Alles lässt sich verbessern, bis es nicht mehr funktioniert

Alles lässt sich verbessern
Die Entwicklung schreitet in vielen Bereichen immer schneller voran. Besonders rasant geht es in der Informationstechnik zu. Immer schneller kommen neue Computer, Notebooks Netbooks, Handys, Smartphones, Tablets, Spielkonsolen und vieles mehr auf den Markt. Die Hersteller überschlagen sich ständig mit allen möglichen Neuerungen, die angeblich jeder haben muss. Man kann die alten Geräte kaum noch so schnell wegwerfen, wie es neue gibt.

Wie weit soll das noch gehen? Diese Frage stelle ich mir oft. Und meistens, wenn sich irgendwo ein Ende abzeichnet, dann zaubern findige Entwickler neue Tricks hervor um die aktuellen Begrenzungen noch weiter zu verschieben. Größer, höher, schneller ist die Devise. Ressourcenverbrauch? Umweltzerstörung? Nebensächlich!

Mittlerweile haben wir Telefone, mit denen wir nicht nur telefonieren, sondern auch auf tausende Arten unsere wertvolle Lebenszeit mit allen möglichen Apps verschwenden können. Die unglaubliche Rechenleistung in den Telefon-Boliden will irgendwie genutzt werden. So gibt es Programme, mit denen man virtuell Luftpolsterfolie zerdrücken kann. Oder ein Programm, das die Zeit misst, so lange der Benutzer einen Button auf dem Display drücken. Nun gut, das Programm könnte man noch als Stoppuhr verwenden. Aber ein Programm, das aus aufgenommener Sprache irgend ein Katzengemaunze macht ist nun wirklich sehr fragwürdig. Und der Sinn eines Programms, das ein virtuelles Bier auf dem Display anzeigt, welches man „austrinken“ kann, indem man das Smartphone zum Mund führt, hat wohl keinen nennenswerten durstlöschenden Effekt.[1]
Die Technik ermöglicht immer mehr, aber wir brauchen eigentlich nicht ständig etwas neues. Eigentlich sehnen sich die Menschen nach Vertrautem. Wir sind Gewohnheitstiere. Doch Vertrautes lässt sich nicht so gut verkaufen, denn wer kauft etwas, das er schon hat? Also muss die Industrie immer neue Produkte hervorbringen, die Merkmale aufweisen, welche das Vorgängerprodukt nicht hatte. Es stellt sich hier nicht so sehr die Frage, ob die neue Funktionalität sinnvoll ist oder gar gebraucht wird. Wichtig ist, dass es anders ist als zuvor.


Alles lässt sich so lange verbessern, bis es endlich nicht mehr funktioniert


Irgendwann sind die Geräte aber sehr gut auf die Bedürfnisse der Benutzer abgestimmt. Nahezu jede weitere Entwicklung stellt dann eine Verschlechterung dar. In vielen Bereichen merke ich zunehmend, das Dinge, die sehr gut gelöst waren, bei der nächsten Produktversion wieder schlechter geworden sind. Nachfolgend möchte ich solche Fälle aufzeigen.


Windows 8: Start-Button weg


Windows XP: Start-Button
Gut, es ist aus softwareergonomischer Sicht sicher nicht optimal gelöst, das „Beenden-Menü“ eines Computerbetriebssystems hinter einem „Start-Button“ zu verstecken, wie es Microsoft mit der Einführung von Windows 95 gelöst hat. Der Schritt, den Schriftzug „Start“ zukünftig zu entfernen und nur noch ein Icon einzublenden war daher ein sinnvoller Schritt. Dieses Menü, das sich durchaus als nützlich erwiesen hat und kaum Platz auf dem Bildschirm brauchte, mit Windows 8 dann aber einfach ganz zu entfernen, ist wirklich bescheuert. Zumal die Funktionalität noch weitgehend im neuen Betriebssystem vorhanden ist. Dem Benutzer wird aber einfach das Icon nicht mehr angezeigt. Das ist, als würde man in der nächsten Generation eines Autos die Möglichkeit entfernen, in den vorhandenen fünften Gang zu schalten.
Wenn die Entwickler von Microsoft der Meinung sind, dass der Button nicht unbedingt notwendig ist, dann wäre es besser gewesen den Button dennoch beizubehalten, dem Benutzer aber mitzuteilen, dass er den Button ausblenden kann und warum das nach der Meinung von Microsoft sinnvoll ist. So hätte der Benutzer selbst die Wahl, den Button weiterhin zu verwenden oder ihn nach eigenem Ermessen auszublenden, wenn er ihn tatsächlich nicht benötigt.

KDE 4: Kopieren und Ersetzen


Wenn man am Computer eine Datei von einen Ordner in einen anderen Ordner kopieren möchte, in dem eine gleichnamige Datei bereits vorhanden ist, dann wird das verwendete Programm auf den Sachverhalt hinweisen. Man hat dann mindestens die Möglichkeiten, die Datei nicht zu kopieren, um die ursprüngliche Datei beizubehalten oder aber man kopiert die Datei und überschreibt die bereits vorhandene Datei. Wenn mehrere Dateien kopiert werden sollen, deren Name bereits im Zielordner vorhanden ist, muss man mitunter sehr oft klicken, um dem Programm mitzuteilen, dass es die alten Dateien überschreiben oder aber beibehalten soll. In der Linux-Oberfläche KDE wurde wurde das Problem so gelöst, dass der Benutzer zusätzlich die Möglichkeit hatte, über jeweils einen Button „alle alten Dateien zu ersetzen“ oder das Kopieren immer zu überspringen, wenn der Dateiname im Zielordner bereits vorhanden ist und somit „alle alten Dateien beizubehalten“. Mit einem Mausklick konnte man so schnell das Ziel erreichen.
In den neueren Programmversionen wurde diese tolle Funktionalität wegoptimiert. Jetzt gibt es noch die Buttons „Ersetzen“ und „Überspringen“. Soll die Aktion für alle zu kopierenden Dateien durchgeführt werden, muss der Benutzer eine separate Checkbox markieren. Gut, das spart ein bisschen Platz im Dialog. Aber von Nun an muss man immer zwei Mausklicks ausführen, um eine Aktion auszuführen und dabei auch noch eine winzige Checkbox treffen.

Linux, KDE: Kopieren und ersetzen


Amarok 2: Lautstärkeregler


Bei einigen Programmen zum Abspielen von Musik am Computer, wie z.B. Amarok ist man neuerdings der Meinung, dass essentielle Stuerelemente, wie etwa die Lautstärkeregelung, möglichst nicht mehr zu sehen sein sollen. So erscheint der Schieberegler für die Lautstärke erst, wenn man ihn über einen Button aktiviert. Selbst die Funktion zum Stummschalten, die man mitunter „schnell mal braucht“ wenn das Telefon klingelt, ist erst nach Aktivierung über einen anderen Button vorübergehend sichtbar.

Linux, Amarok: Lautstärkeregler


Auto: Scheinwerferleuchte austauschen


Autos bieten immer mehr technische Finessen. So manches davon ist in Bezug auf die Sicherheit und den Komfort sicher sinnvoll. Das mit der Entwicklung der Fahrzeuge aber auch einhergeht, dass die Motoren unter Plastikverkleidungen versteckt werden und selbst eine einfache Leuchte eines Scheinwerfers nur noch in einer Werkstatt von Fachpersonal mit Spezialwerkzeug ersetzt werden kann, ist nicht unbedingt erfreulich.


Blog: WordPress speichert neuerdings eigenmächtig die Historie der Artikel


Auch die Software WordPress, die beispielsweise als Grundlage dieses Blogs in Verwendung ist, wird ständig weiterentwickelt. Bei den vielen tollen Neuerungen, welche die genialen Entwickler implementieren, gibt es aber auch immer mal Entwicklungen, die der ein oder andere Benutzer nicht verwenden möchte oder kann. Hierzu zählt beispielsweise die History-Funktion, die nach dem letzten Update automatisch aktiviert ist.
Grundsätzlich ist die Idee nicht schlecht. Bei jedem Speichern einer Änderung eines Artikels wird die alte Version gesichert, so dass man später die verschiedenen Versionen vergleichen und auch ältere Versionen wiederherstellen kann. Unglücklicherweise werden dadurch sehr viel mehr Daten gespeichert und die Datenbank wird unnötig aufgebläht. Da die Versionshistorie nicht sauber in einer separaten Datenbanktabelle abgelegt wird, sondern in die Tabelle geschreiben wird, in der sich auch die Daten befinden, die den Besuchern angezeigt werden, kann dies das System mit der Zeit verlangsamen und macht außerdem die Wartung unnötig schwer und unübersichtlich. Leider haben die Entwickler keine Möglichkeit vorgesehen, diese neue Standartfunktion zu deaktivieren. Oder besser noch: wer die Speicherung möchte, sollte sie selbst aktivieren. Alternativ könnte man einen Button anbieten, der es ermöglicht, nur selbst ausgewählte Stände in die Historie zu speichern. Speicherpunkte sozusagen, auf die man bei Bedarf zurückgreifen kann. Dann muss man nicht für jede noch so kleine Änderung den ganzen Artikel komplett in die Historie speichern.
Wenn die Historien-Funktion standardmäßig nach einem Update aktiviert ist, beginnt die Blogsoftware die bislang recht saubere Datenbankstruktur bei jedem Speichern eines Artikels ohne das Wissen des Seitenbetreibers zuzumüllen. Das nervt!
Alleine für diesen Artikel hat WordPress bereits vier Einträge in der Datenbank erzeugt, noch bevor der Text auch nur veröffentlicht ist. Und das obwohl ich mittlerweile dazu übergegangen bin, den Text in einem externen Editor zu schreiben, um nicht bei jeder kleinen Zwischensicherung einen Historien-Eintrag speichern zu müssen. Lediglich zur Verwendung der Vorschaufunktion, die nötig ist, um die Formatierung und die eingebundenen Bilder zu prüfen, habe ich den Text in der Datenbank gespeichert. Und damit gleich einen unnötigen Historien-Eintrag.


Sensortasten


Früher war eine Taste noch ein richtig tastbares Objekt, das man ohne hinzuschauen und im Dunklen ertasten konnte. Reagiert hat der Taster erst, wenn man den Druck erhöhte.
Mittlerweile verbauen immer mehr Hersteller Sensortasten. Die sehen zwar edel aus, sind aber im praktischen Einsatz nur eingeschränkt brauchbar, weil man sie nicht erfühlen kann und sie bei einer Berührung sofort reagieren … oder auch nicht. Wenn man beispielsweise den zweiten Taster von Links drücken will ohne hinzuschauen, kann man bei echten Tastern einfach über die Schalter streichen und den zweiten Taster betätigen. Macht man das bei Sensortasten, weiß man nicht, wo man gerade ist und wenn man den ersten Taster berührt, wird dieser schon ungewollt reagieren.

Sensortasten an einem Computermonitor

Sensortasten können nicht mehr, als normale Druckknöpfe, sind dafür aber eine ergonomische Katastrophe. Was für eine bescheidene Entwicklung.


Literaturverzeichnis:
[1]
Zeit verschwenden – Sinnlose Apps aus dem App Store; Computerwoche; Peter Müller; http://www.computerwoche.de/a/sinnlose-apps-aus-dem-app-store,3022181; 13.04.2013