Armut und Unbildung sind die Grundlagen für Gewalt

In Deutschland wurden 2013 pro Stunde etwa vier Autos geklaut, also über 100 Fahrzeuge am Tag.[1] Wie der Panorama-Reportage „Die Autoklauer“ zu entnehmen ist, werden viele der gestohlenen Fahrzeuge nach Tatschikistan verfrachtet und dort relativ billig verkauft. Der dortige Zoll kontrolliert zwar die Papiere der eingeführten Fahrzeuge, diese lassen sich jedoch leicht fälschen. Ein Abgleich der schwer zu fälschenden Fahrgestellnummer mit einer Datenbank, in der die gestohlenen Fahrzeuge vermerkt sind, wird nicht durchgeführt. Die Begründung: Die absurde Papiere sind alle in Ordnung, es werden also ohnehin keine gestohlenen Fahrzeuge ins Land gebracht. Ein solcher Abgleich ist also nicht notwendig.
Die Reporter konnten relativ schnell nachweisen, dass einige der dortigen Fahrzeuge in Deutschland als gestohlen gemeldet waren. Dies stört die Regierungsträger in Tadschikistan jedoch nicht im geringsten. Während man in Deutschland kein Eigentum an gestohlenen Dingen erwerben kann, sieht die Regierung im fernen Tadschikistan dies so, dass die Bürger, die ein gestohlenes Auto gekauft haben, ja normalerweise nicht wissen, dass es gestohlen ist. Sie dürfen das Fahrzeug also behalten. Wer in Deutschland ein gestohlenes Fahrzeug kauft, darf es nicht behalten, selbst wenn er beim Kauf nicht wusste, dass es sich um Diebesgut handelt.
Die Haltung der Regierung in Tadschikistan führt dazu, dass es mit keinen großen Risiken verbunden ist, in Deutschland Fahrzeuge zu klauen und dort gewinnbringend zu verkaufen. Der normale Bürger ist selbst dann völlig machtlos, wenn sein Fahrzeug in Tadschikistan wiedergefunden wird.
Und was macht die deutsche Bundesregierung, um die Bevölkerung im eigenen Land vor kriminellen Banden zu schützen? nicht viel. Natürlich kann die deutsche Regierung weder Polizisten noch Truppen in das Hochgebirgsland schicken, um die Fahrzeuge zurückzuholen und die Kriminellen aus dem Verkehr zu ziehen. Sie könnte aber mit der dortigen Regierung über die Zustände sprechen. Und zusätzlich könnte sie harte Strafen für den Diebstahl von Fahrzeugen verhängen. Wenn Kriminelle damit rechnen müssen, dass sie nie wieder aus dem Gefängnis kommen, sollten sie auf deutschem Boden mit einem geklauten Fahrzeug erwischt werden, steigt natürlich das Risiko, das die Diebe eingehen, bis sie über der Grenze in Sicherheit sind. Der Einsatz wird im Vergleich zum Möglichen Erlös durch den Verkauf des gestohlen Fahrzeuges sehr hoch.
Bei kriminellen Banden wird aber scheinbar eher weniger hart durchgegriffen. Diebe oder Trickbetrüger werden mitunter schneller wieder laufen gelassen, als sie gefangen werden. Irgend ein Grund findet sich für die Justiz immer, die Samthandschuhe überzuziehen. Entweder sind die Täter zu jung oder sie hatten eine schwere Kindheit.
Ganz anders reagiert die Justiz, wenn der Sohnemann ein paar Lieder aus dem Internet geladen hat. Da werden die Strafen schnell unverhältnismäßig hoch. Ein Beispiel? Nachdem vier Musikproduzenten einem Anschlussinhaber, über dessen Anschluss ihrer Meinung nach Musiktitel unerlaubt heruntergeladen wurden, abgemahnt und zur unterlassung aufgefordert hatten, sollte der Anschlussinhaber für die betroffenen 15 Audiodateien 200 Euro Schadensersatz und 2.380, 80 Euro Abmahnkosten bezahlen. Die Unterkassenerklärung unterschrieb der Vater noch, legte aber dar, dass er keine Tauschbörsen nutzte. Dann folgten Anzeigen, eine richterlich angeordnete Hausdurchsuchung und Beschlagnahme des Computers, sowie die polizeiliche Vernehmung des 13-jährigen Sohnes.

5.380,80 Euro Schaden, die geballte Macht der polizeilichen Ermittlungen inklusive Verletzung der Privatsphäre der Familie nur für den Download von ein paar Musikstücken. Ist das noch angemessen?[2] (S. 51)

Quelle: Chip 01/2015

Für eine Familie, die eigentlich nichts schlimmes im Schilde führt, ist diese Erfahrung wohl ziemlich hart. Wer hat nicht früher mal ein Lied aus dem Radio auf Kassette aufgenommen oder eine Kassette dem Kumpel überspielt? Wenn da Plötzlich die Polizei vor der Tür stünde und die Wohnung auf den Kopf gestellt hätte, könnte man wohl nie wieder in Frieden leben. Damit wäre die Zukunft einer ganzen Familie zerstört gewesen. Mittlerweile ist solch ein rücksichtsloses Vorgehen der Justiz nicht unbedingt unüblich. Aber eben nur gegen die wehrlosen normalen Bürger, die nicht wirklich kriminell sind. Wenn die Polizei Mitglieder einer osteuropäischen Betrügerbande auf frischer Tat erwischt, werden mitunter bestenfalls die Personalien aufgenommen und ein Platzverweis erteilt. Da lachen die Straftäter doch drüber.
Und während die wirklich kriminellen ganz vorsichtig mit gepolsterten Samthandschuhen angefasst werden, muss der Bürger in Deutschland mitunter sogar damit rechnen, völlig unschuldig für ein ihm angehängtes vergehen beschuldigt zu werden, wie der Fall „RedTube“ zeigt. Nachdem ein Abmahnanwalt durch eine irreführende Wortwahl einen Richter „übers Ohr gehauen“ hat, um seine Zustimmung für die Herausgabe hunderter Namen und Postanschriften zu ihm vorliegende IP-Adressen von Internet-Nutzern zu erhalten, mahnte er die Personen ab, denen er das unerlaubte Konsumieren von unanständigen Filmen vorwarf. Wobei der Anwalt wohl ganz bewusst die Unterschiede zwischen dem unproblematischen Streaming und dem rechtlich problematischen Download verwischte. Wie er zu den IP-Adressen kam war dem Richter nicht wichtig. Dass die Methoden des Anwalts Methoden mehr als fragwürdig waren, interessierte den Richter nicht. Ebensowenig, dass die IP-Adressen kein sicherer Beweis waren und dass die Personen möglicherweise sogar in eine Falle gelockt wurden. Auf dieser bedenklichen Basis stimmte der Richter also der Herausgabe der Adressdaten zu, damit der Anwalt die „Opfer“ ganz spielend leicht abmahnen konnte. Dieser brachte die angeschriebenen Personen mit der Abmahnung kurz vor Weihnachten in eine überaus peinliche Situation. Möglicherweise spekulierte er darauf, dass viele Opfer einfach bezahlen, um nicht zu viel Wind aufzuwirbeln, auch dann, wenn sie sicher sind, eigentlich unschuldig zu sein.
Im Nachhinein stellte sich das Vorgehen als rechtswidrig heraus. Die abgemahnten Anschlussinhaber blieben aber auf ihren Kosten und dem geschädigten Ruf sitzen. Sie wurden Opfer einer betrügerischen Bande ohne Aussicht auf Hilfe durch Polizei und Justiz. Ganz im Gegenteil. Die Justiz hatte dem Anwalt seine dreiste Masche ja gerade ermöglicht.

Die Aufgabe des Staates wäre es eigentlich, die Bürger vor kriminellen zu schützen. Das ist schon deshalb seine Pflicht, weil es den Bürgern gesetzlich verboten ist, sich selbst zur Wehr zu setzten. Selbstjustiz ist bei Strafe verboten. Der Staat schaut aber weitgehend tatenlos zu, wenn kriminelle Banden hier ihr Unwesen treiben. Zuweilen unterstützt die Justiz diese Verbrechen sogar noch (wenn auch unwissentlich).

Nun können harte Strafen aber keinesfalls die alleinige Lösung des Problems sein. Es ist leicht, über kriminelle zu urteilen, wenn man nicht in deren Lage ist. Wer ein regelmäßiges Einkommen und ein Dach über dem Kopf hat, seine Versicherungen bezahlen und hin und wieder in den Urlaub fliegen kann, der kommt nicht in die Situation, dass er klauen muss, um zu überleben. Wer aber verhungert oder mit ansehen muss, wie seine Kinder hungern und frieren, weil er mit ehrlicher Arbeit kein ausreichendes Einkommen erhält, der wird früher oder später auf die Schiefe Bahn geraten. Vor allem, wenn er in einem kriminellen und eher wenig gebildeten Umfeld aufwächst.
Wer in einer solchen Situation ist, wird sich durch harte Strafen nicht abschrecken lassen und eher zu immer größeren Waffen greifen, um sich vor der Polizei zu verteidigen. Spätestens wenn die Autodiebe mit schweren Kriegswaffen und Handgranaten auf Polizisten feuern, um sich der Festnahme zu entziehen, würde man feststellen, dass es so nicht weitergehen kann.
Was also tun? Eigentlich bleibt nur die Möglichkeit, das gesamte System zu ändern. Von Grund auf. So lange wir ein System haben, dass dafür sorgt, dass durch Zins und Zinseszins ein ganz winzig kleiner Teil der Menschen ohne eigene Leistung immer reicher wird, während die Masse trotz harter Arbeit nach und nach in Armut versinkt, müssen wir mit der Kriminalität leben. Wer hart arbeitet und trotzdem kein ausreichendes Einkommen hat, wird spätestens beim Anblick von Dekadenz und Luxus der Oberschicht auf die Idee kommen, sich etwas vom Kuchen zu nehmen. im Prinzip ist schon der Zinseszinsmechanismus kriminell, da er dafür sorgt, dass Menschen, die aus irgend welchen Gründen ein großes Vermögen besitzen alleine aufgrund dieses Besitzes Anspruch auf immer mehr Vermögen haben, dass zwangsläufig diejenigen erarbeiten müssen, die kein vermögen haben. Wer reich ist, wird somit immer reicher. Wer arm ist, muss das Geld für die Reichen erarbeiten. Die armen Menschen bekommen das Geld also im Rahmen der zinsbasierten Umverteilung weggenommen. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter ausinander.
Diese Art der Umverteilung mag zwar gesetzlich gedeckt sein, ist aber eigentlich nicht weniger verwerflich, als den Menschen ihren Besitz auf andere Arten wegzunehmen. Das Eintreiben von Zinsen ist somit eine Form der Gewalt und Gewalt führt bekanntlich automatisch zu Gegengewalt.
Möchte man also der Kriminalität Einhalt gebieten, wird man dafür sorgen müssen, dass alle Menschen auf der Welt durch ehrliche Arbeit ein ausreichendes Einkommen erhalten können und dass nicht ganz wenige auf Kosten der Allgemeinheit unvorstellbar reich werden. Das heißt nicht, dass es nicht auch wohlhabendere Menschen geben darf. Es darf aber nicht möglich sein, dass jemand alleine aufgrund von Vermögensbesitz immer mehr Geld erhält, ohne dafür arbeiten zu müssen. Und es darf nicht sein, dass jemand durch Landbesitz seine Mitmenschen erpressen kann. Nur wer besonders hart arbeite oder eine besonders herausragende Leistung erbringt, darf ein Recht darauf haben, einen besonders hohen Wohlstand zu genießen.
Erst wenn niemand mehr ausgenutzt und versklavt wird, damit die ohnehin schon Superreichen noch reicher werden und die Menschen die Früchte ihrer eigenen Hände Arbeit auch selbst ernten können (ohne hochkomplexe bürokratische Hürden und Steuergesetze), dann besteht die Chance auf ein friedliches Zusammenleben. Natürlich muss die Welt aber nicht nur gerechter, die Menschen müssen auch gebildeter werden. Gebildete Menschen mit sicheren Lebensverhältnissen werden nicht ihre Mitmenschen erschießen, um den Geldbeutel zu klauen.
Werfen wir auf Karakas, die Hauptstadt von Venezuela. Eine Stadt in der viele Menschen unvorstellbar arm sind und die Gewalt extrem hoch ist. Jeden Tag sterben in Karakas 70 Menschen einen gewaltsamen Tod. Dennoch tendieren die Menschen dazu, friedlich zu leben. Viele versuchen der Gewalt zu entkommen. So besetzten einige Bürger aus den gefährlichen Elendsgebieten mit hoher Kriminalität und Gewalt einen leerstehenden Gebäudeturm um dort ein sicheres Leben führen zu können. Sie bauten in Eigeninitiative die Stromversorgung aus, gründeten Wachdienste und verboten das Tragen von Waffen im Turm. Einige von Ihnen versuchen sich mit künstlerischen Tätigkeiten über Wasser zu halten und die Menschen zu informieren. Andere, selbst wenn sie vorher kriminell waren, gründen Unternehmen und geben ihren Mitmenschen im Turm Arbeitsplätze und ein Einkommen.
Wenn sich den Menschen die Gelegenheit bietet, dann versuchen sie der Gewalt zu entkommen. Dies klappt auch dort, wo Gewalt eigentlich an der Tagesordnung steht. Wer die Wahl zwischen Gewalt und Frieden hat, wird den Frieden wählen. Es sei denn, er ist völlig ungebildet und kennt nur Gewalt und Zerstörung. Wer beispielsweise nur gelernt hat, dass „ungläubige“ abgeschlachtet werden müssen und alles glaubt, was ein Führer ihm sagt, wird auf Anweisung selbst dann gewalttätig sein, wenn er ein friedliches leben führen können.
Ohne die notwendig Bildung und die entsprechende Toleranz, die automatisch mit einer umfassenden Bildung einhergeht, kann es keinen Frieden geben. Bildung und ein fairer Wohlstand sind die Basis für eine friedliche Welt. Wer ein ausreichendes Einkommen und eine gute Bildung hat, mag zwar hin und wieder neidisch auf die teuren Yachten der noch viel reicheren Menschen schauen, aber er wird sicher nicht auf die Idee kommen, anderen Menschen das Luxusauto zu klauen oder deren Villa zu zertrümmern. Wenn es also allen Menschen ausreichend gut geht, kann es immer noch einige geben, denen es finanziell noch viel besser geht, ohne dass es zu Gewaltausbrüchen kommt. Nur die aktuellen Extreme zwischen Arm und Reich darf es nicht mehr geben und schon garnicht, wenn die Extreme dadurch zustande kommen, dass die Superreichen ihren Reichtum unter Ausplünderung der armen Menschen oder der Natur und der Umwelt erlangt haben.
Um eine friedliche Welt zu schaffen, wird die Menschheit nicht umhinkommen, auf zinsfreie Geldsysteme zu setzten, eine Bodenreform durchzuführen und die Bildung der Menschen so gut es geht zu fördern. Dies kann aber nicht der normale Durchschnittsbürger alleine schaffen. Hier müssen die einflussreichen Menschen, mitwirken. Die Inhaber von Presse- und Rundfunkanstalten können eine große Masse erreichen. Die Politiker können ihre Kontakte zu anderen Nationen nutzen. Die Banken könnten ein besseres Geldsystem schaffen. Und die Konzerne können nachhaltiges Wirtschaften unterstützen, anstatt dies nur von der Marketingabteilung vorgaukeln zu lassen.
Unglücklicherweise haben Pressekonzerne, Politiker, Banken und große Wirtschaftsunternehmen kein Interesse an solchen Änderungen. Sie nehmen lieber in Kauf, dass die Menschheit in Elend und Gewalt versinkt, als dass sie etwas von ihrem Einfluss einbüßen müssten. Gerade denen, die etwas ändern könnten, ist an Änderungen nichts gelegen. Ironischerweise sind es aber gerade Politiker, Presseagenturen, Banken und Konzerne, die bei jeder Gelegenheit betonen, wie wichtig ihnen doch der Frieden und eine intakte Umwelt sei.


Literaturverzeichnis:
[1]
Autodiebstahl-Studie Deutschland: Das sicherste Pflaster liegt im Süden – 103 Autos wechselten 2013 täglich unfreiwillig den Besitzer; Werbepost; http://www.werbe-post.de/rag-wp/docs/991950/ratgeber/auto
[2]
Justizirrtum; Chip; Christian Gasche; Chip 01/2015