2,8 Prozent

Vor etwas über einem Jahr erschien auf der Website der ARD ein Artikel über das zu erwartende Wirtschaftswachstum. Laut dieses Berichts erwarten die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute für das Jahr 2011 ein Plus des Bruttoinlandsprodukts von 2,8 Prozent.[1] Das klingt auf den ersten Blick vielleicht ganz gut, es ist jedoch so, dass ein solches Wachstum jedes Jahr erbracht werden muss, damit dieses Finanzsystem weiterhin bestehen kann. Falls Sie noch keine Vorstellung davon haben, was ein Wachstum von 2,8 Prozent bedeutet, soll Ihnen das folgende Beispiel die zu erwartende Dynamik veranschaulichen.

Spaghetti
Angenommen, Sie essen am 1. Januar lediglich 1 Gramm Nudeln. Das ist wenig und sie werden sehr hungrig schlafen gehen. Am nächsten Tag gönnen sie sich 2,8 Prozent mehr. Sie können dann immerhin 1,06 Gramm essen. Am dritten Tag dürfen Sie 1,09 Gramm zu sich nehmen und nach einer Woche 1,21 Gramm. Am 1. Februar stehen Ihnen 2,42 Gramm zu.
Bei einem mageren Zuwachs von 2,8 Prozent pro Tag werden Sie offensichtlich auch nach einem Monat von der errechneten Tagesration nicht so richtig satt. Sonderlich dramatisch ist der Zuwachs von 2,8 Prozent also offensichtlich nicht. Sicher? Schauen wir, wie es weiter geht. Am 1. März dürfen Sie sich bereits 5,39 Gramm Nudeln gönnen und am 1. April bereits 12,69 Gramm. Zugegeben, das ist noch nicht sehr viel. Nach einem halben Jahr am 1. Juli stehen Ihnen 156,58 Gramm zu. Das ist immer noch nicht sehr viel. Aber gedulden Sie sich noch drei Monate. Am 1. Oktober müssen Sie 1,93 Kilogramm Nudeln verdrücken. Jetzt wird es anstrengend. Schaffen Sie das noch? Vielleicht gerade so. Aber am 1. Januar des nächsten Jahres werden Sie schon lange keine Freude mehr beim Essen haben. Da müssten Sie nämlich bereits über 24,5 Kilogramm zu sich nehmen, um dem kleinen Zuwachs von gerade einmal 2,8 Prozent gerecht zu werden.

Sie sehen, die immer wieder erhofften 2,8 Prozent Wirtschaftswachstum klingen zunächst sehr zurückhaltend. Aber nach einer langen unauffälligen Anlaufphase geht es plötzlich sehr schnell. Jetzt wissen Sie, was es bedeutet, sich ein exponentielles Wachstum zu wünschen.
Im Wirtschafts- und Finanzsystem reden wir zwar nicht von einer Steigerung von 2,8 Prozent pro Tag, sondern von einer solchen Steigerung pro Jahr, so dass dieser Zuwachs erst in knapp 370 Jahren zu erwarten ist, aber das bedeutet immer noch, dass sich die Wirtschaftsleistung alle 25 Jahre verdoppeln muss. Wenn Sie heute vier Brötchen am Tag essen, müssen Sie in 25 Jahren acht Brötchen essen und in 50 Jahren sind es bereits 16 Brötchen. Wenn Sie nach heutigen Verhältnissen alle vier Jahre ein neues Auto kaufen, um einen angemessenen Beitrag zur Wirtschaft zu leisten, müssen Sie in 50 Jahren jedes Jahr ein Auto kaufen, damit ihr Anteil an der dann nötigen Wirtschaft gleichbleibend ist. Falls Sie sich das nicht leisten können, muss ein anderer Einspringen und mehr kaufen. Andernfalls kann das errechnete Wirtschaftswachstum nicht erbracht werden.
Machen Sie sich das bitte bewusst. Wenn ein Politiker oder Wirtschaftsexperte von einem Wachstum von 2,8 Prozent pro Jahr redet, bedeutet dies, dass sie in 50 Jahren vier mal so viel arbeiten und kaufen müssen, wie heute. Ihre Enkel müssen in 100 Jahren gar 16 mal so viel arbeiten und kaufen. Wie viele Stunden arbeiten Sie heute? Acht Stunden am Tag? Ihre Enkel müssen dann bei einem Wirtschaftswachstum von 2,8 Prozent im Jahr 128 Stunden am Tag arbeiten, was aus naheliegenden Gründen kaum möglich sein dürfte. Sie können aber auch einfach 128-mal so schnell arbeiten. Gelingt ihnen das nicht, wird das Finanz- und Wirtschaftssystem wie wir es kennen zusammenbrechen.


Literaturverzeichnis:
[1]
Forscher erwarten 2,8 Prozent Wachstum; http://www.tagesschau.de/wirtschaft/konjunkturprognose118.html; 07.04.2011

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