9,5 Thesen gegen Wachstumszwang durch Zinsen

Die Armen werden immer ärmer und die Reichen immer reicher. Der Leistungsdruck steigt permanent und die Sozialleistungen werden nach und nach abgebaut. Bildungssysteme, Infrastruktur und das Gesundheitssystem werden privatisiert und in einen leistungs- und profitorientierten Wettbewerb gebracht. Arbeitsplätze werden unsicherer und vom Bruttolohn bleibt immer weniger Netto übrig. Die Antriebsfeder für diese negative Entwicklung ist im Geldsystem zu finden: Durch Zins und Zinseszins wachsen die Geldvermögen auf der ganzen Welt in Höhe der Zinsen. Die Vermögenszinsen werden seitens der Banken gewöhnlich durch die Zinsen auf Kredite finanziert, was zur Folge hat dass die Banken gezwungen sind Kredite zu vergeben – folglich müssen sich immer mehr Menschen verschulden. Das Geld zum tilgen der Schulden und der Zinsen der Kredite müssen die Schuldner anschließend wieder erwirtschaften.
Anders formuliert: Die Vermögen wachsen durch Zinsen. Die gestiegenen Vermögen bringen noch mehr Zinsen ein. Die Vermögenszinsen werden von den Banken über Kredite finanziert. Aufgrund der steigenden Vermögen und damit steigender Vermögenszinsen müssen immer größere Kredite vergeben werden. Das Geld für die Kredite muss der Kreditnehmer erwirtschaften. Das wiederum hat zur Folge, dass die Wirtschaft äquivalent zu den Vermögenszinsen wachsen muss. Die Vermögenszuwächse einer kleinen Gruppe von Menschen muss also von der Allgemeinheit erwirtschaftet werden. Ein klassisches Schneeballsystem, das am Ende zusammenbrechen muss, wenn keine geeigneten Nachschuldner mehr gefunden werden können.

Die Gefahren durch das Zinssystem sind bereits seit langem bekannt. Schon in der Bibel ist das Zinsverbot ein großes Thema:

Wenn du Geld verleihst an einen aus meinem Volk, an einen Armen neben dir, so sollst du an ihm nicht wie ein Wucherer handeln; du sollst keinerlei Zinsen von ihm nehmen.
2Mo 22,24

und du sollst nicht Zinsen von ihm nehmen noch Aufschlag, sondern sollst dich vor deinem Gott fürchten, dass dein Bruder neben dir leben könne.
3Mo 25,36

Denn du sollst ihm dein Geld nicht auf Zinsen leihen noch Speise geben gegen Aufschlag.
3Mo 25,37

Du sollst von deinem Bruder nicht Zinsen nehmen, weder für Geld noch für Speise noch für alles, wofür man Zinsen nehmen kann.
5Mo 23,20

wer sein Geld nicht auf Zinsen gibt / und nimmt nicht Geschenke wider den Unschuldigen. Wer das tut, wird nimmermehr wanken.
Ps 15,5

auf Zinsen gibt und einen Aufschlag nimmt – sollte der am Leben bleiben? Er soll nicht leben, sondern weil er alle diese Gräuel getan hat, soll er des Todes sterben; seine Blutschuld komme über ihn.
Hes 18,13

Doch leider halten sich die großen Kirchen selbst nicht an diese Regeln und profitieren als große Vermögensbesitzer still und heimlich vom Zinssystem – auf Kosten der Allgemeinheit.

Nun haben zwei Theologen und zwei Ökonomen im Rahmen der Initiative 9,5 Thesen am heutigen Freitag Thesen an die Tür der Frankfurter Paulskirche geschlagen, mit dem Ziel, die Institution Kirche zum Umdenken zu bewegen. Die Thesen sind ähnlich den 95 Thesen Martin Luthers gehalten, der seinerseits an den Glaubensgehorsam der Christen appellierte und gegen Missbräuche beim Ablass und besonders gegen den geschäftsmäßigen Handel mit Ablassbriefen auftrat. Die Thesen können hier nachgelesen werden. Erklärungen zu den Thesen sind hier zu finden. Die Thesen erläutern zunächst die Problematik des Zinssystems und gehen dann darauf ein, dass es nicht rechtens ist, dass Christen oder die Kirche Zinsen nehmen oder bezahlen. Abschließend wird auf Konzepte für Geldsysteme ohne Vermögenszinsen eingegangen, die es umzusetzen gilt, wobei die großen Kirchen als gutes Beispiel voranschreiten sollen.

Seitens der Kirchen gibt es keine produktive Resonanz. Die Gier ist größer als die sozialen Verpflichtungen.

Die Kirchen halten bislang wenig vom Systemausstieg. Ihre Thesen verschickte Frieling vor Monaten an die christlichen Oberhäupter der Republik. Die Evangelische Kirche antwortete scharf. Die Anspielung auf Luther sei „lächerlich“, das Thema verdecke wichtige andere Inhalte des Reformationstages. Die wenigen katholischen Bischöfe, die antworteten, fanden das Thema zwar interessant, aber finanziell schlecht umsetzbar.[1]

Quelle: FR-online


Update (27.12.2009):

Kirchen und Glaubensgemeinschaften haben eine große Reichweite und einen entsprechenden Einfluss. Sie könnten Signale setzen und mit gutem Beispiel voran gehen. Doch wie bereits gezeigt wurde, kommen sie dieser Aufgabe nicht nach. Stattdessen beschränken sie sich darauf jedes Jahr aufs neue sinnentleerte Floskeln zu verkünden. In Weihnachtspredigten prangern Bischöfe den Leistungsdruck an und kritisieren Wissenschaftsgläubigkeit, Promi-Fernsehshows, den Lifestyle an sich – und vor allem die Konsumgesellschaft[2].

„Wir leben in einer Gesellschaft, die schon für die Kinder und Jugendlichen einen ungeheuren Druck aufbaut“, kritisierte er. Der Druck entstehe, weil „nur derjenige angesehen ist, der in seinem Beruf Überdurchschnittliches leistet und dessen Verdienst entsprechend hoch ist“.[2].

Quelle: Der Spiegel

Was in einem Geldsystem, das ein ständiges Wachstum erzwingt kaum verwunderlich sein dürfte. Um so mehr müssten die Kirchen – würden sie ihre Aussagen ernst meinen – sich dafür einsetzen, dass eine Grundlage geschaffen wird, auf der die Menschen tatsächlich friedlich und ohne übermäßigen Leistungszwang miteinander leben können.

Auch der Rottenburger Weihbischof Thomas Maria Renz sieht in Weihnachten eine Verpflichtung für die Gläubigen, die Welt zu retten und sie nicht tatenlos dem Verderben und dem Untergang preiszugeben. So müssten Christen angesichts der gescheiterten Weltklimakonferenz in Kopenhagen als leuchtendes Beispiel dafür vorangehen, umzudenken und umwelt- und klimazerstörende Lebensweisen zu verändern, mahnte Renz im Rottenburger Dom.[2].

Quelle: Der Spiegel

Auch hierfür muss zunächst die Basis geschaffen werden. Solange der Zwang zum grenzenlosen Wirtschaftswachstum besteht, muss immer mehr produziert und konsumiert werden, was natürlich eine entsprechende Belastung der Umwelt zu Folge hat. Der Weihbischof Thomas Maria Renz spricht zwar davon, dass die Christen als gutes Beispiel vorangehen sollen, erwähnt aber nicht, dass die Kirche als Institution sich dafür einsetzen soll. Der gutgläubige soll also öfter mal das Auto stehen lassen und zu Fuß zum Gottesdienst kommen, eine Wirkliche Veränderung soll es aber nicht geben.

Leider denken die Entscheidungsträger in den Kirchen und Glaubensgemeinschaften scheinbar in erster Linie an sich und ihr Vermögen. Da sie von diesem System auf Kosten der anderen Menschen durchaus profitieren, unternehmen sie natürlich nichts dafür, diese Zustände nachhaltig zum Wohle der Allgemeinheit zu ändern. Immerhin wissen sie, was sie tun sollten und klagen sich ganz offen selbst an:

Zollitsch beklagte, die Menschenwürde sei dort angefochten, „wo Entscheidungsträger nur an sich denken“ und sich „lediglich ihrem eigenen Profit verantwortlich wissen“. Verloren gegangen sei offenbar die Weisheit, „dass wir Menschen Ruhe und Stille brauchen“.[2].

Quelle: Der Spiegel


Update (24.03.2010):

Es scheint etwas Bewegung in die Kreise der christlichen Menschen zu kommen: Der schwierige Weg in ein christliches Finanzsystem


Literaturverzeichnis:
[2]
Kirche prangert Leistungsdruck in Deutschland an; http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,669013,00.html; 25.12.2009