick in die Zukunft zu werfen.
Natururan besteht zu etwa 99,28 Prozent aus 238U mit einer Halbwertszeit von 4,5 Milliarden Jahren und zu 0,72 Prozent aus 235U mit einer Halbwertszeit von 704 Millionen Jahren.[5][6] Angereichertes Uran besteht zu etwa 97,0 Prozent aus 238U und zu 3,0 Prozent aus 235U.[6] Das Uranisotop 235U findet aufgrund seiner Fähigkeit zur Kernspaltungs-Kettenreaktion in Kernkraftwerken und Kernwaffen als Primärenergieträger Verwendung[7]. Bei genannter Halbwertszeit ist 235U also nach über 700 Millionen Jahren noch die Hälfte des strahlenden Abfalls vorhanden, bei 238U ist sogar nach über 4 Milliarden Jahren noch die Hälfte vorhanden. Bei einem typischen Kernkraftwerk fallen Jährlich etwa 30 Tonnen des hochradioaktiven Abfalls an, wobei ein Großteil davon bereits aus dem Uranabbau stammt.[8]
Da stellt sich die Frage, wer sich in vielen Millionen oder gar Milliarden Jahren noch für den Abfall interessiert, der zur Zeit produziert wird. Selbst heutzutage hält sich das Bewusstsein für die Verantwortung bei den Kraftwerksbetreibern in Grenzen und erfahrungsgemäß nimmt sich niemand einer Aufgabe an, bei der er keine Gewinne erzielen kann. Es ist also damit zu rechnen, dass schon die Menschen, die in zwei oder drei Generationen leben, sich in keiner Weise mehr verpflichtet fühlen, für eine sichere Lagerung zu sorgen. Warum auch? Außer Kosten und Risiken werden wir ihnen nichts hinterlassen. Es wäre also fair, bereits das Geld für viele tausend Generationen beiseite zu legen, das nötig sein wird, um die Arbeitszeit derer zu bezahlen, die sich später um die Lagerung kümmern müssen. Das ist natürlich utopisch und soll einfach verdeutlichen, dass der Atomstrom auch aus dieser Sicht nur finanzierbar ist, weil wir die Kosten auf die kommenden Generationen abwälzen. Dabei würden wir die Lebenshaltungskosten unserer Urgroßeltern gewiss nicht bezahlen wollen, verlangen es aber von künftigen Generationen. Glücklicherweise haben unsere Vorfahren nicht über ihre Verhältnisse gelebt, wie wir es tun.
Im niedersächsischen Atommüll-Endlager Asse II, ein altes Salzbergwerk, beispielsweise, kann aufgrund unkontrollierter Wassereinbrüche die Sicherheit nur noch bis zum Jahr 2014 garantiert werden. Das ist also unter Langzeitsicherheit eines Mehrbarrierensystems zu verstehen. Nach wenigen Jahrzehnten endet die Langzeitsicherheit bereits. Nun kann man sich darauf berufen, dass 30 oder 40 Jahre eine lange Zeit aus Sicht eines Menschen sind. Aber das ist hier definitiv der falsche Maßstab. Unter Langzeitsicherheit sollte man zumindest die fünf Milliarden Jahre verstehen, in denen noch Leben auf der Erde möglich ist, bevor die Sonne ihren Brennstoff aufgebraucht hat. Bis dahin wäre dann gerade mal die Hälfte des Uran 238U zerfallen. Aber wer der Befürworter von Atomstrom kann GUTEN Gewissens für so lange Zeit die Verantwortung übernehmen und für mögliche Konsequenzen gerade stehen. Wer kann für die Schäden aufkommen, wenn in 500 Millionen Jahren radioaktiv verseuchtes Wasser in die Umwelt gespült wird?[8][9] Und wie wird sichergestellt, dass sich Unbefugte keinen Zutritt zu den Abfällen verschaffen?


Weltblick

Transport und Lagerung von Abfällen jeglicher Art ist generell teuer und aufwändig. Das möchte man natürlich weitgehend vermeiden. Beispielsweise durch Recycling der Abfallprodukte. Recycling ist eine tolle Sache. Das haben sich wahrscheinlich auch die Militärs dieser Welt gedacht und allen voran das amerikanische Militär hat schnell und innovativ eine Verwendung für das giftige Schwermetall gefunden, das in Form von abgereichertem Uran (depleted uranium) bei der Herstellung von Kernbrennstoff für Kraftwerke anfällt. Abgereichertes Uran besteht zu 99,8 Prozent aus 238U und zu 0,2 Prozent aus 235U. Da Uran eine sehr hohe Dichte hat, eignet es sich zur Herstellung von Munition, die Aufgrund des Gewichtes eine große Durchschlagskraft hat. Beim Auftreffen der Geschosse auf das Ziel entstehen allerdings – und das ist der Nebeneffekt – Uranpartikel und Uranoxide, die als Schwebeteilchen und Stäube in der Umgebung verteilt werden. Über Luft, Wasser und Nahrung nehmen Menschen und Tiere das giftige und radioaktiv strahlende Metall auf.[6] Krankheit bis hin zum Tod und auch die Schädigung des Erbguts sind die Folgen. Und da sich Schäden am Erbgut auf natürliche Weise reproduzieren, werden auch die Nachkommen der betroffenen Menschen mit defektem Erbmaterial geboren. Ebenso deren Kinder und Kindeskinder. Auf unvorstellbar lange Zeit hin werden die Menschen in den betroffenen Regionen, wie etwa dem nahen Osten, an bösartigen Krankheiten und angeborenen Defekten sterben.[10]


Fazit

Durch Atomenergie kann kurzfristig eine sichere Energieversorgung gewährleistet werden. Darüber hinaus kann man die Verschmutzung der Umwelt durch Abbau und Anreicherung des Urans verdrängen und beschönigen. Die Gefahren, die diese Form der Energiegewinnung jedoch mit sich bringt, kann niemand verantworten. Kein Mensch kann den Schaden und das Leid wieder gutmachen, das bei einem Unfall entsteht. Noch weniger ist es möglich bereits heute die Verantwortung für fünf Milliarden Jahre zu übernehmen. Und wir haben auch kein Recht dazu, kommende Generationen die Bürde der Abfallprodukte aufzuladen. Wie ist es möglich, Abfälle zu produzieren, die ALLE kommenden Generationen belasten und gleichzeitig von „sauberer“ Energie zu sprechen?
Darüber hinaus wird ein Teil der Abfallprodukte zu Munition verarbeitet, die aufgrund der Giftigkeit und Strahlung das Leben aller Menschen zerstört, die sich in der Region aufhalten. Möglicherweise werden durch diese Geschosse ganze Völker, von der Öffentlichkeit unbemerkt, ausgerottet, deren Erbmaterial zu weit geschädigt ist, als dass sie noch eine Überlebenschance haben.
Wir sehen es mittlerweile als Gewohnheitsrecht an, jederzeit ausreichend Strom zur Verfügung zu haben und nehmen dafür alle Risiken und Gefahren in Kauf. Aber es gibt gewiss kein Naturgesetz, das uns diesen Luxus auf alle Ewigkeit zusichert. Unzählige Menschen haben gar keinen Strom oder bestenfalls zeitweise. Und viele Millionen Jahre hat die Menschheit ganz ohne Strom überlebt. Wir leben völlig über unsere Maßen und irgendwann wird irgendwer irgendwo auf der Welt dafür bezahlen müssen. Ungleichgewichte sind nicht von Dauer. Wenn die Menschen, vor allem in den Industrieländern, nicht wieder lernen im Einklang mit der Natur zu leben, wird die Rechnung möglicherweise zu groß, als dass sie noch beglichen werden könnte. Betrachtet man den Nutzen der Kernenergie im Vergleich zu den langfristigen Kosten und Gefahren, sollte dies deutlich werden. Vielleicht ist die Frage nicht einmal, wie man Atomstrom durch andere Quellen ersetzten kann. Vielleicht sollten wir uns fragen, mit welchem Recht wir überhaupt so viel Energie verbrauchen.


UPDATE (10.09.2008):

Nun hat auch die FAZ von den Wassereinbrüchen im Niedersächsischen Endlager Asse und den damit verbundenen Folgen erfahren und schreibt nicht mehr

Atomstrom ist grün[1]

sondern

Es sickert die Lauge, es rostet der Müll[11]

und

Aber wer hat je behauptet, dass das Atomgeschäft ohne Risiken ist?[11]


Weiterführende Artikel:
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Literaturverzeichnis:
[2]
Das Märchen vom CO2-freien Atomstrom; Ulf Bossel; http://www.eurosolar.de/de/images/stories/pdf/SZA-1_07_Bossel_Atomenergie_CO2.pdf; 2007
[3]
Mängelliste des Atomkraftwerks Brunsbüttel steht im Netz; Peter-Michael Ziegler; http://www.heise.de/newsticker/meldung/92917/from/rss09; 18.07.2007
[4]
Wer trägt das Risiko eines Atomunfalls? - Sie!; http://www.atomhaftpflicht.de/hintergruende.php3
[7]
Uran und die Umwelt-Aspekte; http://www.atomenergie.ch/de/umwelt-wissen.html
[9]
Atommüll-Endlagerung gescheitert; Francis Althoff; http://de.indymedia.org/2008/02/208862.shtml; 25.02.2008
[10]
Depleted Uranium fordert mehr Todesopfer als in Hiroshima und Nagasaki; http://politblog.net/nachrichten/2007/12/05/1865-depleted-uranium-mehr-todesopfer-als-in-hiroshima-und-nagasaki; 05.12.2007

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