Betrügerische Geldsysteme

Im Oktober veröffentlichte die Europäische Zentralbank einen Bericht mit dem Titel „Virtual Currency Schemes“, in dem auf die möglichen Gefahren virtueller Währungen, wie etwa die Bitcoins hingewiesen wird.[1] Unter anderem wird die Frage gestellt, ob Bitcoins nach dem Ponzi-Schema funktionieren, es sich also um ein (illegales) Schneeballsystem handelt. Ein Merkmal eines solchen Systems ist es, dass immer neue Menschen einsteigen müssen, um die Gewinne der vorherigen Teilnehmer zu finanzieren. Dies ist beim Bitcoin-System durchaus der Fall, denn um die erworbenen Bitcoins in eine offizielle Währung umtauschen zu können, müssen die bestehenden Teilnehmer neue Teilnehmer finden, welche ihnen die Bitcoins abkaufen. In dem Bericht wird für die Definition eines Ponzi-Schemas die US Securities and Exchange Commission zitiert:

A Ponzi scheme is an investment fraud that involves the payment of purported returns to existing investors from funds contributed by new investors. Ponzi scheme organizers often solicit new investors by promising to invest funds in opportunities claimed to generate high returns with little or no risk. In many Ponzi schemes, the fraudsters focus on attracting new money to make promised payments to earlier-stage investors and to use for personal expenses, instead of engaging in any legitimate investment activity.[1] (S. 27)

Ein Ponzi-Schema ist ein Investitionsbetrug, bei dem die angeblichen Gewinne bestehender Teilnehmer durch Einzahlungen neuer Investoren gewährleistet werden. Betreiber eines Ponzi-Schemas bewerben neue Investoren mit dem Versprechen, hohe Renditen mit geringen Einsätzen und geringen Risiken zu generieren. In vielen Ponzi-Schemas zielen die Betrüger darauf ab, neues Geld anzulocken, um versprochene Auszahlungen an frühere Investoren tätigen zu können und um ihren persönlichen Gewinn zu steigern, anstatt damit legale Investitionen zu tätigen.

Die Ironie an diesem Bericht ist nun, dass zwar die virtuellen Währungen kritisiert und als betrügerisches Schneeballsystem bezeichnet werden, aber nicht erwähnt wird, dass auch die offiziellen Währungssysteme auf dem gleichen Prinzip aufgebaut sind. Auch hier müssen permanent neue Nachschuldner gefunden werden, um alte Forderungen zu bedienen. Dafür sorgt der Zinseszins. So wie das Bitcoin-System zusammenbricht, wenn keine neuen Mitspieler einsteigen, so würde auch der Euro, der Dollar oder eine beliebige andere offizielle Währung zusammenbrechen, wenn keine neuen „Mitspieler“ gefunden werden, die Kredite aufnehmen. Auf diese Weise werden ganze Staaten zwangsweise verschuldet und immer neue „Rettungsschirme“ sollen sicherstellen, dass die Verschuldung weitergehen kann. Gedeckt ist die Neuverschuldung in diesem weltweiten offiziellen Spiel durch Wirtschaftswachstum, weshalb die amtierenden Politiker nicht müde werden zu betonen, wie wichtig das Wirtschaftswachstum ist. Auf Umweltschutzbelange kann da natürlich auch keine Rücksicht genommen werden. Wachstum, Wachstum über alles! Wir leben mit einem gigantischen Schneeballsystem, das Leid und Zerstörung in einem unvorstellbaren Ausmaßes zur Folge hat, aber die Verantwortlichen machen sich nur Gedanken über experimentelle Geldsysteme im virtuellen Raum. Dabei hätten sie genug vor der eigenen Haustür zu kehren.

Mehr zum Thema Ponzi-Schema, habe ich bereits vor einiger Zeit im Artikel „Das Ponzi-Schema und das heutige Geldsystem“ geschrieben.


Literaturverzeichnis:
[1]
Virtual Currency Schemes; European Zentral Bank; http://www.ecb.int/pub/pdf/other/virtualcurrencyschemes201210en.pdf; 10.2012